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Alles auf einer Karte
Von Matthias Schüssler. Aktualisiert am 23.04.2012 6 Kommentare
Wo OpenStreetMap nicht mithalten kann
Alexander Zipf, Sie haben mit Ihren Mitarbeitern die Datenqualität von OpenStreetMap mit kommerziellen Produkten verglichen. Wie kann das freie Produkt mithalten?
Datenqualität ist immer ein «Fitness for purpose» – es kommt darauf an, was Sie mit den Daten machen wollen. Mittlerweile gibt es zahlreiche Anwendungen, für die die OpenStreetMap-Daten mehr als genug sind. Beispielsweise für Anfahrtsskizze zu meiner Firma, regionale Übersichtskarten, oder kleinräumige Detailkarten eines Gebietes, bei dem ich selbst abschätzen kann, ob die Daten für meine konkreten Zwecke ausreichend sind. Die gute Nutzbarkeit gilt insbesondere für die schon recht weit gediehenen «Vorzeigestaaten» Deutschland, Österreich, Schweiz, UK und Benelux. Und dort speziell für die städtischen und dicht besiedelten Gebiete. In den genannten Staaten sind auch die «normalen» Strassen ausreichend kartiert. An den kleineren Wald- und Feldwegen wird gearbeitet.
Wo kann OpenStreetMap nicht mithalten?
Beispielsweise beim paneuropäischen PKW-Routing. Hier kann OpenStreetMap noch nicht das gleiche Mass an Homogenität und Zuverlässigkeit bieten wie kommerzielle Anbieter, die natürlich viele Spezialmärkte passgenau beliefern. Bei OpenStreetmap sind grosse regionale Unterschiede festzustellen. Bei den kommerziellen Anbietern gibt es die zum Teil auch, aber dort wird zumindest eine Mindestgenauigkeit garantiert. Dieses Fehlen einer «Garantie» ist vermutlich auch die grösste Schwäche.
Nur durch Untersuchungen (wie unsere) zur grossräumigen Situation der Qualität erhält man Anhaltspunkte, ob für eine bestimmte Anwendung die Daten ausreichend sind. Ansonsten ist man auf kleine Stichproben angewiesen, die auf Grund der räumlichen Heterogenität der Daten oft weniger aussagen.
Wo kann man den Dienst unbesehen nutzen?
In grossen Ballungsgebieten kann ich mittlerweile fast blind auf OpenStreetMap vertrauen. Aber Verallgemeinerungen sind immer schwierig. Bei der Differenzierung helfen Anwendungen wie Osmatrix, wo man zum Beispiel sehen kann, wie häufig Daten aktualisiert werden und wie viele Benutzer an einer Gebietseinheit arbeiten. Das sind wichtige Indikatoren für die Datenqualität. Zudem gibt es eine Reihe von Anwendungen, bei denen OpenStreetMap sogar mehr bietet als die klassischen Anbieter – entweder, weil es sich um einen kommerziell wenig attraktiven Nischenmarkt handelt oder wegen des hohen Aufwands für die Datenaufnahme.
Gibt es noch weitere Beispiele für OpenStreetMap-Anwendungen?
Unser Openrouteservice.org hat schon vor Google Europa-weites Fussgängerrouting angeboten und bietet heute in ganz Europa diverse Fahrradoptionen. Nur OpenStreetMap kann bisher bei diesen Anwendungen Staatenübergreifend eine derartige Datenfülle liefern! Ein weiteres Beispiel ist das Geocoding – also der Zuordnung raumbezogener Informationen zu einem Ort: Die Zahl der Hausadressen steigt zwar laufend, aber es macht natürlich einen Unterschied, ob meine Anwendung eine «Hausscharfe» Adresssuche auf den Meter genau benötigt oder ob ich mit einer Genauigkeit von 30, 60 oder 100 Metern leben kann, wie es früher durchaus üblich war. Die professionellen Navi-Anbieter nutzen heute Adress-genaue Datenbestände. Diese Genauigkeit hat OpenStreetMap bisher noch nicht erreicht. Und die Unterschiede sind gross: Manche Städte sind sehr gut erfasst, woanders gibt es noch grosse Lücken.
