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«Wenn immer möglich, gehen Sie Apps aus dem Weg»

Interview: Reto Knobel. Aktualisiert am 10.05.2011 20 Kommentare

«Internetkonzerne kümmern sich nicht um das Individuum», sagt Stefano Di Paola, der zu den führenden Sicherheitsspezialisten der Welt gehört. Und das, so der Firmen- und Regierungsberater, ist eine gute Nachricht.

Gefährliche neue App-Welt: «Smartphone-Apps schränken die Handlungsmöglichkeiten der Nutzer stark ein, weil sie tief ins Handy-Betriebssystem eingreifen», warnt Stefano Di Paola.

Stefano Di Paola (39) ist weltweit anerkannter Sicherheitsexperte und Hacker. Er arbeitet für das Unternehmen Minded Security, welches Softwarelösungen für multinationale Unternehmen und Regierungen entwickelt. Der Italiener ist Referent an der Hackerkonferenz Swiss Cyber Storm 3, welche vom 12. bis 15. Mai in der Hochschule Rapperswil stattfindet.

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Internet als wichtigstes Instrument des organisierten Verbrechens

Das Internet ist nach Auffassung von Europol-Chef Rob Wainwright zum wichtigsten Instrument des organisierten Verbrechens geworden.

Neben der bekannten Computerkriminalität wie etwa Kreditkartenbetrug oder der Verbreitung von Kinderpornos wickelten organisierte Banden inzwischen mehr und mehr auch ihre «traditionelleren Vergehen» über das Internet ab, so Wainwright anlässlich der Veröffentlichung der vorausschauenden Bedrohungsanalyse (OCTA 2011) seiner Behörde.

Der alle zwei Jahre fällige Bericht der EU-Strafverfolgungsbehörde hilft laut Wainwright den Justiz- und Innenministerien bei der Festlegung ihrer künftigen Strategie gegen das organisierte Verbrechen.

Das Internet dient dem Bericht zufolge zunehmend auch dem Drogengeschäft, dem Menschenhandel, der illegalen Einwanderung, dem verbotenen Handel geschützter Tiere sowie dem Vertrieb gefälschter Waren. «Es wird von Kriminellen gerne auch als sicherer Kommunikationsweg und zur Geldwäsche genutzt», heisst es in dem Bericht weiter.

Den Angaben zufolge brachte allein der Kreditkartenbetrug den kriminellen Banden im Jahr 2009 EU-weit 1,5 Milliarden Euro ein.

Nach Angaben der 37-seitigen Analyse der Entwicklungen der vergangenen 24 Monate überschreitet das organisierte Verbrechen mehr als je zuvor die Grenzen zwischen Ländern, Kulturen und im normalen Geschäftswesen. Die internationale Finanzkrise und die für viele spürbaren finanziellen Einschränkungen hätten zudem dazu geführt, dass sich «Menschen leichter von kriminellen Gruppen rekrutieren lassen, etwa als Drogenkuriere oder Geldboten». (AFP)

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Stefano Di Paola, wie gefährlich ist das Internet dieser Tage?
Diese Frage kann man am besten mit einer Analogie beantworten. Surfen im Netz ist etwa so gefährlich wie ein Rundgang durch eine chaotische Weltstadt mit verschlungenen Wegen und Vierteln, aus denen Sie ohne Ortskenntnis kaum mehr herausfinden. Wenn Sie Ecken besuchen, die Sie schon kennen oder die einen guten Ruf haben, verirren Sie sich nicht, und es passiert Ihnen wahrscheinlich nichts.

Wahrscheinlich?
Sie können auch in der Bäckerei um die Ecke, die Sie jeden Morgen besuchen, überfallen werden. Übertragen wir diesen Vergleich nun auf das Internet, bedeutet dies, dass es heute genügt, eine unbekannte Seite anzusteuern, um unseren Computer zu infizieren. Und leider können auch vermeintlich vertrauenswürdige Sites gefährlich sein. Denn die Anzahl Internetnutzer steigt exponentiell an. Und damit auch das Interesse der Cyberkriminellen.

Der Nutzer ist viel vorsichtiger als noch vor ein paar Jahren.
Spielt keine Rolle. Nehmen wir an, es gibt drei Milliarden Surfer auf der Welt. Phishers (Hacker, die zum Beispiel mit gefälschten Mails an Daten von Nutzern gelangen wollen, Red.) können innert weniger Minuten ein Mail an 20 Millionen Nutzer senden. Wenn nun nur schon ein Prozent dieser Nutzer die Nachricht öffnet – wahrscheinlich sind es viel mehr –, haben die Täter 200'000 Accounts ergattert. Um auf die Analogie von vorhin zurückzukommen: Das ist nur möglich, weil es immer noch sehr viele Menschen gibt, die sich in einer Kleinstadt wähnen, wo jeder jeden kennt und niemand dem anderen ein Haar krümmt.

Sie kritisieren die Naivität der Nutzer. Sonys Datendesaster zeigt, dass das Gefahrenbewusstsein auch auf Firmenebene nicht existiert.
Einverstanden. Haben Sie gewusst, dass Sony, dieses mulinationale Unternehmen, bis zum Datenhack keinen CISO (Chief Information Security Officer, Sicherheitshauptverantwortlichen, Red.) hatte? Ein Unternehmen mit einem solchen Netzwerk und Millionen Nutzern!

