Sechs Schweizer wollen das Gesellschaftsspiel revolutionieren

Morgen Mittwoch startet die Airconsole: Die Schweizer Entwicklung verbindet Smartphones zu einem sozialen Spielvergnügen.

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Ein Zürcher Start-up will das gute alte Gesellschaftsspiel mit einem digitalen Dreh ausstatten. N-Dream heisst das Unternehmen und Airconsole ist das Produkt, das es heute lanciert. Die Schweizer Entwicklung ist indes keine Konsole aus Kunststoff und Silizium, sondern eine Plattform im Internet. In Kombination mit dem Smartphone ebnet sie den Weg zu einem gemeinschaftlichen Spielvergnügen: «Eile mit Weile» und «Monopoly», ins digitale Zeitalter teleportiert.

Auf einem grossen Bildschirm findet das Spielgeschehen statt. Diese Anzeige wird von einem Computer, Laptop oder einem Smart-TV gespeist. Einzige Voraussetzung ist ein Browser, der den (weit verbreiteten) HTML5-Standard beherrscht. Mit diesem Browser wird die Website Airconsole.com aufgerufen. Dann steuert jeder, der an der Partie teilnehmen möchte, mit seinem Smartphone ebenfalls Airconsole.com an. Durch die Eingabe des auf dem zentralen Bildschirm ersichtlichen Codes wird das Smartphone mit dem laufenden Turnier verbunden.

Das Telefon wird zum Spielsteuergerät

Als Erstes ist ein Spiel auszuwählen. Bislang steht ein halbes Dutzend Titel aus verschiedenen Genres zur Auswahl – doch bald sollen es mehr werden. Bei «Quick Minds», einem Quiz à la «Wer wird Millionär?», tauchen auf dem zentralen Bildschirm die Fragen und die Antwortmöglichkeiten auf. Auf dem Smartphone-Display hat jeder Teilnehmer vier Antwortknöpfe. Derjenige, der zuerst die richtige Taste drückt, gewinnt die Runde. «Tic Tac Boom» ist an den Klassiker «Bomberman» angelehnt, wo jeder seine Bomben über den Telefon-Touchscreen platziert und versucht, nicht von den anderen Spielern in die Luft gesprengt zu werden. Bei «Polyracer» steuern die Spieler ihre kleinen Raumschiffe und versuchen, vor den anderen das Ziel zu erreichen.

Andrin von Rechenberg ist der Gründer und Chef des Start-ups N-Dream. Er will mit der Airconsole Leute zusammenbringen – zum gemeinsamen Spass, wo nicht jeder für sich am Smartphone herumdrückt. «Die Hardware-Hürden sind gering», sagt er: Selbst ein alter PC kann Verwendung finden. Auch die Anbindung der Smartphones als Controller ist unkompliziert gelöst. Es ist nicht nötig, dass sie ins gleiche WLAN eingebucht sind, Internetzugang per Mobilfunknetz reicht. Und während bei klassischen Gesellschaftsspielen die Teilnehmerzahl meist auf ein halbes Dutzend beschränkt ist, können bei Airconsole theoretisch beliebig viele Leute mittun. Es hängt allerdings vom Spiel ab, wo das Limit liegt.

Von Google zum Start-up

Von Rechenberg war fünf Jahre bei Google angestellt und hat in dieser Zeit am Kartendienst gearbeitet. Von seinem ehemaligen Arbeitgeber hat er das Know-how für die technische Infrastruktur. Airconsole läuft auf der «Compute Engine», wie Googles mietbare Server heissen. Nicht ohne Stolz erklärt von Rechenberg, dass die Software automatisch in der Lage ist, sich der Nachfrage anzupassen. Bei einem grossen Ansturm mietet ein Script automatisch neue Server an, auf die die zusätzliche Last verteilt wird. Um den flüssigen Spielablauf zu garantieren, befinden sich die Server in verschiedenen Weltregionen. Kurze Wege für die Daten sorgen dafür, dass sich keine störenden Verzögerungen bemerkbar machen.

