5 Tage getestet – was das iPhone 7 im Alltag taugt

Kabellose Kopfhörer und eine Doppelkamera: Autor Rafael Zeier hat das neue Apple-Handy einem Härtetest unterzogen.

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Ist das jetzt ein schlechter Witz oder ein Wink des Schicksals? Auf dem Rückflug von der Präsentation des iPhone 7, das ohne den altbewährten Kopfhöreranschluss daherkommt, bricht bei meinen Sony-Kopfhörern genau dieser Stecker entzwei. Ein bisschen krumm war der goldene Stecker ja schon länger – wohl eine Unachtsamkeit meinerseits –, aber jetzt ist er entzwei, und die eine Hälfte verstopft den Kopfhöreranschluss. Eine Zange müsste man haben. Unter den verwunderten und amüsierten Blicken meiner Mitreisenden schaffe ich es nach mehreren Versuchen, den Rest des Steckers mit den Zähnen wieder aus dem Gerät zu ziehen.

Kopfhöreranschluss, du kannst mich mal! Ich bin bereit für die von Apple beschworene Welt ohne den Stecker aus dem letzten Jahrhundert. Her mit der Zukunft! Aber jetzt mal nicht übermütig werden. Kabellose Funkkopfhörer sind im Flieger verboten. Also bleiben die Airpods, Apples neue Kopfhörer ohne Kabel (180 Franken, ab Oktober), im Lade- und Transportschächtelchen.

Die neuen Apple-Kopfhörer mit Kabel und Lightning-Stecker (gratis und bei jedem iPhone 7 dabei) müssen es richten. An meinem iPad klappts tadellos. Zum Glück ist der Akku des Tablets voll. Denn laden und parallel Musik hören kann ich nicht mehr. Der Kopfhörer blockiert ja jetzt den Anschluss fürs Ladekabel.

Wer jetzt vorschlägt, ich könnte ja statt Musik auf dem iPad zu hören, mich ins Unterhaltungssystem des Fliegers einstöpseln, hat nicht mit meinem sehr launischen Musikgeschmack gerechnet und auch etwas Zweites übersehen: Apples Lightning-Kopfhörer kann man natürlich nicht im Flieger verwenden, da dort nach wie vor der alte Kopfhöreranschluss zum Einsatz kommt.

In die Zukunft schauen

In der Schachtel des neuen iPhone gibt es nebst den Kopfhörern zwar einen Adapter, um alte Kopfhörer weiterhin nutzen zu können, aber einen Adapter, um Apples Kopfhörer an alten Anschlüssen zu nutzen, ist nicht dabei. In dem Moment vermisse ich meine Sony-Kopfhörer. Aber ich muss jetzt stark sein, nach vorne und in die Zukunft schauen. Nach der Landung wird ja dann mit den Airpods alles besser. Oder?

(Falls Sie sich wundern, warum es bei diesem iPhone-Test schon über 2000 Zeichen lang nur um Kopfhörer geht: Die neue Doppelkamera, der neue Home-Knopf, das neue iOS, die neuen Speicheroptionen und das neue Design kommen auch gleich dran. Haben Sie noch ein paar Absätze Geduld, oder scrollen Sie schon mal etwas nach unten.)

Auf der Redaktion verwende ich seit Jahren Bluetooth-Kopfhörer. Abgesehen vom ersten Verbinden, das etwas mühsam war, funktionieren sie zuverlässig und ohne Probleme. Ich lade sie gefühlt einmal pro Woche.

Apples Airpods kommen in einem Schächtelchen daher, das etwa so gross ist wie ein dickes Feuerzeug. Darin werden die Kopfhörer transportiert und geladen. Wie bei ähnlichen Funkkopfhörern anderer Hersteller steckt im Schächtelchen ein Akku. So kann man die Kopfhörer auch unterwegs laden, wenn sie nach 5 Stunden (Angabe von Apple, selbst habe ich sie nie so lange am Stück getragen, dass der Akku ausgegangen wäre) leer sind. Der Zusatzakku sorgt dafür, dass man noch mal für 24 Stunden Strom hat. Das würde auch für einen Langstreckenflug reichen, wenn Bluetooth im Flieger nicht verboten wäre.

