Digital

Mit der Bibliothek unterm Arm

Wir haben im Kindle, Amazons Lesegerät für elektronische Bücher, gelesen.

Bald auch in Zürcher Trams anzutreffen? Der Kindle, hier noch in der New Yorker U-Bahn.

Bald auch in Zürcher Trams anzutreffen? Der Kindle, hier noch in der New Yorker U-Bahn.
Bild: Reuters

Als letzte analoge Bastion soll das Buch geschleift werden, vom E-Book-Reader. Der Kindle von Amazon, die Geräte von Sony und der nur in den USA erhältliche Nook von Barnes & Noble bilden die Vorhut, für 2010 ist mit einem Grossaufgebot an weiteren digitalen Lesegeräten zu rechnen. Dass Apple mit dem iPad ein Gerät lanciert, dass auch elektronische Bücher anzeigt, ist bislang aber blosse Spekulation.

Bisher widersetzt sich das gedruckte Buch der Verdrängung durch digitale Pendants erfolgreich. Schon im Jahr 2000, während der Internetblase, sollte das E-Book seinen Siegeszug antreten. 2001 war dieser Traum vorbei, und AOL und Random House mussten ihre E-Book-Abteilungen dichtmachen. Seither hat der technische Fortschritt die Chancen des elektronischen Buchs markant verbessert. Die Geräte wurden leichter und insbesondere pflegeleichter. Ein entscheidender Schritt war die Einführung des elektronischen Papiers.

Das E-Paper ersetzt die LCD-Anzeige der Geräte der früheren Generationen. Es funktioniert nicht wie ein Computermonitor, sondern vielmehr wie bedrucktes Papier, indem es Inhalte mittels kleinen Kügelchen zur Darstellung bringt. Der Text ist lesbar, ohne dass eine Hintergrundbeleuchtung strahlt. Das ermüdet die Augen weniger und ist authentischer als das Lesen ab Computerbildschirm oder Handydisplay.

Fühlbar anders

Das E-Paper ist ein grosser Schritt zu einem angenehmen Lesegefühl und der Kindle deshalb die überzeugendere Alternative zum gedruckten Buch als seine Vorgänger. Doch während technikfreundliche Nutzer den Fortschritt loben, kritisieren dem Papier verbundene Leser die Mängel, die man Kindle & Co. noch austreiben könnte: Die Schrift wirkt blasser als bei einem hochwertig gedruckten Buch und weniger scharf. Der Bildschirm ist nicht so weiss wie Papier und spiegelt auch mehr. Der Kindle liegt trotz Kunstledereinband nicht wie ein solide gebundenes Buch in der Hand. Er fühlt sich nach dem an, was er ist: Nach einem technischem Gerät aus Kunststoff. Und so riecht er auch - nach Plastik und Hightech, nicht nach Papier, Druckerschwärze, Einbandmaterial und Leim.

Nicht ganz so echt wie das richtige Leben wirkt der Kindle auch beim Umblättern. Zur nächsten Seite wechselt man nicht mit einer unbewussten Handbewegung, sondern per Tastendruck. Typisch ist das Flackern der Anzeige beim Seitenwechsel. Es entsteht, wenn die elektronische Tinte gelöscht und der Bildschirm mit neuem Inhalt gefüllt wird. Bei den Sinneseindrücken läuft der Kindle den Erfahrungen zuwider, die Vielleser in Tausenden Lektürestunden verinnerlicht haben.

Das E-Paper hat gegenüber der LCD-Anzeige den weiteren Vorteil, dass es keine elektrische Spannung braucht, um die Anzeige zu erhalten. Der Kindle zeigt selbst in ausgeschaltetem Zustand Text oder Bilder auf dem Display an. Nur beim Erneuern der Anzeige braucht es Energie. Schaltet man ausserdem den Mobilfunkempfang nur ein, wenn man Bücher lädt, dann liest man wochenlang, bevor das Gerät an die Steckdose muss.

Bücher via Whispernet

Amazon liefert den Kindle 2 seit November auch in die Schweiz. Bücher besorgt man sich direkt am Gerät, drahtlos. Es nutzt eine Datenverbindung per Mobilfunknetz. Das nennt sich «Whispernet» und ist einmalig, weil es in ganz Europa funktioniert, ohne dass für den Nutzer Roaming-Gebühren oder Kosten für ein Abo oder für eine Prepaid-Karte anfallen. Der integrierte Buch-Download ist der entscheidende Vorteil gegenüber dem schon länger erhältlichen Sony-Reader PRS-505. Den muss man für die Bestückung mit Büchern an den PC hängen und umständlich mit einer Transfer-Software hantieren.

Im Kindle Store gibt es bislang erst englischsprachige Bücher. Deutschsprachige Titel sollen folgen, allerdings ist der Zeitpunkt noch offen. E-Books aus anderer Quelle lassen sich nur auf Umwegen auf den Kindle bringen. Calibre (http://calibre-ebook.com) konvertiert Bücher aus anderen Formaten für den Kindle und unterstützt namentlich das Epub-Format, in dem elektronische Bücher bei books.ch oder bei Google Books erhältlich sind. Allerdings nur solche ohne DRM (Kopierschutz).

Mit dem Kindle trägt man seine ganze Bibliothek unter dem Arm, ohne dass die dicken Schmöker ins Gewicht fallen würden. Und man versorgt sich jederzeit mit neuem Lesestoff, solange Mobilfunkempfang besteht. Das sind die Vorteile der Digitalisierung - ebenso der Umstand, dass man die Schriftgrösse in sechs Stufen anpassen, sich einzelne Bücher mittels Sprachausgabe vorlesen lassen und Wörter per Tastendruck im Oxford Dictionary nachschlagen kann.

Bei der Benutzerfreundlichkeit hat das klassische Buch, wie wir es seit Gutenberg kennen, bis auf weiteres einen satten Vorsprung. Den Gadgetfreaks wird es natürlich leichtfallen, sich mit den Eigenheiten des Buchs in digitaler Form abzufinden und am 259 Dollar (plus Versand ca. 300 Franken, erhältlich via amazon.ch) teuren Gerät Gefallen zu finden. Weniger technoiden Leseratten dürfte das Lesegefühl allerdings zu artifiziell sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2009, 08:51 Uhr

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