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Nokia meldet sich zurück

Von Roger Zedi. Aktualisiert am 17.10.2011 10 Kommentare

Die Finnen bauen immer noch hervorragende Hardware, wie das neue Handy zeigt. Das reicht aber nicht.

Aus einem Block gefräst: Nokias neues Smartphone N9 gibt es in Cyan, Magenta oder Schwarz.

Aus einem Block gefräst: Nokias neues Smartphone N9 gibt es in Cyan, Magenta oder Schwarz.
Bild: PD

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Der globale Handymarkt ist in den letzten Jahren völlig umgewälzt worden. Samsung ist zum grössten Handyhersteller aufgestiegen, das meistverkaufte Smartphone stammt von Apple, Googles Android etabliert sich mehr und mehr als grösste Software-Plattform. Sämtliche drei Spitzenpositionen hatte einst Nokia ( 2.82 2.92%) inne. Von den Finnen hat man im laufenden Jahr nicht viel gehört, und noch weniger Gutes. Auch an der für die Endkunden wichtigen Gerätefront hat sich kaum etwas Nennenswertes getan.

Aus einem Block gefräst

Nun legt Nokia mit dem N9 das neuste Flaggschiff vor. Zunächst die gute Nachricht: Die Hardware überzeugt und kann absolut mit der Konkurrenz mithalten. Das schlanke, leichte Smartphone ist aus einem Polykarbonat-Block gefräst, worin das elektronische Innenleben eingebettet ist, abgedeckt von einem brillanten, bunten und kontrastreichen Amoled-Bildschirm mit 3,9-Zoll-Diagonale.

Hervorragend auch die Kamera – 8 Megapixel und ein Zeiss-Objektiv garantieren gute Bilder, das N9 kann es durchaus mit einer kompakten Digitalkamera aufnehmen. Die Videofunktion besticht unter anderem damit, dass sie auch in schwierigen, kontrastreichen Lichtsituationen schön beleuchtete Filmchen aufzeichnet (in 720 p HD). Ebenfalls an Bord ist NFC (Near Field Communication), eine Technologie, mit der Geräte drahtlos Daten austauschen können. Unter anderem sollen künftige Bezahldienste darauf aufbauen.

Radikales Touch-Interface

Was zudem am N9 auffällt: Ein sogenannter Home-Button fehlt komplett. Abgesehen von seitlich angebrachten Laut-/Leise-Tasten sowie einer Stand-by-Taste gibt es keinen weitern Knopf. Um das Gerät aufzuwecken, tippt man doppelt auf den Bildschirm. Ein Seitwärts-«Swipe» vom Rand aus legt den Home-Screen frei, auf dem alle Apps abgelegt sind. Deren Icons sind übrigens etwas sehr bunt geraten. Mit weiteren Seitwärts-Wischs wechselt man zur Übersicht der offenen Programme (Multitasking) und zum Nachrichten-Stream, der laufend eingehende SMS mit Facebook- und Twitter-Meldungen kombiniert. Aus einer offenen App wischt man sich stets seitwärts zurück auf den Home-Screen – leider kann das etwas verwirrend sein, wenn man beispielsweise nur innerhalb einer App «zurück» möchte, darf man nur den inneren Teil des Bildschirms streicheln, sonst fliegt man ganz raus.

Diverse populäre Apps nicht dabei

Das Swipe-Interface des N9 ist gewöhnungsbedürftig und hat seine Tücken. Damit findet man sich aber schon innert ein, zwei Tagen treffsicher zurecht. Die strenge Reduktion auf die drei Haupt-Screens (Apps, Multitasking und News-Stream) ist konsequenter als etwa bei Android, weshalb es für Smartphone-Neulinge einfacher sein dürfte, sich auf dem N9 zurechtzufinden. Das N9 hat aber auch seine Grenzen: So kann man unter anderem keine Ordner von Apps anlegen, der App-Haupt-Screen wächst bei wachsender Anzahl von Progrämmchen einfach stets nach unten.

Das hingegen dürfte vielleicht gar nicht so zum Problem werden – denn, nun kommen wir zur schlechten Nachricht: Für das N9 gibt es diverse populäre Apps gar nicht. Als Betriebssystem kommt Meego zum Einsatz, ein Open-Source-System, das aus einem Nokia- und einem Intel-Projekt hervorgegangen ist und fortan vorwiegend von der Linux Foundation unter dem Namen Tizen weiterentwickelt wird (es soll unter anderem auf Netbooks, Tablets oder Smart-TVs laufen). Nokia selbst hingegen wird Meego kaum noch weiterentwickeln, das N9 ist möglicherweise nicht nur das erste Meego-Handy der Finnen, sondern auch gleich das letzte. Ab 2012 kommt bei Nokia Microsofts Windows Phone 7 (WP7) als Smartphone-Plattform zum Einsatz.

Im App-Angebot klaffen Löcher

Das allein mag die Endkunden, die an der Hardware ihre Freude haben und sich mit dem aktuellen OS anfreunden können, nicht so sehr stören. Für App-Entwickler hingegen ist Meego denkbar uninteressant, sie müssen ihre Ressourcen bereits für iOS, Android und das kommende WP7 dreiteilen – jede weitere Plattform dürfte es da äusserst schwierig haben. Und das macht sich denn auch im Angebot bemerkbar: Populäre Apps wie Whatsapp oder die SBB-App, immerhin die beliebteste App der Schweiz, fehlen. Auch Nachrichten-Apps findet man kaum: «Tages-Anzeiger», «20 Minuten», «Blick» und NZZ sucht man vergebens, einzig von «Spiegel online» gibt es eine (abgespeckte) App für das N9. Eine Kindle-App für Amazon-EBooks gibt es auch nicht.

Über dieses löchrige Angebot trösten auch die wirklich guten, kostenlosen Karten- und Navigationsdienste nicht hinweg. Die Vermarktung des N9 als «Smartphone für Leute, die nicht Tausende von Apps brauchen» wirkt geradezu weltfremd – wer ein Smartphone will, will auch eine zukunftsträchtige App-Plattform dahinter.

Immerhin beweist Nokia, dass der Konzern bei der Hardware noch voll vorne dabei ist. Umso spannender wird das erste Nokia-WP7-Smartphone, das für Anfang 2012 erwartet wird. Nun ist also Microsoft am Zug.

Nokia N9, MeeGo-Smartphone mit AMOLED-Touchscreen, mit 16 GB ab 748 Franken ohne Abo.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.10.2011, 12:01 Uhr

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10 Kommentare

Elias Ratmandn

18.10.2011, 08:43 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Apps haben unser Denken eingeschränkt (typisch für eine Kreation von Apple)... sie kosten und bieten weniger als das Internet, oder man kann vom lauten Spielen verblöden. Antworten


Ernst Meier

18.10.2011, 09:21 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Apps werden überschätzt. Es gibt wenig, was sich mit HTML5 nicht auch im Browser umsetzen liesse. Weshalb für 20min, Tagi, Nzz, Blick etc. ein Programm benötigt wird, ist nicht zu einzusehen. Programme werden wohl vor allem zum Datensammeln benötigt. Darauf kann ich gut verzichten. Antworten



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