Schnell verbunden

Zur Installation meiner eigenen Bluetooth-Kopfhörer beim iPhone musste ich damals in den Einstellungen nach anderen Bluetooth-Geräten suchen. Das ist keine Hexerei, aber nicht sehr bequem. Bei Android geht das dank NFC viel einfacher. Man berührt die Kopfhörer mit dem Handy, und schon wird die Verbindung hergestellt.

Mit den Airpods bietet Apple ähnlichen Komfort. Wenn man das Schächtelchen das erste Mal öffnet, erscheint auf dem iPhone automatisch (oder magisch, wie es Apple gerne nennt) die Anzeige, dass die Kopfhörer nun verbunden werden. Keine Einstellungen, kein Synchronisieren, kein Blick ins Handbuch: Es funktioniert einfach.

Im Alltag hatte ich reichlich Gelegenheit, die neuen Airpods auszuprobieren, da meine guten Sony-Kopfhörer nach dem Steckerdebakel bis auf weiteres in meinem Techschrank verschwunden sind.

Im Ohr vergessen

Die Airpods fühlen sich in den Ohren ähnlich an wie Apples Standardkopfhörer – einfach ohne Kabel. Herausgefallen sind sie mir nie, ich habe sie aber auch nicht zum Sport getragen. Dafür ist es mir mehrfach passiert, dass ich sie in meinen Ohren regelrecht vergessen und gesucht habe.

Ob die Airpods bequem sind und ob einem der Klang gefällt, ist freilich Geschmackssache. Ich finde sie bequem, und der Klang passt auch. Dazu muss man wissen, so anspruchsvoll ich bei der Musikauswahl bin, so anspruchslos bin ich bei Kopfhörern. Audiofreaks sollten die Airpods vor dem Kauf also unbedingt selber ausprobieren.

Die Bedienung ist auf jeden Fall äusserst einfach und intuitiv. Steckt man sie ins Ohr, wechselt die Musik vom Handylautsprecher auf die Kopfhörer. Nimmt man einen aus dem Ohr, pausiert die Musik. Klopfe ich zweimal auf einen Kopfhörer, meldet sich Siri.

Angst, die Airpods zu verlieren

Da die Airpods Bluetooth nutzen, funktionieren sie auch mit Android/Windows-Geräten und iPhones, die iOS 10 noch nicht installiert haben. Dann muss man allerdings auf die smarte Bedienung verzichten. Wenn man die Kopfhörer aus den Ohren nimmt, läuft die Musik dann einfach weiter, statt zu pausieren.

Mein Hauptproblem mit den Airpods ist die stete Angst, sie zu verlieren. Das kleine Schächtelchen ist ziemlich rutschig und könnte schon mal aus einer Tasche fallen. Wie beim iPad-Stift muss man sich als Pendler wohl auch erst eine Routine antrainieren, damit die Kopfhörer nicht bei der ersten Gelegenheit im Zug liegen bleiben.

Man muss es Apple zugutehalten, dass sich der Konzern wirklich ins Zeug gelegt hat, den Ärger über den verschwundenen Anschluss vergessen zu machen. Ob Apple damit den Weg in die Zukunft oder in die Tech-Sackgasse weist, werden die nächsten Jahre zeigen. Mit dem Diskettenlaufwerk, dem CD-Laufwerk und der Handyknopftastatur hat Apple rückwirkend betrachtet und entgegen allen Protesten aber auch recht behalten.

Neue Kameras

So, und nun zu den restlichen Neuigkeiten: Fangen wir mit der neuen Kamera an. Das kleinere iPhone 7 hat jetzt auch eine optisch stabilisierte Kamera. Bisher war diese dem grösseren Plus-Modell vorbehalten. Dank einer grösseren Blende von 1,8 ist die Kamera noch lichtstärker als die vergleichbare Kamera des iPhone 6S Plus vom letzten Jahr. Das hilft bei Aufnahmen bei schlechtem Licht. Aber alle alten Stärken von Apples Kameras sind auch wieder dabei: Die Kamera schiesst tolle Fotos, ist schnell, äusserst zuverlässig und kinderleicht zu bedienen.

Dieselbe Kamera kommt auch im grösseren iPhone 7 Plus zum Einsatz. Dort bekommt sie aber Unterstützung von einer zweiten Kamera. Das sieht ähnlich aus wie beim Huawei P9. Die Leica-Doppelkamera dieses Smartphones hat mir im Test sehr gut gefallen (Das Huawei P9 im Test).

