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Keine Revolution ohne Youtube

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 08.03.2011

Nie waren die Möglichkeiten für Satire, Frechheit und Wahnsinn so gross wie heute. Ein Überblick über die witzigsten und tanzbarsten Politik-Videos.

1/4 1. Zenga Zenga
«Tanz den Ghadhafi»: Ein israelischer Rapper begeistert die arabische Jugend.
Youtube

   

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Die furzende Queen, die Cremetorte im Gesicht eines Bischofs, der Chef tanzt nackt – die Urform der Komik ist einfach. Hohes fällt, Würde kippt, Ewiges torkelt durch schiefe Gassen. Kein Wunder, ist politische Komik fast immer links: Tradition, Autorität, Rituale, Ehre, Glauben und die Spitzen der Gesellschaft sind der geborene Rohstoff für Scherze. Die eine Seite hat die politische Macht, die andere die besseren Witze.

So war es immer, so wird es immer sein. Nur dass früher die Witze geflüstert, später gefaxt und heute auf Twitter und Youtube der Welt präsentiert werden. Und damit hat die Einfachheit auch ein Ende. Alles andere an politischer Komik ist verwickelt wie die Politik selbst. So etwa die folgenden Videos auf Youtube.

1. Zenga Zenga

1. In seiner ersten grossen Rede nach der Revolte forderte Muammar al-Ghadhafi, man solle die Aufständischen durch die Gassen hetzen. Die Welt schauderte, einer grinste: Der Musik-produzent Noy Alooshe setzte sich vor den Computer, legte die harte Tanzmusik des Rappers Pitbill über die Rede, montierte zwei halb nackte Synchrontänzerinnen dazu (die er später in einer züchtigen Version für Kinder und gläubige Muslime wieder wegmontierte), und fertig war ein Clip, den Alooshe «einen gelungenen Scherz» fand.

Das Video unter dem Titel «Zenga Zenga» («Gasse, Gasse») stiess bei der arabischen Jugend sofort auf Begeisterung – 500'000 Zuschauer in drei Tagen. Der Song galt als Zeichen, dass man den Diktator nicht mehr fürchtete, sondern über ihn lachte. «Wir werden dazu nach Ghadhafis Sturz in den Strassen tanzen», schrieben libysche Revolutionäre.

Wirklich? Erstens startete Ghadhafi in der Zwischenzeit einen blutigen Bürgerkrieg. Und zweitens sprach sich langsam herum, dass der «Zenga»-Produzent Jude und Israeli ist. Die Flut von begeisterten E-Mails aus der ganzen arabischen Halbinsel stoppte, ihr folgte eine Flut von Beleidigungen. Damit sind alle Fragen offen: Kann man bei so vielen Toten noch lachen? Und was gewinnt: das Misstrauen von Arabern und Israeli? Oder die mitreissende Tanzlust und Komik des Videos?

2. Bundesrat im Schützenstand

2. Ende 2009 verbreitete sich explosionsartig ein Youtube-Video mit dem Titel «Ueli der Flurschütze» und löste bei mir und vielen Kollegen etwas völlig Unerwartetes aus: einen Schub an Patriotismus. Alle, die es gesehen hatten, sagten – fast schon gespenstisch ähnlich –, wie stolz sie auf dieses Land seien.

Der Fünfminutenfilm zeigt Bundesrat Ueli Maurer beim Testen des Sturmgewehrs unter Anleitung des Soldaten Constantin. «Hast du schon einmal mit einem Gewehr . . .», fragt der Soldat. «Ich hab immer nur mit der . . . Dings», antwortet Maurer. «Ah! Mit der Wasserpistole!», antwortet Soldat Constantin.

Die Wasserpistole ist nur der Anfang eines wilden Monologs des Soldaten Constantin, der so verrückt und frech ist, dass man ihn gesehen haben muss. Und was tut Verteidigungsminister Maurer? Er bleibt freundlich, leicht verwirrt, fast ein wenig schüchtern. Auch, als ihm das Gewehr beim Rückstoss eine Wunde in die Stirn schlägt.

Vom Einzeiler bis zur Hollywood-tauglichen Filmparodie

«Was für ein Land!», schwärmten wir am Telefon: «Wo Soldaten so unglaublich frech sind und der Chef der Armee so unglaublich höflich! Wo gibt es das sonst auf der Welt?» Wir waren glücklich, Schweizer zu sein.

Und wir waren naiv. Das Video war, wie sich zeigte, eine perfekt nachsynchronisierte Fälschung des Rappers und Regisseurs David Constantin. Und dieser wurde wegen des Videos fünf Stunden lang von der Armeepolizei verhört. Trotzdem blieb ein seltsam heimatliches Gefühl: Allein, dass man ein solches Gespräch für möglich hielt, spricht für dieses Land, oder?

