Digital
Reto Knobel
Ressortleiter Digital
Das Halal-Internet
Aktualisiert am 01.06.2011 26 Kommentare
Auch die Türkei will zensurieren
Die türkische Regierung hat ihr Vorhaben verteidigt, den Zugang zu bestimmten Websites zu beschränken. Davon betroffen seien Internetseiten, die beschreiben, «wie man seine Frau umbringt, wie man seinen Liebhaber in zwölf Teile schneidet, wie man Sprengsätze herstellt», sagte der stellvertretende türkische Ministerpräsident Bulent Arinc in einem Interview des türkischen Fernsehsenders NTV. Gesperrt werde auch der Zugang zu Pornografie und Webseiten, «die diese Arten abscheulicher Dinge verbreiten».
Die Regierung plant, dass sich Internetnutzer am 22. August für einen von insgesamt vier Filter-Stufen anmelden. Die «Standard-Option» ermöglicht den Nutzern danach nach Angaben der Regierung einen Zugang zu allen verfügbaren Websites. Wie die anderen drei Stufen aussehen sollen und welche Seiten im Internet dann zu sehen sein werden, hat die zuständige Behörde noch nicht erklärt.
Gegen die geplante Regelung haben schon Tausende Menschen in der Türkei protestiert. Der Schritt komme einer weiteren Zensur gleich, heisst es. Die türkische Regierung hat bereits den Zugang zu Tausenden Websites gesperrt, um Kinderpornografie, unerlaubtes Glücksspiel und andere Internetverbrechen einzudämmen. (DAPD)
Quellen
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Online-Verbot für Chinas Soldaten
Die 2,3 Millionen chinesischen Soldaten dürfen ab sofort keine sozialen Netzwerke im Internet mehr nutzen. Die Armee befürchtet, über die Online-Freunde könnten Geheimnisse öffentlich und dem Feind Vorteile verschafft werden. Durch die Bekanntgabe von Adresse, Tagesablauf und weiteren Angaben eines Soldaten könnten Feinde Militärbasen orten, schrieb die Armeezeitung «Jiefangjun Bao» am Mittwoch.
Noch schlimmer seien ins Netz gestellte Fotos von Trainingseinheiten, wodurch Informationen über Ausrüstung und die militärischen Kapazitäten Chinas offengelegt würden. Die Offiziere und Soldaten müssten die «echten Gefahren» verstehen, die von Online-Freundschaften ausgingen, schrieb das Armeeblatt.
Die chinesische Volksarmee ist die grösste Armee der Welt. Daneben gibt es in China knapp eine halbe Milliarde Internetnutzer und zahlreiche soziale Onlinenetzwerke und Microblogging-Seiten. (SDA)
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Geht es nach dem Willen der iranischen Regierung, können in zwei Jahren im persischen Reich nur noch Banken, Regierungsbehörden und ausgewählte Grossfirmen das Internet nutzen: Dem «Wall Street Journal» liegen entsprechende Berichte von Irankennern vor, wonach Teheran ein nationales Internet schaffen will.
Von einem «Halal Internet» sprach Ali Agha-Mohammadi, Mitglied des Obersten Nationalen Sicherheitsrats und stellvertretender Wirtschaftsminister, bereits im April. «Halal» heisst «erlaubt», «zulässig». Mit anderen Worten: Die neuen Medien sollen muslimisch rein sein.
Was der Iran wirklich will
Das wirkliche Ziel dieser Massnahmen ist natürlich ein ganz anderes: Der Informationsfluss aus Ländern mit starken Widerstandsbewegungen (Syrien, Jemen) und gestürzten Autokraten (Tunesien, Ägypten) soll unterbunden werden. Um sich vor äusseren Einflüssen zu schützen, plant das Land gemäss verschiedenen iranischen Medien auch die Lancierung eines eigenen Betriebssystems – die amerikanischen Erfindungen Windows und Mac OS sollen draussen bleiben.
Serge Droz, Leiter der Sicherheitsabteilung der Stiftung Switch, welche seit 20 Jahren den Zugang der Schweiz zum Internet garantiert und auch die Registrierungsstelle für .ch-Adressen ist, sieht diese Bemühungen skeptisch: «Bei entsprechendem Aufwand ist es durchaus möglich, ein fast vollständig kontrolliertes Netz zu bauen. Was dies einem Land mittelfristig bringt, ist allerdings nicht klar.» Ähnliche Bestrebungen anderer Länder hätten aber gezeigt, dass Regierungen die totale Kontrolle niemals erreichen könnten: «In Ägypten jedenfalls hat die Netzkontrolle jedenfalls nichts genutzt. Und in China scheint sie relativ gut – aber nicht sehr gut zu funktionieren.»
«Carnivore» kontrolliert alle Mails
Natürlich stehe es jedem Land frei, die Infrastruktur nach seinem eigenen Gusto zu betreiben, so Droz. Kontrollmechanismen gäbe es auch bei vermeintlich «freien» Internetdienstanbietern. Droz erwähnt das 1999 in Betrieb genommene FBI-System Carnivore, mit welchem der Mailverkehr fast vollständig überwacht werden kann (der furchteinflössende Begriff Carnivore – Fleischfresser – wurde mittlerweile in DCS1000 umgewandelt).
Dass solche Kontrollen in der Schweiz eine richterliche Bewilligung erfordern, heisst aber nicht, dass der Schweizer Internetnutzer völlig frei sei. «Alle Staaten überwachen, auch die Schweiz.» Geht es nach dem Willen des Bundesrats, soll es künftig sogar möglich sein, «dass der Bund jederzeit und ohne Wissen der Beteiligten über die Infrastruktur des Providers Zugriff auf alle digitalen Kommunikationsdaten eines Unternehmens oder einer Organisation hat», wie unlängst der Schweizer Sicherheitsspezialist Martin Bosshardt im «Tages-Anzeiger» kritisiert hat. Das sei so, «wie wenn eine staatliche Kontrollinstanz direkten Zugriff auf Ihren PC zu Hause hätte».
Ein eigenes Netz braucht neue Infrastruktur
Für Droz sind im Falle des Irans noch viele Fragen offen. «Wir wissen nicht genau, was der Iran unter einem nationalen Netz versteht. Dieser Begriff kann auch bedeuten, dass das Web vollständig kontrolliert ist respektive die Provider keinen Einfluss mehr haben. Will man wirklich ein ‹eigenes Netz›, muss Infrastruktur verbaut werden, was teuer, aber machbar ist. Billiger wäre es wohl, die Internetprovider zu enteignen.»
Grundsätzlich sei es aber immer möglich, Zensurmassnahmen zu umgehen, etwa indem man verschlüsselt über Proxys geht oder Peer-to-Peer-Technik nutzt. Droz: «Solche Techniken kann man fast nicht blockieren.»
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.06.2011, 11:55 Uhr
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26 Kommentare
Statt sich mit der Fifa zu beschäftigen, würden alle Kritiker einer freien Gesellschaft lieber gegen die Pläne des BUndesrates protestieren. Mich jedenfall besorgt dies um einige Grade mehr, als das Gelärme um den Weltfussballverband. Antworten
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