Der neue Zuckerberg aus dem Technopark Zürich
Von Christian Lüscher. Aktualisiert am 04.10.2011 15 Kommentare
Gamification: Das Leben wird zum Spiel
Computerspiel-Erfinder sind daran, das Leben digital aufzupeppen. Das Stichwort dazu: Gamification. Der Begriff bezeichnet die Nutzung von Videospieldesign-Mechaniken außerhalb von Videospielen. Es integriert Belohnungssysteme für die Erfüllung von Aufgaben, schafft Vergleiche, stellt soziale Interaktion her und macht Fortschritte sowie das Nutzerverhalten sichtbar. Das Ziel besteht darin, die fesselnden Elemente von Videospielen auf andere Lebensbereiche zu übertragen und das Nutzerverhalten zu steuern. Das Engagement von Spielern als Ziel: Daraus bezieht die Methode seine Relevanz für die Werbung. Menschen sollen langfristig gebunden werden. Als Nebeneffekt können Marke und Unternehmen in den Mittelpunkt der Aktionen rücken. Nimmt der Nutzer diesen Zusammenhang wahr, stellt er eine Verbindung zwischen Angebot und Unternehmen her und entwickelt eine Beziehung zum Produkt. Gamification als Instrument kann die Kommunikation und den Dialog einer Gruppe fördern und zum Community-Building beitragen. Als Vorreiter dieser Entwicklung gilt der Dienst Foursquare. Weltweit haben sich bis heute mehr als fünf Millionen Menschen registriert und teilen Freunden und Bekannten per Statusmeldung mit, wo sie gerade sind und was sie dort machen. Foursquare belohnt seine Nutzer wie in einem Videospie für die Einträge mit Punkten und Abzeichen. Wer beispielsweise die meisten registrierten Besuche in einem Restaurant vorweisen kann, das in Foursquare verzeichnet ist, wird als «The Mayor» ausgezeichnet.
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Er sieht aus, wie man sich einen typischen Internetunternehmer der neuen Generation vorstellt: In T-Shirt und Schlarpen. Danil Kozyatnikovs Gesicht und seine Augen wirken müde, Zeichen langer Nächte vor dem Computer. Wir sitzen im Technopark Zürich, wo der junge Russe sich bei einer Investementfirma einquartiert hat. Kozyatnikov hat mit seinem Start-up an der Limmatstadt Stellung bezogen. Von hier aus plant er seinen Onlinefeldzug.
Danil Kozyatnikov gilt in der Internetszene und bei Investoren als neuer Star. Obwohl das Portemonnaie selbst in der boomenden Internetbranche nicht locker sitzt und die Risikokapitalgeber sich gegenüber neuen Ideen zunehmend skeptisch verhalten, konnte Kozyatnikov das Publikum eines UBS-Investorentreffens im Thurgau jüngst tief beeindrucken. Seine Idee wurde mit Bestnoten beurteilt.
Das Leben ist ein Spiel, so sieht Danil Kozyatnikov die Welt. Der Russe entwickelte einen Mobildienst mit dem Namen Quest.li, der Usern ermöglicht, selber Spiele zu entwickeln. Gemeint sind allerdings nicht Onlinespiele, sondern Schnitzeljagden, die im virtuellen als auch realen Raum stattfinden. Und das geht so: Mit Hilfe der App kann ein Spielentwickler ein sogenanntes Quest eröffnen. Das sind beispielsweise einfache Recherchieraufgaben oder komplizierte Rätsel, bei denen die Spieler auf verschiedene Quellen im Internet zurückgreifen, wobei es auch möglich ist, dass die Quests bis hinaus in die reale Welt der Spieler hineinreichen und sie so zum gemeinschaftlichen Handeln bewegen. Für die Teilnahme an einem Game muss ein Beitrag gezahlt werden. Der Sieger, also jener Spieler der das Quest zuerst löst, bekommt 70 Prozent des eingezahlten Spielgelds, der Spielentwickler und die Plattform Quest.li streichen je 15 Prozent ein.
«Wir leben in einer Welt von Spielern»
In dieser Social-Gaming-Geschäftsidee sieht Danil Kozyatnikov die grosse Zukunft. Der Russe ist überzeugt, dass er mit seinem Konzept die Internetwelt auf den Kopf stellen wird, denn der Spieltrieb im Netz sei nicht zu unterschätzen. Der Mann muss es wissen: Bevor er sich Quest.li widmete, entwickelte Kozyatnikov Browsergames für das führende Social Network vk.com in Russland. Kozyatnikov weiss, wie die User ticken: «Wir leben in einer Welt von Spielern.»
