Die alten Filmrollen zerfallen
Von Walter Jäggi. Aktualisiert am 20.01.2011 7 Kommentare
Schriften und Bilder, die uns die Römer hinterlassen haben, sind auch nach Jahrtausenden noch lesbar. Was wir mit audiovisueller Technik hinterlassen, wird für zukünftige Generationen jedoch zum grossen Teil unentzifferbar bleiben. Die Filme aus dem Kinozeitalter sind ausgebleicht, zerkratzt oder haben sich chemisch zersetzt, und für die ersten Videoaufnahmen aus den Siebzigerjahren gibt es schon jetzt keine Abspielgeräte mehr. Die audiovisuellen Erbstücke ganzer Generationen, ob Filmkunst von Profis oder Ferienerinnerungen von Amateuren, sind akut in Gefahr. Doch jetzt haben Forscher automatische Digitalisierungssysteme entwickelt, um das empfindliche Material länger haltbar zu machen. Ob damit der Wettlauf gegen die Zeit gewonnen werden kann, ist ungewiss.
Die Erhaltung der Filme und Magnetbänder ist arbeitsaufwendig und teuer, vor allem, wenn auch die Restaurierung nötig wird. Ziel ist deshalb heute eine so weit wie möglich gehende Automatisierung aller Vorgänge. Das Imaging & Media Lab der Universität Basel und das Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich entwickeln seit 2008 das System Afresa für automatische Erfassung und Aufbereitung von Kinofilmen. Die Förderagentur des Bundes für Innovation (KTI) unterstützt das Projekt, an dem aus der Filmbranche auch die Zürcher Firma Swiss Effects beteiligt ist.
Restaurierung von Hand
Afresa besteht aus einem Scanner, der die Bilder digitalisiert, sowie aus einer Reihe von Softwaretools, die anschliessend automatisch die typischen Altersschäden von Kinofilmen beheben. Ausgebleichte Farben werden mithilfe eines mathematischen Modells der Farbstoffchemie wieder bunt gerechnet, Kratzer werden automatisch erkannt und durch das Kopieren von Pixeln aus dem gleichen Bildteil ausgebessert.
Das System wurde in einer Pilotphase bei bisher zehn Restaurierungsprojekten eingesetzt. Peter Fornaro, der an der Uni Basel die Entwicklung leitet, sagt: «Handarbeit sollte nur noch in Betracht gezogen werden, wenn sie sich wirklich lohnt, für die grosse Menge des Archivmaterials wird die automatische Digitalisierung genügen müssen.»
Teure Restaurierungen
Ein Beispiel: Die Restaurierung des Spielfilms «Das Boot ist voll», dessen Negativ unsachgemäss gelagert worden war und die Handretuschen erforderte, kostete 335'000 Franken, sieben Speziallabors mussten mithelfen. Die gesamte Herstellung des Filmes hatte 1,4 Millionen Franken gekostet. Finanziert wurde die Restaurierung unter anderem durch Memoriav, die Organisation, die sich in der Schweiz um die Erhaltung des audiovisuellen Erbes kümmert. Archive, die ihre Bestände nicht oder kaum kommerziell auswerten können, haben gar nicht die Mittel für solche perfekte Lösungen. Selbst die grossen Hollywood-Studios können nur ausgewählte Filme mit Denkmalcharakter erhalten.
Die audiovisuellen Archivbestände haben schwindelerregende Ausmasse: In Europa lagern 10 Millionen Stunden Filme, 16 Millionen Stunden Videoaufnahmen und 20 Millionen Stunden Audiomaterial. «Ein grosser Teil dieser Archivbestände benötigt aufgrund seiner fortschreitenden Alterung dringend Konservierungsmassnahmen, um nicht völlig unbrauchbar zu werden», schreibt das österreichische Forschungsinstitut Joanneum Research, das an einem EU-Projekt zur Erhaltung der audiovisuellen Bestände beteiligt ist.
Verlorene Zeitdokumente
Auch die Cinémathèque Suisse, die gerade für mehr als 50 Millionen Franken einen Neubau errichtet, um die Lagerbedingungen für die Filme zu verbessern und die Digitalisierung voranzutreiben, wird nicht jeden Film retten können. «In zehn Jahren werden wir einen Teil davon verloren haben, wie viele, wissen wir nicht», sagt Direktor Frédéric Maire. Von den Stummfilmen seien weltweit nur 20 Prozent erhalten geblieben. Wie viele Dokumentar-, Industrie- und Amateurfilme in den letzten Jahrzehnten spurlos untergegangen sind, weiss niemand zu sagen.