Eine äusserst spannende Anwendung ist das Crisis Mapping. Es kann im Katastrophenfall schnell aktuelle neue Daten liefern – insbesondere wenn die entsprechenden aktuellen Luftbilder freigegeben wurden.
Wie hat sich OpenStreetMap in den letzten Jahren verbessert?
Das Wachstum über die letzten Jahre war bei allen Datentypen beeindruckend. Es sind bei einigen Objektarten schon Sättigungserscheinungen zu sehen. Es sind einfach quasi alle Autobahnen und Bundesstrassen in Deutschland erfasst, weswegen kaum mehr neue Strassenkilometer dazukommen. Es werden stattdessen zunehmend speziellere Objekttypen erfasst, beispielsweise die Landnutzung oder Points of Interest. Microsoft hat Ende 2010 der OpenStreetMap-Community erlaubt, die auf Bing verfügbaren Luftbilder abzuzeichnen. Seitdem wächst die Zahl der Gebäude beeindruckend. So sind mittlerweile mehr Gebäudeobjekte als Strassenobjekte in der OpenStreetMap-Datenbank enthalten. Davon profitieren Anwendungen wie osm-3d.org. Ausserdem ist zu beobachten, dass die Werkzeuge zur Datenaufnahme professioneller werden. Das erleichtert die Datenaufnahme für Neueinsteiger zunehmend – aber man muss sich nach wie vor damit auseinandersetzen.
Prof. Dr. Alexander Zipf ist Professor für Geoinformatik an der Universität Heidelberg
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Kommerzielle Karten werden verschwinden – das ist die Überzeugung von Steve Coast. Der Technologieberater hat 2004 die Plattform Openstreetmap gegründet, die seitdem frei nutzbare geografische Daten anbietet. Coast verspürt im Moment zünftig Aufwind. Mehrere Unternehmen, die bisher Google-Maps auf ihren Websites eingebunden haben, schwenken auf Openstreetmap um. Apple verwendet das freie Kartenmaterial in iPhoto für iOS zur Anzeige von Fotos mit Geo-Tags.
Wikipedia bindet Openstreetmaps in die mobilen Apps ein, und Foursquare, ein soziales Netzwerk für Check-ins in öffentliche Orte, verwendet sie seit einem Monat. Ein Grund für den Wechsel sind die Gebühren, die Google (GOOG 678.695 -0.68%) seit kurzem grossen Kunden verrechnet.
Konstant wachsende Qualität
Die Geo-Daten von Openstreetmap sind dagegen gratis und als «schöpferisches Gemeingut» (als Creative Commons) lizenziert. Bei Nennung der Quelle dürfen sie in Websites, Apps und Anwendungen sowie in gedruckte Werke eingebunden werden. Es sind jedoch nicht allein die Sparmöglichkeiten, die Openstreetmap Auftrieb verleihen. Es ist auch die konstant wachsende Qualität.
Alexander Zipf ist Professor für Geoinformatik an der Universität Heidelberg, und er hat die Daten untersucht. Sein Fazit ist, dass in Deutschland die freien Karten die kommerziellen in Ballungsgebieten übertreffen. In weniger dicht besiedelten Gebieten besteht Nachholbedarf. Bei den POIs, den «Point of Interest» bzw. Sehenswürdigkeiten, liegen kommerzielle Anbieter wie Teleatlas vorn. Doch Zipf verzeichnete rasante Wachstumsraten.
Mit GPS und Gratis-Software
Die Karten von Openstreetmap werden von Freiwilligen erhoben, die Strecken abgehen und den Verlauf mittels GPS-Empfängern aufzeichnen. Die Daten werden am Computer aufbereitet und übermittelt. Auf Openstreetmap.org gibt es Hinweise zu diversen Bearbeitungsprogrammen. Wer einen Fehler im Datenmaterial entdeckt, kann ihn über den «Potlatch»-Editor direkt auf der Website korrigieren. Dafür braucht es ein kostenloses Benutzerkonto. Mehr als 500'000 Freiwillige haben bisher am globalen Atlas mitgewirkt.