Nie gab es eine grössere politische Bühne für politische Komik als heute: Früher gab es anonyme Witze plus Bücher und Kabarett von bezahlten Profis, heute setzt ein unüberblickbarer Mischmasch von Amateuren bis hin zu generalstabsmässig organisierten Komikertruppen der Politik, der Gesellschaft und dem Geschmack zu. Gearbeitet wird mit allen möglichen Formen: vom Einzeiler bis zur Hollywood-tauglichen Filmparodie.

Alle Grausamkeit der Kinder

Die einfachste Form ist die Dokumentation: Kaum eine Peinlichkeit bleibt im Handyzeitalter ungefilmt. Im Netz finden sich ganze Sammlungen von strauchelnden, dösenden und vor allem betrunkenen Politikern: mit einem lallenden Sarkozy als Höhepunkt.

Selbst fast humorfreie deutsche Politiker schenken Sternstunden des Dadaismus, wenn sie Englisch sprechen wie Günther Oettinger oder Sätze sagen wie Edmund Stoiber: «Ich habs mir angewöhnt, dass ich in der Früh vielleicht eine Blume hinrichte oder aufrichte . . . Ansonsten sag ich meiner Frau, was ich alles tun würde, und dann macht sie es – beziehungsweise mit dem Gärtner zusammen.»

Schrecklich geht es dabei einigen Unbekannten: Marco Fischer, ein nicht gewählter Kandidat für den Luzerner Grossen Rat, ist heute einer der weltweit bekanntesten Schweizer Politiker. So erschreckt mümmelte er im Wahlvideo 2009 das FDP-Parteiprogramm herunter, dass über 200'000 Leute ihn ansahen – und einen Haufen Parodien erstellten: Marco Fischer bei den Schlümpfen, bei den Simpsons und – sehr, sehr komisch – als Darth Vader. (Dieser ist, als dunkle Macht, selbst parodietauglich: Sehen Sie sich seinen Tod bei «Darth Vader very funny» an oder noch besser den Auftritt als Marketingprofi: «Todesstern Stuttgart».)

Neue Machtverhältnisse

Der Humor, der hier spielt, ist der Humor der grausamsten Wesen, die es gibt – der von Kindern auf dem Pausenplatz. Wie in der Schule geht es auch auf dem zwischen Langeweile und Vergnügungssucht pendelnden Büro-Pausenplatz von Youtube um die Verspottung der Ängstlichen. Nur dass dieser Pausenplatz weltumspannend ist. Und wie früher auf dem Pausenplatz der Schule gilt: Der richtige Witz verleiht auch schwächeren Kindern erstaunliche Macht.

Nestlé etwa ist ein knallhartes Unternehmen. Eines, das wenig redet, weltweit tätig ist und durch Kritik so gut wie nicht zu beeinflussen ist, ausser dass es sogar eher harmlose Kritiker ausspioniert. Über Jahre hinweg versuchte Greenpeace mit Nestlé über Palmöl zu reden. Ohne Erfolg. Dann schaltete Greenpeace ein 90-Sekunden-Video. Wie in der Kit-Kat-Werbung braucht da ein Angestellter eine Pause, öffnet die Packung und isst gelangweilt einen blutenden Affenfinger. Die Botschaft darunter: Für Palmöl sterben Regenwälder.

Das Video verbreitete sich schnell – und als Nestlé es von Youtube entfernen liess, schrieben 300'000 Leute dem Konzern ein Mail. Nestlé gab prompt nach und verpflichtete sich auf ein Programm gegen die Abholzung des Regenwalds.

Im Netz sind die Machtverhältnisse noch nicht so zementiert wie auf dem Festland. Satire und Protest können hier durchaus etwas bewirken. Allerdings nur, wenn sie zünden.

3. Das Wesen im rosa Armani

Nur: Wann wo was zündet, kommt in seiner Unberechenbarkeit einem Wunder gleich. (Erfolg im Showbusiness ist bekanntlich immer nur im Nachhinein logisch.) So entdeckte die Schweiz ihren erfrischendsten Komiker durch einen Politclip. Die SVP hatte die Berner Reitschule zur Abstimmung gebracht, ihr Sprecher war Fraktionschef Erich Hess.

Dagegen drehte die Reitschule ein Musikvideo mit dem Refrain «Erich, warum bisch du nid ehrlich?». Hauptdarsteller war ein nie zuvor gesehenes Wesen: ein langer, dünner, schnauzbärtiger Mann in einem rosaroten Armani-Anzug mit Armen und Beinen wie aus elektrisch geladenem Gummi: Müslüm.