Filme sind fragil, altes Material ist bedroht von Selbstentzündung oder chemischer Zersetzung. Sie müssen zuerst einmal chemisch behandelt werden, defekte Perforationslöcher und alte Klebestellen müssen von Hand ausgebessert werden, dann werden neue Kopien hergestellt. Die Bestimmung der Farben gemäss den damaligen Ideen der Regisseure ist ein weiterer heikler Schritt.
Schatzkammer des Fernsehens
Besonders kompliziert wird es, wenn spezielle Filmformate wie Cinemascope oder Cinerama vorliegen oder wenn, wie dies häufig der Fall war, der Film im Laufe der Zeit mehrfach verändert wurde, zum Beispiel gekürzt oder zensiert. Für die Langfristsicherung im klimatisierten Archiv werden derart restaurierte Werke wieder konventionell auf Film belichtet, für den täglichen Gebrauch aber digital gespeichert, womit sie dann weiterhin in den Kinos gezeigt werden können, wo in den nächsten Jahren die alten Projektoren verschwinden werden und digitalen Geräten Platz machen müssen.
Mit einer grossen Vielfalt an Trägermedien hat es das Schweizer Fernsehen zu tun: Ursprünglich wurden Reportagen mit 16-Millimeter-Filmkameras gedreht, 4500 Stunden davon sind bereits auf Video überspielt worden, 7500 Stunden warten noch darauf. Vor allem aber lagern in den SRG-Archiven 300'000 Videokassetten mit über 200'000 Stunden Aufnahmen. Sie in ein digitales Format zu wandeln und auf neue Kassetten abzuspeichern, ist eine zeitraubende Routinearbeit, die aber mittlerweile von einem eigens dafür entwickelten Robotersystem erledigt wird.
Automatisierter Fortschritt
Modernes Filmmaterial soll bei richtiger Lagerung mehr als vier Jahrhunderte halten. Wenn Filme und analoge Videoaufnahmen in digitaler Form neu gespeichert sind, ist jedoch noch keineswegs die Langzeitsicherung garantiert. Im Vergleich zu den analogen Originalen auf Film enthalten die digitalen Versionen auch deutlich weniger Daten, wenn sie mit einem platzsparenden Kompressionsverfahren, zum Beispiel auf DVD, abgelegt werden.
Die Technik der Datenspeicherung macht schnelle Fortschritte. Die Speicherdichte nimmt laufend zu, und die Geräte werden schneller. Die Experten des Imaging & Media Lab rechnen damit, dass die Lesbarkeit von Magnetbändern nur für sechs bis zehn Jahre gesichert ist. Die Archive stellen sich deshalb darauf ein, in Zukunft ihre ganzen Bestände rollend neu zu speichern, nahtlos von einer Technik zur nächsten zu migrieren. Auch dieser Vorgang muss automatisiert werden, soll er überhaupt noch zu finanzieren sein.
500 Jahre haltbar
Die Basler Forscher haben ein Speicherverfahren entwickelt, das dauerhafter ist als das in der Computertechnik übliche Magnetband und unabhängig von den sich laufend ändernden Hardware- und Betriebssystemen. Sie stellen die digitalen Daten in Form von winzigen Strichcodes dar, die auf Mikrofilm geschrieben werden. So lassen sich grosse Datenmengen auf kleinem Raum solid für lange Zeit aufbewahren.
Nach Angaben des deutschen Fraunhofer-Instituts halten modernste Mikrofilme über 500 Jahre lang. «Indem die Archivdaten vom operativen Informatiksystem abgekoppelt werden, können sie quasi offline aufbewahrt und zu jedem beliebigen Zeitpunkt wieder in ein künftiges System integriert werden», beschreibt die Vorteile Andreas Hoffmann, der an einem Fraunhofer-Institut ebenfalls das Thema «Bits on film» bearbeitet. Das Zeitalter des Films scheint doch noch nicht zu Ende zu sein. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.01.2011, 21:38 Uhr
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7 Kommentare
@U.Scheidegger: Im Prinzip ja, die Gefahr ist aber dass ausnahmslos alles was irgendwo noch vorhanden ist als wichtig eingestuft wird. Man denkt leider oft in zu kurzen Zeiträumen, von 1800 haben wir keine Mediendaten und das geht auch. Und bezüglich 2200 gibt es auch Wichtigeres: so wie die Welt derzeit ruiniert wird, ist sehr ungewiss ob und welche Menschen-Gesellschaft es dann noch gibt. Antworten
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