Digital

Google sammelt alles – auch private E-Mail-Schnitzel

Von Rita Flubacher. Aktualisiert am 18.05.2010

Der Internetkonzern spricht von einem Versehen. Datenschützer zweifeln und fordern eine stärkere Kontrolle von Google.

Google-Auto unterwegs: Sie haben neben Bildern auch fremde Daten gesammelt.

Google-Auto unterwegs: Sie haben neben Bildern auch fremde Daten gesammelt.
Bild: Dominic Favre/Keystone

Hanspeter Thür, oberster eidgenössischer Datenschützer, erhielt das Mail am vergangenen Freitag um 22 Uhr. Es informierte ihn, dass Google (GOOG 671.41 0.36%) wenige Tage zuvor nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Damals hiess es, dass bei den Fahrten für Google Street View nur die Namen der WLAN-Netze und deren eindeutige Kennung gespeichert würden, nicht aber personenbezogene Daten. Am Freitag räumte Google ein, dass seit 2007 in mehr als 30 Ländern genau solche Daten erfasst worden seien, also E-Mails oder besuchte Webseiten.

Schwerer Fehler begangen

Wie das funktionierte, ist im Google-Firmenblog nachzulesen. Die Daten seien «versehentlich» aufgezeichnet worden. Es gehe um Daten, die in dem Moment über ungeschützte Netzwerke gelaufen seien, als das Google-Auto vorbeigefahren sei. Nicht betroffen seien passwortgeschützte WLAN-Anschlüsse. Laut dem stellvertretenden Forschungschef Alan Eustace sei für die Erfassung der Netzstandorte eine Software eingesetzt worden, die auch Nutzerdaten mitschneide. Dies hätten die Mitarbeiter des WLAN-Projekts nicht gewusst.

Die Fahrten der Autos seien gestoppt und die erfassten Daten gesondert gespeichert worden. Das Kartierungsprojekt werde komplett eingestellt. Eustace entschuldigte sich für den «Irrtum» und beteuerte, man werde alles daransetzen, die richtigen Lehren zu ziehen. Google-Sprecher Kay Oberbeck sagte im Schweizer Fernsehen, es sei ein schwerer Fehler begangen worden.

Datenschützer machen aus ihrer Skepsis gegenüber dieser Darstellung kein Hehl. Hanspeter Thür spricht von einem Skandal. Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter des Kantons Zürich und Präsident der Vereinigung der Schweizer Datenschutzbeauftragten, glaubt, dass bei Google etwas zum Vorschein gekommen ist, was man verdeckt halten wollte.

Google verweigert die Forderung

Die deutsche Verbrauchsschutzministerin Ilse Aigner nennt das Tun von Google «illegal». Für die Datenschützer im In- und Ausland ist klar: «Google muss offenlegen, wie es zu diesem Verstoss kommen konnte und wie viele Internetnutzer betroffen sind», so Ilse Aigner. Thür verlangt von Google, dass die Rohdaten der Street-View-Aufnahmen auf den Tisch gelegt werden. Ein schweizerischer Datenschützer könne dies allerdings nicht anordnen: «Es ist ein internationales Problem.»

Wie schwer den Suchmaschinisten beizukommen ist, weiss Thür aus eigener Erfahrung: Der Datenschützer will, dass Personen und Autokennzeichen besser unkenntlich gemacht werden. Google verweigert die Forderung. Nun muss das Bundesverwaltungsgericht über die Klage von Thür entscheiden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2010, 10:03 Uhr

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