Openstreetmap erhält auch Unterstützung von Konzernen wie Yahoo und Microsoft. Sie stellen Satellitenbilder zur Verfügung, auf denen Strassenverläufe nachgezeichnet werden. Der Grossraum von Bagdad wurde auf diese Weise erschlossen. Und selbst Behörden bieten ihre Hilfe an. Die Stadt Augsburg etwa stellte amtliche Geo-Daten bereit. Die freien Geo-Daten sind als Rohmaterial erhältlich, sodass auch Dritte es aufbereiten und erweitern können. Mapbox.com verwandelt die von Haus aus eher reizlosen Karten in ansprechende Darstellungen, die sich über Farbschemas und Vorlagen anpassen lassen.
Das Jahr der freien Karten?
Wanderer, Radfahrer und andere Freizeitsportler verwenden oft topografische Karten, die in digitaler Form meist vektorbasiert (als Linien und Punkte) gespeichert sind. Aus dem Datenbestand von Openstreetmap lassen sich auch solche Daten erzeugen. Openmtbmap.org erstellt Karten für Mountainbiker und Wanderer, die in mehreren Layouts zur Verfügung stehen und auch Schwierigkeitsgrad und Befahrbarkeit anzeigen. Diese Karten sind auf die Outdoor-Navigationsgeräte von Garmin übertragbar.
Es ist auch möglich, die Karten mit statistischen oder «Live»-Daten zu überlagern und mit interaktiven Funktionen zu versehen. So sind, mit relativ kleinem Aufwand, thematische Karten realisierbar.
Beispiele im Netz zeigen die Pub-Dichte in Grossbritannien oder Tatorte von Verbrechen in San Francisco (Sanfrancisco.crimespotting.org). Openstreetmap mausert sich zur Universalkarte – deshalb werde 2012 zum Jahr der frei verfügbaren Karten werden, wie etwa Sebastian Delmont behauptet. Er ist der Technikchef eines New Yorker Online-Immobilienvermittlers, der ebenfalls von Google-Maps wechselte. Ohne Zweifel ist Openstreetmap dieses Jahr vielen ins Bewusstsein gerückt. Und das Projekt beweist wie schon Wikipedia die Macht des Crowdsourcing-Gedankens.
Unschlagbar aktuell
Auch Openstreetmap bringt nicht nur die Inhalte, sondern ebenso die Werkzeuge zur Bearbeitung mit. Beide Projekte werden von einer Stiftung betrieben, finanzieren sich über Spenden, sind einer permanenten Qualitätsdebatte ausgesetzt und tun sich durch unschlagbare Aktualität hervor. Nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti hatte die Community die Lage rund um Port-au-Prince innert Tagen kartiert.
Allen Erfolgen zum Trotz – dass Openstreetmap klassische Karten wegfegt, wie Gründer Steve Coast glaubt, und wie Wikipedia es mit den gedruckten Enzyklopädien macht: Das wird nicht passieren. Den Leistungsauftrag, wie ihn die Landestopografie erfüllen muss, kann die Community nicht übernehmen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.04.2012, 12:07 Uhr
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6 Kommentare
Open Street Map ist auch auf dem Smartphone im Ausland unschlagbar. Während bei Google Maps nichts geht, wenn keine Internet-Verbindung besteht (bzw. dank Roaming-Gebühren unbezahlbar ist), kann man mit OSM problemlos ganz Europa auf dem Handy speichern. Antworten
OSM ist in der Tat ein eindrückliches Projekt. Aber gewisse Dinge im Artikel stimmen nicht. Steve Coast, der Gründer des Projekts hatte nie eine Ablösung von bestehenden Mapping Diensten durch OSM vorausgesagt, im Gegenteil: expressis verbis sagte er, dass OSM nie diese Dienste ersetzen könne, v.a. der fehlenden vollständigen Abdeckung wegen! Coast arbeitet mittlerweile bei Microsoft...! Antworten
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