Was sind die Folgen?
Das kann auch ich nicht sagen. Nur so viel: Sicher war das nicht der letzte Daten-GAU.

Wie beurteilen Sie den jüngsten Datenskandal von Apple? Firmenangaben zufolge wurden Standortdaten von iPhone- und iPad-Nutzern nicht absichtlich gesammelt.
Es gibt drei Möglichkeiten. Die erste: Apple (AAPL 562.29 -0.54%) lügt und hat absichtlich so gehandelt. Die zweite: Software-Ingenieure haben die Funktion bewusst so gestaltet, und die Firmenjuristen sahen kein Problem dabei (unterschätzten aber die Wirkung). Die dritte: Apple-Entwickler haben Mist gebaut, und niemand hat den Fehler im Vorfeld bemerkt. Welche Option zutrifft, weiss ich nicht. Ich tendiere allerdings zu Punkt 2 oder 3.

Weshalb?
Ich glaube, dass Internetgiganten wie Apple, Google (GOOG 591.53 -2.01%) und Facebook ( 31.91 -3.39%) sich grösstenteils nicht um das Individuum kümmern. Ihr Geschäft dreht sich um Gruppen von Menschen, die gemeinsame Interessen haben. Für jede dieser Gruppen wird eine bestimmte Marketingstrategie entwickelt.

Die jüngsten Vorfälle rufen uns Statements von Facebook-Chef Mark Zuckerberg und Ex-Google-Chef Eric Schmidt in Erinnerung, die Privatsphäre für ein überholtes Konzept halten. Ist Privacy im 21. Jahrhundert tatsächlich keine Option mehr?
Das hängt davon ab, welchen Typ von Sites Sie nutzen. Die erste Kategorie sind Serviceseiten (Blogs, Mailservices, Onlineshops), zur zweiten Kategorie zähle ich Werbe- und Webtrafficanalyse- sowie Marketingseiten (also Seiten, die für andere Seiten Daten auswerten). Dann gibt es eine dritte Kategorie, die Daten sowohl dem Nutzer als auch der Site selber liefert – soziale Netzwerke und Suchmaschinen-Sites. Je nach Kategorie gibt man als Surfer andere Daten frei, die der Seitenbetreiber unterschiedlich nutzen kann.

Der Browser ist die Tür ins Internet. DerBund.ch/Newsnet bekommt immer wieder Mails von Leserinnen und Lesern, die wissen wollen, welches Surfprogramm denn sicherheitsmässig am besten sei. Was würden Sie ihnen antworten?
Der beste Tipp: Surfen Sie für unterschiedliche Tätigkeiten mit unterschiedlichen Browsern. Für den täglichen Gebrauch sollte man mit dem Google-Browser Chrome surfen, er scheint den besten Schutz vor schädlicher Software zu bieten. Fürs Internetbanking und Facebook empfehle ich die neusten Versionen des Internet Explorers oder von Firefox. Aktivieren Sie in jedem Fall den Privatsphären-Modus, er sorgt dafür, dass möglichst wenig Daten abgegriffen werden. Falls dies nicht möglich ist, können Sie sicher sein, dass die installierte Browser-Version veraltet ist.

Und wenn wir schon bei Tipps sind. Was raten Sie Facebook-Netzwerkern?
Gebraucht euer Hirn! Man kann es nicht genug betonen: Die besten Privatsphäreneinstellungen nützen Ihnen gar nichts, wenn Sie Ihr Leben online ausplaudern. «You give, what you type»: Alles, was Sie auf Facebook preisgeben, gehört nach dem Drücken der ‹Enter›-Taste der Weltöffentlichkeit. Also: Bevor Sie Zeter und Mordio schreien, weil Ihre Daten missbraucht werden, überlegen Sie genau, was Sie kommunizieren wollen. Noch was zu Facebook-Apps: Der Nutzer sollte wissen, dass Facebook diese Miniprogramme nicht oder nur schlecht prüft, sie stehlen Daten, ohne dass der Surfer dies merkt. Facebook hat keine Kontrolle über Apps von Drittparteien, das führt zur unangenehmen Situation, dass das Unternehmen die Applikationen nicht mal dann auf Sicherheit überprüfen könnte, wenn es das wirklich wollte.

Wie steht es um Apps für das Smartphone?
Auf unserem PC können wir Apps noch einigermassen kontrollieren. Aber Smartphone-Apps schränken die Handlungsmöglichkeiten der Nutzer viel stärker ein, weil sie tief ins Handy-Betriebssystem eingreifen. Gehen Sie, wenn immer möglich, Apps aus dem Weg.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2011, 09:55 Uhr

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20 Kommentare

Hans Jermin

10.05.2011, 11:41 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Ich surfe mit meinem Mac schon seit 2 Jahren hemmungslos durchs Internet, lade über nicht sehr vertrauenswürdige Seiten illegal Zeugs runter und konsumiere auch ab und zu Pornographie. Virenschutz hab ich keinen und meine Maschine läuft und läuft. Mann muss sich nur für die richtige Seite entscheiden... Antworten


Alex Keller

10.05.2011, 16:12 Uhr
Melden 6 Empfehlung

"Wenn immer möglich, gehen Sie dem INTERNET aus dem Weg" Antworten



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