Das Internet in zwanzig Jahren
Von Adrian Sulc. Aktualisiert am 26.05.2009
Ein Hofkleid, 2180 Liter Korn und 2000 Liter Wein: All dies soll Johannes Gensfleisch vom Erzbischof von Mainz als Dank für seine Erfindung erhalten haben. Gensfleisch, besser bekannt unter dem Namen Gutenberg, erfand um 1450 den Buchdruck – und löste damit in Europa eine Medienrevolution aus. Mit einem Sir-Titel und verschiedenen Ehrendoktoren wurde indes Tim Berners-Lee geadelt, der vor 20 Jahren das Konzept des heutigen Internets erfand. Zwar wurden schon vorher die ersten Computer über Telefonleitungen miteinander verbunden. Doch mit der Idee des World Wide Web und damit der Internetseite bereitete der heute 53-jährige Brite Berners-Lee den Weg für eine weitere Medienrevolution: Das Internet wurde zum Massenmedium.
Einfach, wie das «Netz» mittlerweile zu bedienen ist, suchen bereits Zehnjährige nach Videos bei Youtube sowie nach ihrem nächsten Weihnachtsgeschenk auf der Seite von Spielzeughersteller Lego – und künftig werden sie sich noch selbstverständlicher in der digitalen Welt bewegen. Musste sich die heute erwachsene Generation zuerst anfreunden mit der Idee von sofort verfügbaren, kostenlosen Informationen, ist dies heute für die Jugendlichen so normal wie fliessendes Wasser. Weitere Teile unseres täglichen Lebens werden sich dank neuen Technologien und allgegenwärtigen drahtlosen Breitbandanschlüssen ins Internet verlagern.
Ist das ein Problem? Nicht mehr als andere zivilisatorische Entwicklungen. Wie die Welt abhängig wurde vom Öl und später vom elektrischen Strom, so ist sie es heute auch vom Internet. Dass das eigene Geld per Mausklick überwiesen wird, dass eine Flugbuchung nur noch mit einem kurzen E-Mail bestätigt wird und dass ein Grossteil der Korrespondenz nur noch digital existiert – das ist gewöhnungsbedürftig. Die Information ist von überall aus erreichbar, ihr physischer Standort ist für den Nutzer unwichtig. Ob ein Rechner in Belp oder Bangalore steht – man merkt es nicht. Dass dies neben einem immensen ökonomischen Nutzen auch Gefahren birgt, wissen auch die Regierungen: Die Rechner systemrelevanter Organisationen und Unternehmen unterstehen einem besonderen Schutz. Doch auf Gesetzesebene wird sich noch viel bewegen müssen, um im Internet eine ähnliche Rechtsbarkeit wie in der realen Welt zu gewährleisten. Auch die Internetnutzer müssen das Ihrige tun, um nicht Opfer von Viren, Würmern und Spionageprogrammen zu werden.
Waren in den 90er-Jahren die Internetangebote Tummelplätze für Gleichaltrige oder Gleichgesinnte, ist das Internet zur universellen Plattform geworden: Die Grossmutter findet Partyfotos des Enkels, der Arbeitgeber stösst über die Google-Suche auf frühere Gästebucheinträge der Bewerberin. Daran wird sich auch in Zukunft kaum etwas ändern: Google, der kalifornische Suchmaschinenkonzern, wird seine Marktmacht ausbauen und seine Speicher weiter mit Daten füllen. «Wir wohnen ja in einer Gesellschaft und nicht im Urwald; wir verstecken uns nicht», sagte der Datenschutzbeauftragte von Google letztes Jahr dem «Bund». Die Idee von Privatleben müsse «pragmatisch bleiben». Und während die Macht einiger Internetkonzerne zunehmen wird, ist jene von vielen anderen bereits im Begriff zu schrumpfen: Aussagen von Politikern, Stammtischkollegen und nicht zuletzt auch Journalisten können mit kleinem Aufwand überprüft werden. Mittels Blogs und Plattformen wie Facebook und Twitter werden immer mehr «Normalbürger» ein eigenes Publikum erhalten.
Damit wird auch die Atomisierung der Gesellschaft weitergehen: Wer früher auf dem Dorf eine Handvoll Vereine zur Auswahl hatte, der findet nun im Internet zu jedem erdenklichen Thema Gleichgesinnte. Und der kleine Zulieferer aus dem Emmental erhält dank eigener Internetseite nun auch von irischen Industriebetrieben Bestellungen. Mit der Fülle von Daten – alleine letztes Jahr kamen gemäss dem Zürcher Informatikunternehmen EMC 487 Milliarden Gigabyte hinzu – wird das Internet jedoch auch immer unübersichtlicher. Neue Suchtechniken sind gefragt. Die Vision der künstlichen Intelligenz wird mit dem «semantischen Web» neuen Auftrieb erhalten: Seit Jahren tüfteln Informatiker an intelligenten Datenbanken und Suchalgorithmen (siehe «Bund» vom 1. Mai). In Zukunft soll «das Internet» wissen, ob mit «Kohl» der ehemalige Bundeskanzler oder das Gemüse gesucht ist. Indem Radio, Fernsehen, Mobiltelefon und der klassische Computer zu einem verschmelzen, bedeutet die Benutzung des Internets nicht mehr, am Pult zu sitzen.
Doch das Internet wird nicht alles ersetzen. So ist etwa das seit Jahren propagierte papierlose Büro bisher eine Utopie geblieben. So wird auch die Erfindung Gutenbergs noch mindestens 20 weitere Jahre nachwirken. (Der Bund)
Erstellt: 26.05.2009, 10:05 Uhr
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