Eine Kamera des P9 schiesst Farbfotos, die andere kontrastreiche Schwarzweissbilder. Anschliessend werden die zwei Aufnahmen in Sekundenbruchteilen zu einem Bild kombiniert.

Verspäteter Porträtmodus

Vor der Präsentation des iPhone 7 war unklar, was Apple mit der Doppelkamera vorhat. Als es auf der Bühne dann hiess, man nutze sie, um Zoom zu ermöglichen, war ich zugegeben enttäuscht. Auf der Redaktion haben wir immer wieder hitzige Diskussionen über unsere Kamera- und Objektiv-Vorlieben. Ich schwöre dabei seit Jahren auf sogenannte Festbrennweiten. Also Objektive, mit denen man nicht zoomen kann. Dafür sind sie lichtstärker und bieten bessere Bildqualität.

Neugierig wurde ich an der Präsentation erst, als Apple den sogenannten Porträtmodus vorstellte. Damit kann man ein Objekt im Vordergrund scharf stellen und den Hintergrund unscharf. Genau dafür mag ich meine Objektive mit Festbrennweiten so sehr. Leider ist die Funktion noch nicht fertig und wird im Verlauf des Jahres per Update nachgereicht. Ausprobieren konnte ich sie deshalb noch nicht.

Das Lieblingsobjektiv immer dabei

In den ersten Tagen mit dem neuen iPhone hat sich meine anfängliche Enttäuschung über die Zoomfunktion ins Gegenteil verkehrt. Tatsächlich habe ich im iPhone jetzt fast dieselbe Kameraausrüstung dabei wie in meiner Fototasche. Während die normale iPhone-Kamera einem weitwinkligen 28-Millimeter-Objektiv entspricht, ist die zweite ein 56-Millimeter-Teleobjektiv. Privat habe ich meist ein 35-Millimeter- oder ein 50-Millimeter-Objektiv dabei.

Während ich bei meiner Fotokamera aber immer erst ein Objektiv abschrauben und das neue montieren muss, wechsle ich beim iPhone mit einem Klick zwischen den Objektiven. In den wenigen Tagen habe ich so schon ganz neue und überraschende Fotos mit dem iPhone geschossen.

Meine gute Vollformatkamera macht das iPhone 7 aber weiterhin nicht überflüssig. Die zwei ergänzen sich einfach fabelhaft. Schliesslich übertrage ich meine Fotos immer erst per WLAN aufs Handy und von da zu Google Fotos, bevor ich sie alle paar Wochen am PC noch mal altmodisch sichere.

So gut mir die Doppelkamera inzwischen gefällt, ein paar Verbesserungswünsche habe ich bereits: Nur die 28-Millimeter-Kamera ist optisch stabilisiert. Wählt man das 56-Millimeter-Objektiv, merkt man gleich, dass alles etwas mehr zittert. Kommt hinzu, dass hier nur eine weniger lichtstarke 2,8er-Blende zum Einsatz kommt. Aber das fällt einem im Alltag kaum bis gar nicht auf. Ich musste selbst schon ziemlich genau hinschauen, um es überhaupt zu merken.

Das Telefon als Taschenlampe

Und wo ich schon dabei bin, der Fokus könnte etwas schneller sein. Für ein Handy reicht er völlig, aber je näher das iPhone an eine richtige Fotokamera herankommt, desto höher werden meine Ansprüche. Darum vermisse ich in der Standard-Foto-App auch manuelle Profieinstellungen, wie sie Apps wie Pro Camera oder Camera+ gegen einen Aufpreis bieten (Auch das bei Profis beliebte Erstellen von RAW-Dateien bleibt solchen Apps vorbehalten).

Detail am Rande: Auch der Blitz ist neu. Statt zwei hat er nun vier LEDs. Das merkt man lustigerweise in erster Linie, wenn man die neuen iPhones als Taschenlampe nutzt. Jetzt füllt ihr Licht fast einen ganzen Raum.

Dass das iPhone 7 wasserdicht ist, merkt man dagegen wohl erst, wenn es nach einem unfreiwilligen Bad immer noch funktioniert. Tauchen sollte man damit zwar nicht, aber einen Tag am Strand oder andere Missgeschicke des Alltags wird es überstehen. Von meinem privaten Handy bin ich das seit Jahren gewohnt. Endlich zieht Apple nach. Auch wenn man es nie braucht, ist es äusserst beruhigend, wenn man nicht ständig auf sein Telefon aufpassen muss.

