Digital
Das iPhone emanzipiert sich vom Computer
Von Roger Zedi. Aktualisiert am 04.10.2011 45 Kommentare
Die Tricks der neuen Hardware
Morgen Dienstag wird Apple-CEO Tim Cook das neuste iPhone-Modell vorstellen. Damit gehen Monate der Spekulationen und Gerüchte um das iPhone 5 (wenn es denn überhaupt so heisst – wie wäre es mit «iPhone 2012»?) zu Ende. Allgemein erwartet wird, dass das neue Gerät einen schnelleren Dualcore-Prozessor enthält, eine verbesserte Kamera mit doppelter Auflösung sowie einen grösseren Bildschirm. Vor allem beim Screen hat die Konkurrenz, etwa Samsung mit dem Galaxy S II, das iPhone mittlerweile überholt. Eher unwahrscheinlich ist hingegen, dass bereits dieses iPhone-Modell einen NFC-Chip beinhaltet, mit dem es die Kreditkarte als Zahlungsmittel ersetzen könnte. Dafür fehlen schlicht weltweit etablierte Standards.
Angesichts der umfangreichen Neuheiten, welche auch Nutzern bestehender iPhone 4 zugutekommen (siehe Haupttext), wird Apple bestimmt noch einige Tricks vorstellen, die exklusiv dem neuen iPhone vorbehalten sind – abgesehen vom Design, das sich erkennbar von dem aktuellen Gerät unterscheiden dürfte. Anwärter darauf sind eine umfangreiche Sprachsteuerung oder ein eigenes GPS-Navigationssystem. So wird Apple bestimmt für lange Schlangen vor ihren Läden sorgen.
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Es ist ganz leicht: Den Finger etwas oberhalb des Bildschirmrands ansetzen und nach unten wischen. Schon hat man die wichtigste neue Geste zur Bedienung eines iPhone mit iOS 5 gelernt. So aktiviert man den neuen Benachrichtigungsschirm, egal, in welcher App man sich gerade befindet. Er zeigt das lokale Wetter, Aktienkurse, anstehende Termine, verpasste Anrufe, neue E-Mails, SMS, Facebook-Updates, News und mehr an. Das «Benachrichtigungszentrum», wie Apple (AAPL 433.26 -0.30%) es offiziell nennt, zählt zu den wichtigsten Änderungen in iOS 5. Die Konkurrenz des Android-Lagers hat etwas Entsprechendes schon länger, Apple zieht nun nach.
Endlich frei vom Computer
Nur eine Neuerung verändert den Alltag noch tiefgreifender: iPhones und iPads mit iOS 5 kommen fast ohne Computer aus. Der Abgleich von Musik, Podcasts, Videos oder Apps zwischen Telefon und Mac/Windows geschieht drahtlos via WLAN. Sobald man das iPhone zu Hause an den Strom anschliesst, startet die Synchronisation. Zusätzlich kann man sie sowohl vom Telefon wie auch vom Computer aus manuell starten, solange sich die Geräte im selben WLAN befinden. Am Computer legt man nur noch fest, welche Inhalte mit dem Telefon synchron gehalten werden sollen.
Eine Sicherungskopie (Back-up) seiner persönlichen iPhone-Daten kann man wahlweise auf dem Heimcomputer anlegen oder neu direkt in Apples Cloudservice iCloud, der spätestens zum Verkaufsstart des neuen Geräts allen kostenlos zugänglich gemacht wird. Gleichzeitig werden wohl auch iOS 5, Updates für iTunes, iPhoto und Apple TV gratis verfügbar sein. iOS 5 läuft reibungslos auf allen iPads, dem iPhone 4 und mit kleinen Einschränkungen im Funktionsumfang stabil auf dem iPhone 3GS.
Software-Updates erreichen das iPhone fortan ebenfalls drahtlos. Ein letztes Mal noch muss man es allerdings per USB an den Computer anschliessen – um iOS 5 zu installieren. Danach ist man endlich in der «Post-PC-Ära» angekommen, von der Steve Jobs schon länger gesprochen hat.
Ortsgebundene Ermahnungen
Eine wirklich originelle und nützliche Neuheit bietet die App «Erinnerungen». Das iPhone ermahnt einen nicht nur zu gewünschten Zeiten, sondern neu auch an bestimmten Orten: «Du bist in der Nähe des Supermarkts, kauf Milch!» Oder: «Hast du das Couvert dabei, das du auf die Post bringen willst?» beim Verlassen des Hauses. Solange man die Adresse eines Ortes kennt, kann man sich entweder bei Ankunft oder bei Verlassen an etwas erinnern lassen. Das funktioniert auf rund 50 Meter genau.
Wer das iPhone oft als Kamera nutzt, darf sich darauf freuen, dass es mit iOS 5 viel schneller geht, bis das gesperrte Handy knipsbereit ist. Einfach den Home-Knopf zweimal drücken und auf das Kamera-Icon tippen, schon erscheint der Sucher. Abdrücken kann man nun auch mit dem Lauter-Knopf. Ist die Tastensperre aktiv, kann man zwar neue Fotos schiessen, aber weder alte anschauen noch sonst etwas mit dem iPhone anstellen.
