Das Internet kennt bald jedes Gesicht
Von Angela Barandun. Aktualisiert am 08.08.2011 15 Kommentare
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Datenbank zur Gesichtserkennung
Seit Anfang Juni hat Facebook die automatische Gesichtserkennung auch in der Schweiz freigeschaltet. Wenn jemand ein neues Foto hochlädt, analysiert Facebook die Gesichter und macht Vorschläge, welche Freunde man im Bild markieren könnte. Wer das nicht möchte, muss die Funktion aktiv ausschalten. Bereits wenige Wochen nach der Einführung meldete der Eidgenössische Datenschützer Hanspeter Thür Bedenken an wie bereits viele seiner Kollegen vor ihm. Der Hamburger Datenschützer geht sogar noch einen Schritt weiter. Er hat eine Stellungnahme veröffentlicht, die Gesichtserkennungsfunktion verstosse gegen europäisches und deutsches Datenschutzrecht. Jedes Mal, wenn ein neues Foto hochgeladen werde, würden die darauf erkennbaren Gesichter nach biometrischen Merkmalen ausgewertet und gespeichert. So baue Facebook im Hintergrund eine Datenbank zur Gesichtserkennung mit Millionen von Nutzern auf. Der Hamburger Datenschützer fordert Facebook auf, die bereits gespeicherten Daten zu löschen und den Dienst abzuschalten oder ihn ans geltende Recht anzupassen.
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Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einer Bar. Am anderen Ende des Tresens steht ein attraktiver Mann, genau Ihre Kragenweite. Sie wüssten nur zu gern, ob er single ist und auf Frauen steht. Sie zücken ihr Handy, machen unauffällig ein Foto und innert Sekunden beantwortet das Internet all Ihre Fragen inklusive Name, vielleicht sogar Telefonnummer des Objekts Ihres Interesses.
Ein Gesicht reicht aus
Ferne Zukunftsmusik? Vielleicht schon bald bittere Realität. Forscher an der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh (USA) haben getestet, wie weit her es mit der Privatsphäre noch ist im Zeitalter von sozialen Netzwerken, von Internet-Rechenpower und Gesichtserkennungssoftware. Ihr Fazit ist beängstigend: Sie sprechen von einer «Demokratisierung der Überwachungstechnik». Künftig reicht ein Gesicht, um alles online verfügbare Material über einen Menschen zusammenzutragen, prophezeien Alessandro Acquisti, Ralph Gross und Fred Stutzman.
Sie haben drei Experimente durchgeführt. Im ersten haben sie die Profilfotos der meist anonymisierten Nutzer einer Partnervermittlungsplattform mit Facebook-Profilen verglichen, wo die Nutzer aufgerufen sind, ihren richtigen Namen zu verwenden. Um den Rechenaufwand zu reduzieren, beschränkte sich der Vergleich auf die Bewohner einer einzigen Stadt. Das Resultat: Bei gut 10 Prozent der 5000 Paarungswilligen fand der Computer ein passendes Facebook-Konto und damit meist auch den richtigen Namen.
Im zweiten Experiment wurden unbekannte Studenten fotografiert. Nach weniger als drei Sekunden wurde ihnen eine Auswahl an Facebook-Fotos präsentiert, die die Gesichtserkennungssoftware ihnen zugeordnet hat. Jeder Dritte konnte so identifiziert werden.
Im dritten Experiment haben die Forscher ausprobiert, was für relevante Informationen man sonst noch über die Studenten im Internet findet Namen, Geburtsdaten, andere demografische Angaben. Anhand dieser Angaben konnten die Forscher die ersten 5 Ziffern der Sozialversicherungsnummer der Studenten herleiten, wie sie bereits in einer früheren Studie gezeigt hatten.
«Wir verlieren die Anonymität»
Die amerikanischen Forscher arbeiten sogar an einem Handyprogramm, das die Identifizierung einer beliebigen Person automatisieren soll. Solange man die Datenmenge beschränkt – etwa auf eine bestimmte Stadt oder Universität –, wäre das heute schon möglich, wie die Experimente zeigen.
Die Forscher haben mit handelsüblichen Computern, Kameras und Programmen gearbeitet. Die Gesichtserkennungssoftware stammt von Pittpatt einer Firma, die Google vor kurzem übernommen hat. Auch Facebook ( 31.91 -3.39%) und Apple verfügen über eine Gesichtserkennungstechnologie. Facebook hat sie bereits in ihre Plattform eingebaut (siehe Infobox).
Die Folgen für die Privatsphäre liegen auf der Hand: «Wir verlieren unsere Anonymität», sagt Bruno Baeriswyl, Datenschützer des Kanton Zürichs. «Die Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, ohne identifiziert zu werden, geht verloren.» Zwar sei es heute noch nicht so weit, aber die Technologie bewege sich ganz klar in diese Richtung. «Dessen müssen wir uns bewusst sein», so Baeriswyl.
Verfalldatum für Daten im Internet?
Kurzfristig gibt es kaum Möglichkeiten, dem zu entgehen. Die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung ist heute mit Name und Foto im Internet zu finden. Nicht nur auf sozialen Plattformen wie Facebook, sondern auch in Zusammenhang mit Job oder Vereinstätigkeit. «Langfristig wird an Konzepten wie etwa einem Verfallsdatum für Daten im Internet gearbeitet», sagt Datenschützer Baeriswyl. «Oder etwa Methoden, um zu verhindern, dass etwas kopiert werden kann.»
Es sei ein Wettlauf mit der Zeit, was zuerst Realität werde: die automatische Identifikation immer und überall oder ein passabler Schutz davor. «Bis dahin müssen wir uns einfach bewusst sein, dass alles, was wir im Internet veröffentlichen, auch dort bleibt und mit jeder anderen verfügbaren Information über uns verknüpft werden kann.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.08.2011, 08:50 Uhr
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15 Kommentare
Bruno Baeriswyl erzählt nur die halbe Wahrheit: Gesichterkennungssoftware wird von unseren sammelwütigen "Staatsschützern" und der Polizei schon seit längerem im grossen Stil eingesetzt und fleissig Bewegungsprofile angelegt. Aber gegen diese Machenschaften unternimmt der Herr Datenschützer nichts! Antworten
Das alles tönt ev. beängstigender, als es wirklich ist. Bis vor einem Jahrhundert war es nornal; dass man im Dorf bzw. der Kleinstadt von jedem erkannt wurde. Das 'anonyme Jhdt.' dürfte in der Menschheitsgeschichte eine Anomalie bleiben. Antworten
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