Das iPad ist, was man daraus macht
Von Roger Zedi. Aktualisiert am 26.05.2010 35 Kommentare
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«Schön und gut. Aber braucht man das?» So reagiert die Mehrheit der Leute auf Apples (AAPL 562.29 -0.54%) neustes Gadget, das iPad. Umgehend gerät man in Erklärungsnotstand, denn was ausser Wasser, Nahrung und Luft braucht der Mensch schon wirklich? Weil das iPad eine neue Kategorie von persönlichen Geräten verkörpert, ist es umso schwieriger, seinen Nutzen kurz und knapp darzulegen. Und dass es auf Youtube Videos von Katzen gibt, die darauf Klavier spielen, hilft auch nicht weiter.
Drei Dinge
Drei Dinge über das iPad muss man sich vor Augen halten, wenn man dessen Existenzberechtigung beurteilt. Erstens ist es kein Computer-Ersatz, der für sich alleine steht, das iPad ist ein Zweitcomputer – mobiler als der PC, leichter als ein Laptop und grösser als ein Smartphone.
Zweitens ist es vorwiegend, aber nicht ausschliesslich dafür gedacht, Inhalte zu konsumieren: Musik, Fotos und Filme ebenso wie das Web, E-Mails, E-Books und Games. Alle diese Dinge erledigt es hervorragend, flink und mit hohem Spassfaktor.
Drittens ist das iPad, was man daraus macht. Ob man es hauptsächlich als Sofakino, als Spielkonsole, als Schreibwerkzeug, zum Lesen im Bett, unterwegs als Nachschlagewerk oder alles oben genannte zusammen nutzt, ist ganz einem selbst überlassen. Die Sinnstiftung liegt ganz beim Anwender. Und die Möglichkeiten sind mannigfaltig, gibt es doch bereits mehr als 5000 dedizierte iPad-Apps (plus über 200 000 iPhone-Apps, die ebenfalls darauf laufen, siehe Box).
Tastatur anschliessen möglich
Im Vergleich mit Laptops und den kleineren Netbooks wird oft die fehlende Tastatur am iPad bemängelt. Für kurze Texte, etwa um rasch eine Antwort auf ein E-Mail zu verfassen, reicht die Bildschirmtastatur vollkommen aus. Selbst das Schreiben im Zehnfingersystem ist möglich, auch wenn es Übung braucht und es der Gewöhnung bedarf, dass man die Finger nicht auf der Tastatur ruhen lassen kann. Wer längere Texte verfassen muss, kann zudem eine externe Tastatur anschliessen. Das funktioniert sowohl via Bluetooth als auch via USB, wobei in letzterem Fall ein Zwischenstecker nötig ist, der als Zubehör erhältlich ist (siehe Box). Einziger Haken dabei: Die Batterie, die ansonsten locker einen Arbeitstag oder Langstreckenflug lang hält, wird stark beansprucht. Was besonders im Fall der USB-Tastatur ein Manko ist, denn das iPad kann nicht gleichzeitig am Strom angeschlossen werden.
Die Kombination aus physischer Tastatur und Touchscreen (statt Maus oder Mauspad) hat jedoch ihren Reiz. Welcher iPhone-Vielnutzer hat sich nicht schon dabei ertappt, am PC aus lauter Gewohnheit mit dem Finger auf Dinge klicken zu wollen? Es ist durchaus denkbar, dass Touchinterfaces à la iPhone und iPad dereinst auf Desktop-PCs zum Einsatz kommen könnten. Die langfristigen Folgen der enormen Popularität dieser Bedienungsform sind jedenfalls noch kaum absehbar.
Gutes Office, schwache iBooks
Aber zurück zur Gegenwart. Besser als erwartet schneidet das iPad im OfficeBereich ab. Die von Apple komplett neu verfassten iWorks-Apps für das iPad (Pages, Numbers und Keynote) sind intuitiv zu bedienen. Die Möglichkeiten sind zwar etwas eingeschränkt gegenüber dem Mac, aber für den gelegentlichen Gebrauch ausreichend. Dokumente werden innerhalb der iPad-Apps angelegt (ein Dateisystem wie der MacFinder oder der Windows-Explorer ist für den Nutzer unsichtbar) und können per E-Mail verschickt werden. Erfreulich funktioniert auch der Austausch mit Word, Excel und Powerpoint, Microsofts Office-Programmen. Das Einzige, was fehlt, ist die Möglichkeit, direkt ab dem iPad zu drucken. Enttäuschend fällt hingegen iBooks in der Schweiz aus. Nicht, weil das iPad kein guter E-Book-Reader wäre, sondern, weil die Auswahl an digitalen Büchern sich hierzulande auf jene beschränkt, deren Urheberrechte abgelaufen sind. So bietet Apples Schweizer Buchladen zwar lauter Gratis-Titel an, aber aktuelle Bücher sucht man vergebens. Wie schon beim iTunes-MusikShop wird es wohl ein, zwei Jahre dauern, bis das lokale Angebot qualitativ jenem in den USA entspricht (auf Filme und TV-Serien warten wir immer noch). Zum Glück kann man auf E-Books von Amazon zurückgreifen, die dank der Kindle-App auf dem iPad laufen.
Das iPhone ist plötzlich so klein
Schon nach wenigen Tagen mit dem iPad sieht man seine anderen Geräte in einem neuen Licht. Das neuste Mitglied in der persönlichen Gadget-Familie streicht die Stärken und Schwächen der andern hervor. Am Desktop-PC schätzt man den grossen Bildschirm, seine Rechenleistung in der Bild- und Videobearbeitung und die Tastatur mehr als zuvor. Das iPhone hingegen war nie so klein, es wirkt auf einmal wie ein «iPad mini». Klar, es kann telefonieren und SMS schreiben, hat eine Kamera und als iPod ist es handlicher. Aber darauf ist man bis vor wenigen Tagen im Web gesurft?
Am härtesten trifft es das Laptop – dessen Tage sind im Haushalt des Schreibers zumindest gezählt. Zu klobig und schwer, es immer mit sich herumzutragen, das relativ leichte iPad hingegen packt man viel eher in die Tasche.
Alle Macht dem Finger
Das iPad ist bei weitem nicht der erste Tablet-Computer, auch nicht der erste Versuch, zwischen Handy und Laptop eine weitere Kategorie zu erschaffen. Doch weil es eben kein «Laptop mit abgeschnittener Tastatur» (Windows-Tablet-PCs) und auch kein hässlicher Zwitter aus Handy und Laptop (Ultra-Mobile-PCs) darstellt, sondern konsequent und radikal auf die simple Bedienung durch den Finger setzt, wird es seine Nische im Gadget-Ökosystem finden.
Braucht man das iPad nun also? Vielleicht. Was aber sicher ist: Es ist absolut brauchbar. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.05.2010, 09:53 Uhr
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