Einmal knipsen, überall sehen
Fotos lassen sich fortan direkt am Telefon bearbeiten (ab dem iPhone 4), zumindest rudimentär: Rotieren, AutoKorrektur, Rote-Augen-Korrektur und Bildausschnitt stehen zur Verfügung.
iCloud enthält auch die neue Fotofunktion Photostream. Ist diese eingeschaltet, werden automatisch alle eigenen Fotos auf alle Geräte geladen, die mit derselben Apple-ID verknüpft sind. So gelangen die Fotos ohne weiteres Zutun vom iPhone auf das iPad, den Apple TV und auf den Computer (iPhoto am Mac, Bilder-Ordner unter Windows) und umgekehrt. Photostream ist eine temporäre Angelegenheit, nach drei Monaten verschwinden die Fotos wieder, ausserdem haben maximal 1000 Bilder gleichzeitig Platz. Auf jenem Gerät, mit dem sie geknipst wurden, bleiben sie hingegen so lange, bis sie der Benutzer löscht. Will man die Bilder auf einem zweiten Gerät permanent behalten, verschiebt man sie dort in ein Album ausserhalb des Photostreams.
Whats App? SMS? iMessage!
IOS 5 enthält eine neue Mitteilungs-App namens iMessage (für iPhone und iPad, aber nicht für Mac). Sie vereint herkömmliche, kostenpflichtige SMS/MMS mit internetbasierten Mitteilungen ohne Zusatzkosten. Letzteres kennt man etwa von der beliebten App Whats App oder dem Blackberry Messenger. iMessage wählt bequem und automatisch den passenden Kanal für jede Mitteilung, wobei die kostenlose Variante den Vorzug bekommt, sobald der Empfänger ebenfalls iMessage verwendet.
Es gibt zahlreiche weitere Neuerungen, hier die wichtigsten im Schnelldurchlauf: Der Kalender zeigt nun auch eine Wochenansicht, wenn man das Telefon quer hält. Neu können zwei Nutzer sich einen Kalender teilen, den beide abändern können.
Safari für iOS bietet einen Privat-Browsing-Modus und den praktischen ReaderModus, bei dem jeweils nur der Hauptartikel einer Website angezeigt wird, das ganze Drumherum wird ausgeblendet (nur iPhone 4 und neuer). Auf dem iPad werden auch Tabs unterstützt.
Mails kann man nun unterwegs nicht nur löschen (die am häufigsten verwendete mobile Aktion) oder beantworten, sondern auch markieren, um sie später am Computer aufzuarbeiten.
Die Wetterprognosen werden automatisch für den aktuellen Standort angezeigt, das ist auf Reisen praktisch.
Verschwunden ist die iPod-App auf dem iPhone. Neu gibt es, wie auf dem iPad, eine App für Musik und eine für Video. Beide sind überarbeitet, und vor allem die Musik-App auf dem iPad hat viel dazugewonnen.
Wer vibriert da in der Hose?
Des Weiteren sind die Optionen für die «barrierefreie Bedienung» ausgebaut worden. Man kann unter anderem den LED-Blitz blinken lassen, wenn eine Nachricht eingeht. Ausserdem kann man eigene Vibrations-Rhythmen komponieren und diese Personen zuordnen (unter Kontakte > Person auswählen > Ändern > Vibration). So erkennt man schon in der Hosentasche, wer anruft.
Neue Gesten gibt es auch für das iPad. Das nach oben Wischen mit vier Fingern lässt die Multitasking-Leiste der offenen Apps erscheinen. Zieht man vier Finger zusammen, gelangt man aus jeder App zurück auf den Homescreen.
iCloud sorgt nicht nur für die Synchronisation von Apps, Kontakten, Terminen und E-Mails. Den neuen Datenabgleich-Service können alle Apps nutzen, darunter auch Apples Office-Apps. Textdokumente, Tabellen und Präsentationen können nahezu nahtlos auf dem iPad, dem iPhone oder am Mac/PC bearbeitet werden. Dorthin und zurück gelangen sie via www.icloud.com > iWorks > Dokument hochladen. Eventuell werden künftige Mac-Versionen von iWorks den Umweg via Webbrowser überflüssig machen. Die Synchronisation mit den iOS-Geräten läuft sekundenschnell ab. Neben den Apple-eigenen Formaten werden auch die Microsoft-Office-Formate sowie PDF unterstützt.
iTunes-Wolke zieht vorbei
Ein Fragezeichen bleibt «iTunes in the Cloud». Es zeichnet sich ab, dass man in der Schweiz weiterhin nur jene Lieder auf ein zweites Gerät herunterladen kann, die man bei iTunes gekauft hat. Der automatische Download von Neukäufen auf alle seine Geräte via iCloud funktioniert erst in den USA.
Auch das kostenpflichtige iTunes Music Match dürfte bis auf weiteres US-Nutzern vorbehalten sein – aus nutzungsrechtlichen Gründen. Dabei wird die gesamte heimische iTunes-Bibliothek gescannt und kann anschliessend aus iCloud auf alle anderen Geräte geladen werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.10.2011, 06:16 Uhr
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