Da bewegt sich nichts

Die vierte merkliche Neuerung steckt im Home-Knopf. Obwohl, ein Knopf ist es eigentlich gar nicht mehr. Da bewegt sich nämlich nichts mehr. Drückt man drauf, lassen einen leichte Vibrationen glauben, man drücke auf einen Knopf. Das ist anfangs ungewohnt (sogar unangenehm für manche Personen, mit denen ich es getestet habe), doch inzwischen fällt es mir nicht mehr auf. In den Einstellungen lässt sich übrigens festlegen, wie sich der Home-Knopf anfühlen soll. Man kann zwischen drei Varianten wählen. Ich habe mich für die kräftigste entschieden.

Ungewohnt ist auch eine Neuerung, die iOS 10 mitbringt. Man kann künftig nicht mehr einfach den Finger auf den runden Knopf legen, um das Telefon zu entsperren. Man muss drücken. Wer es lieber wie früher hätte, findet die Option gut versteckt in den Einstellungen unter Allgemein, Bedienungshilfen, Home-Taste.

Wo wir es schon von iOS 10 haben: Apple spricht vom grössten Update, das es für iOS je gegeben habe. Das ist ein bisschen übertrieben, aber gelungen ist das Update allemal. Besonders gefällt mir nebst dem aufgeräumten Look, dass das iPhone automatisch angeht, wenn ich es in die Hand nehme, und dass ich dann mit einem einfachen Wisch nach links blind die Kamera starten kann. Alles Weitere zum neuen Betriebssystem können Sie übrigens hier nachlesen oder im Video des Kollegen Matthias Schüssler anschauen.

Damit haben wir die wichtigsten Neuerung durch. Die Tatsache, dass es zu Geschwindigkeit, Design und Akku nicht viel zu sagen gibt, liegt daran, dass das iPhone 7 in allen Belangen eine Weiterentwicklung des iPhone 6 ist. Es ist schnell, der Akku hält wie bisher bei normaler Nutzung einen Tag (bei fleissiger bis übertriebener Nutzung ist auch wie bisher schon deutlich früher Schluss), und das Design ist ein bisschen eleganter geworden, da der Kopfhöreranschluss weg ist und die Antennenlinien auf der Rückseite besser versteckt wurden. Man muss aber schon genau hinschauen, um aus fünf Meter Entfernung ein iPhone 6 von einem iPhone 7 unterscheiden zu können.

Schwarz und Diamantschwarz

Einzig die neuen Farboptionen helfen bei der Unterscheidung. Die zwei Schwarztöne genannt Schwarz und Diamantschwarz gefallen. Wobei letztere Variante Fingerabdrücke magisch anzuziehen scheint. Dafür ist das diamantschwarze iPhone dank der glatt polierten Oberfläche etwas griffiger. Da die meisten iPhones aber sowieso in einer Hülle stecken, wird das im Alltag nicht gross auffallen.

Ein überfälliges Bravo noch zum Schluss: Apple hat endlich die Speicheroption mit knausrigen 16 GB abgeschafft. Die war für ein so teures Gerät schon in den letzten Jahren peinlich. Ausser Cloud-Profis und äusserst zurückhaltenden Nutzerinnen und Nutzern konnte ich die nie empfehlen. Nun gibt es folgende Optionen: 32 GB, 128 GB und gigantische 256 GB. Das hat vielleicht gedauert, aber: bravo!

Fazit: Wer aktuell ein iPhone 6 oder 6S hat, kann das iPhone 7 gut überspringen. Wer aber ein neues Telefon möchte und das nötige Budget hat, wird an den neuen iPhones sehr viel Freude haben. Man darf einfach nicht enttäuscht sein, wenn in einem Jahr zum zehnjährigen Jubiläum ein rundum neu designtes iPhone vorgestellt wird. Und: Es gibt schon für sehr viel weniger Geld auch sehr gute Smartphones.

Das iPhone 7 (ab 759 Franken) und das iPhone 7 Plus sind ab dem 16. September im Handel erhältlich. Die Airpods (179 Franken) folgen Ende Oktober. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.09.2016, 11:58 Uhr

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