«A googly thing», eine typische Eigenschaft für einen Ex-Google-Mitarbeiter, ist auch der schnelle Entwicklungszyklus, sagt Andrin von Rechenberg. Erst im Januar 2015 hat er mit der Arbeit an Airconsole begonnen. Andere hätten sich mehr Zeit für die Perfektionierung der Plattform und der Spiele gelassen. Doch die schnelle Markteinführung und konstante Weiterentwicklung steckt ihm im Blut. «Ausserdem sind wir ein rasend schnelles Entwicklerteam» sagt von Rechenberg mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass man ihm das sofort glaubt.

N-Dream geht mit 1,35 Millionen Franken von privaten Investoren an den Start. Finanziert werden soll die Plattform über Werbung, die zwischen den Runden erscheint. Natürlich habe er sich überlegt, das Start-up im Silicon Valley zu gründen, sagt von Rechenberg. Auf dem ausgetrockneten Arbeitsmarkt dort sei es ausnehmend schwierig, talentierte Mitarbeiter zu finden. Hierzulande gibt es viele Talente im Bereich der Spielentwicklung, die dank der Gamedesign-Lehrgänge bei der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) ihr Handwerk verstehen. Sie haben hervorragende Prototypen entwickelt, sind aber noch auf der Suche nach einem Job oder Vermarktungsmöglichkeiten für ihre Ideen und Konzepte. Heute arbeiten sechs Leute für N-Dream, unter anderem Alice Ruppert und Martina Hugentobler, die an der ZHDK die Kreation von Videospielen gelernt haben und ihre dort entwickelten Arbeiten in Köln an der Gamescom-Messe vorstellen durften.

Seine Plattform wird im Erfolgsfall zu einem Motor für die Schweizer Spieleindustrie werden, davon ist von Rechenberg überzeugt. Sie könnte ein grosses Bedürfnis erfüllen. Denn während es zwar zunehmend gut ausgebildete Entwickler gibt, fehlt es an Möglichkeiten, Spiele zu publizieren, sie über eine zugkräftige Plattform ans Publikum zu bringen und sich Vermarktungs- und Einnahmequellen zu eröffnen. Bei den Mobile-Stores von Apple und Google ist es inzwischen schwer geworden, nicht in der Masse unterzugehen.

Offen für die Spiele Dritter

Bei dieser Ausgangslage hat Airconsole das Potenzial, zu einer lokal verankerten Plattform zu werden. Auch Dritte dürfen ihre Spiele unterbringen. «Wir nehmen jedes Spiel, wenn es gut ist», bekräftigt Produktmanager Rafael Morgan. Es gibt bei der Schweizer Spielekonsole offengelegte Schnittstellen, über die jedes Browser-taugliche Spiel eingebunden werden kann. Auch grafisch anspruchsvolle Titel, die mit der weit verbreiteten Unity-3D-Softwarebibliothek entwickelt wurde, lassen sich integrieren. Die Dritthersteller werden mit 75 Prozent an den Einnahmen beteiligt. Um das Interesse der Massen an Airconsole zu wecken, ist eine Werbeaktion mit viralem Potenzial geplant: Bei einer Vespa Ape Classic 400 haben die Jungunternehmer auf der Ladefläche ein Kubus aus Bildschirmen montieren lassen, der per Hebebühne in die Höhe gefahren werden kann. Dieser Dreirad-Transporter wird durch Schweizer Städte touren und auf die Schweizer Spiele-Innovation aufmerksam machen.

Auf seine Erwartungen angesprochen, sagt Andrin von Rechenberg, er wolle den Break-even innert 18 Monaten erreichen. Ihr Erfolg beim Publikum wird in den kumulierten Spielstunden gemessen, und das Spielverhalten der Nutzer wird summarisch analysiert. Wichtig ist dem sechsköpfigen Team ein Angebot, das die Nutzer dauerhaft fesselt: «Wir wollen registrieren können, wenn die Spieler an einem Punkt frustriert aufgeben», erklärt von Rechenberg. Und auch sein Start-up sieht er als nachhaltiges Unterfangen: «Zwar ist jeder Mitarbeiter von uns am Unternehmen beteiligt und würde profitieren, wenn wir aufgekauft würden – doch wir sind hier, um zu bleiben.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.09.2015, 17:03 Uhr

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