Innert Tagen schnellte der Film auf Platz 35 der Youtube-Rangliste – weltweit. Und wer Zeit hatte, hörte sich auf Youtube auch Müslüms bisheriges Werk an: über 100 Telefonscherze. Müslüm, ein Türke wie aus dem SVP-Bilderbuch – mit starkem Akzent, aus dem Milieu, kriminell –, spricht zum Beispiel bei der Polizei vor, um einen Job zu bekommen («I habe Komplexee! I will schleglee.»), oder im Gefängnis zwecks Eintritts. Das ist von grosser komischer Kraft – und nebenbei ist es erhebend, wie höflich die Beamten reagieren und wie besorgt sie von weiteren kriminellen Taten abraten: «Drei Leute sind bei Ihrem Tankstellen-Überfall gestorben? Das ist schon etwas schlimm.» Diese Höflichkeit liegt nicht zuletzt an Müslüms perfektem Taktgefühl: Wer so raue Scherze macht, braucht ein feines Ohr. Die Reitschule-Schliessung wurde mit 66 Prozent Mehrheit abgelehnt.

Wo Komiker an der Macht sind

Die Hauptfunktion eines politischen Komikers ist die des Aaskäfers: Er ernährt sich vom Müll. Deshalb steht es mit ihnen wie mit den Bankern: Es ist kein gutes Zeichen, wenn es ihnen zu gut geht. Wie zum Beispiel in den USA.

Da wählten die TV-Zuschauer einen Komiker zum glaubwürdigsten News-Moderator: Jon Stewart. Dieser serviert – mit einer Riesencrew im Rücken – täglich die anderen Nachrichten ab: Oft genügt ein Einspieler, eine trockene Bemerkung und ein ratloses Gesicht für eine Pointe. Stewards Erfolg beruht auf der Katastrophe des amerikanischen Fernsehens, das extrem parteiisch ist, und der Presse, die extrem neutral ist. (Wenn die Demokraten sagen, die Erde ist rund, und die Republikaner, die Erde ist eine Scheibe, lautet die Schlagzeile: «Gestalt der Erde umstritten.») Steward selbst putzt seine Kollegen mit fast britischer Ironie weg: «Im 21. Jahrhundert wurde es durch neue Technologien möglich, rund um die Uhr umfassend und kompetent über die Welt zu berichten. Getan wurde es nie. Aber es war möglich.»

In Island sind die Komiker bereits an der Macht. Sie produzierten das vielleicht leidenschaftlichste Wahlwerbevideo aller Zeiten, obwohl sie nicht gewählt werden wollten: Die «Beste Partei» Islands singt Tina Turners «Simply the best». Es ist ein Video mit grosser Wucht. (Auf Youtube unter: «besti flokkurinn».) Und dem Optimismus aller, die bereits verloren haben: Durch den Bankrott der gigantischen Banken ist Island pleite. Die «Beste Partei» machte deshalb einfache Wahlversprechen: Gratis-Handtücher in Schwimmbädern. Ein Eisbär für den Zoo. Ein drogenfreies Parlament bis 2020. Und kein Mittelmass mehr.

4. Müslüm als Justizchef

Die Isländer wählten den Taxifahrer, Komiker, Anarchisten und Ex-Stripper Jon Gnarr in das zweitwichtigste Amt des Landes: zum Bürgermeister in Reykjavik. (Verantwortlich für die Wirtschaft der Hauptstadt ist nun ein zwei Meter langer Rocker mit Totenkopfring und dem Wahlslogan: «Mehr Punk, weniger Hölle!»)

Eine Koalition ging die «Beste Partei» mit den Sozialdemokraten ein unter der Bedingung, dass deren Politiker alle fünf Staffeln von «The Wire» gesehen hatten. Damit haben mitten im Staatsbankrott die Isländer die freundlichstmögliche Protestpartei gewählt: Gnarr schlägt sich bis jetzt zur Zufriedenheit der Leute. (75% Zustimmung und eine Geburtenrate, die höher ist als vor der Krise). Seine Crew baut Reykjavik vom Finanzplatz in eine Informations- und Kulturstadt um – auch wenn er sagt, dass sein grösster Erfolg bis jetzt der «Gute-Tag-Tag» gewesen sei. Und in einer grossen Rede zur Verabschiedung des Haushalts bedauert: «Als Komiker habe ich Steuern immer Diebstahl genannt. Das war einfacher.»

Und wenn Gnarr die Budgetrede mit den Worten beendet: «Ich wollte den Leuten etwas Schönes bieten, etwas, das frei ist von Zorn und Bitterkeit», dann fragt sich, ob man nicht Oswald Grübel im Kampf gegen die Bankenregulierung unterstützen sollte. Falls die UBS garantiert, dass nach der Pleite der Schweizer Banken Soldat Constantin Verteidigungsminister und Müslüm in seinem rosa Armani Justizchef wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2011, 15:39 Uhr

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