Der 24-Jährige stammt aus Novosibirsk, einer «langweiligen Gegend», wie er selber sagt. 2010 hatte Kozyatnikov genug von der Perspektivlosigkeit im Norden Russlands. «Mein Vater ist ein lokal verwurzelter Unternehmer. Ich allerdings denke grösser. Ich denke global», meint Kozyatnikov. Nach unzähligen Versuchen in Russland mit Onlinegames Geld zu verdienen, musste er realisieren, dass sein Land ein ungünstiger Ort für ambitionierte Ideen ist. «Der russische Markt ist noch nicht bereit», resümiert Kozyatnikov.
Clevere PR-Aktion
So sah der Russe einzig im Ausbruch aus der Provinz die Möglichkeit, ein global vernetztes Internetunternehmen aufzubauen. Mit viel Unternehmergeist aber ohne Geld in der Tasche versuchte Kozyatnikov seine Idee einer Spiele-App an der Internetmesse LeWeb in Paris an die Leute und Investoren zu bringen. Kein einfaches Unterfangen, denn Kozyatnikov sprach weder ein gutes Englisch noch hatte er Kontakte. Mit etwas Glück und einer geschickten PR-Aktion, Kozyatnikov trug ein Shirt mit der Aufschrift «Have a working prototype – looking for VC», wurde die auf Internetinvestments spezialisierte Zürcher Firma Redalpine auf den ehrgeizigen Russen aufmerksam.
Dann gings schnell. Internetbörsenpionier Nicolas Berg («Borsalino») steckte 200'000 Franken in das junge Projekt. Dies, obwohl Kozyatnikovs Idee nicht einmal auf Papier in Form eines Businessplans existierte. Redalpine-Chef Berg sah in Kozyatnikov jedoch grosses Potenzial und stellte die Finanzierung für einen Ausbau auf die Beine: «Danils Mut und Ehrgeiz beeindruckten mich. Zudem war seine Idee vielversprechend, weil sie das Beste der Onlinewelt intelligent kombiniert.» Berg holte den jungen Kozyatnikov nach Zürich. Seit anfangs Jahr hat Quest.li sein Hauptquartier an der Limmatstadt. Von hier aus will Berg zusammen mit Kozyatnikov zuerst in den USA dann in Europa die Plattform lancieren.
Gut vernetzt im Silicon Valley
Kozyatnikov ist vom Wert seiner Idee überzeugt und übt sich nicht in Bescheidenheit. Im Gespräch betont der studierte Mathematiker, dass er mit Quest.li am «next Facebook» arbeitet. Das hört sich überheblich an. Die Zeichen stehen allerdings gut, dass Kozyatnikov mit seiner Firma auf dem Weg zu einem Global Player ist. Anfangs September ist ihm in der Start-up-Hochburg San Francisco ein wichtiger Sieg gelungen. An der Internetkonferenz Techcrunch Disrupt gewann er für seine Plattform den Publikumspreis. Wer dies schafft, hat im Normfall den wichtigen Grundstein für den Erfolg gelegt. Der Preis hat dem Gründer auf einen Schlag eine Menge Publicity eingebracht. Kurz nach der Meldung war der Server von Quest.li mit derart viel Anfragen beschäftigt, dass die Seite nicht mehr erreichbar war. Und inzwischen verkehrt Kozyatnikov mit Silicon Valley Berühmtheiten wie Dennis Crowley, Jeff Clavier oder Dave McClure. Auch mit dem Management von Facebook hat der ehrgeizige Russe Kontakt.
Von der derzeitigen Bekanntheit will Kozyatnikov profitieren. In den nächsten Wochen wird der Jungunternehmer an den Eliteuniversitäten in den USA sein Projekt vorstellen. Für die geplante Weiterentwicklung seines Dienstes braucht er zum einen Brainpower. Zum anderen einen treuen Grundstamm an Nutzern, die Inhalte generieren und die App kreativ zu nutzen wissen.
Während nächste Woche Kozyatnikovs Projekt in den USA offiziell an den Start geht, dauert es in der Schweiz noch eine Weile. Im Dezember ist die Lancierung im Alpenland geplant. Die hiesige Werbebranche zeigt schon jetzt reges Interesse am crossmedialen Ansatz von Quest.li. Sie will Unternehmen und Marken in die Spielwelt bringen, denn während Konsumenten gegenüber klassischer Werbung zunehmend resistenter werden, ermöglichen Plattformen wie Quest.li den Unternehmen, Werbebotschaften auf kreative Art weiterzuverbreiten. Gut möglich, dass der Konsument künftig via Smartphones also Quests löst, und statt Scorerpunkten bald einen Gutschein für Katzenfutter bekommt. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.10.2011, 14:01 Uhr
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Ehrlich, ich bin neidisch! Irgendwie fehlt mir das Talent, heisse Luft zu produzieren, und Investoren dafür zu finden! Facebook und Youtube haben keine glaubwürdigen Einnahmen. Dass Facebook 1/6 vom Wert Apples hat, obwohl Apple 14 Mrd. $ pro Jahr verdient, glaubt doch niemand! Aber offenbar steht man auf virtuelle Werte. Antworten
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