Protest! Ich fehle auf Street View!
Von Ruedi Baumann. Aktualisiert am 24.08.2009
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Der eidgenössische Datenschützer droht Google mit dem Richter, wenn es sein neustes Spielzeug, Street View, in der Schweiz nicht vom Netz nimmt - oder Gesichter und Autonummern besser verpixelt. In die gleiche Kerbe haut FDP-Nationalrat Ruedi Noser - man erkennt ihn auf Street View unscharf in Begleitung einer Blondine am Berner Waisenhausplatz. Auch die Goldküsten-Gemeinde Küsnacht, wo es viele Villen zum virtuellen Ausspionieren gibt, will ein Verbot von Street View. Und ein Zürcher Unternehmen will Google verbieten, die Villen seiner Chefs zu zeigen.
Was soll diese Aufregung? Die Gleichen, die nun nach Datenschutz rufen, drängen sich sonst in jede Kamera, verbreiten über Facebook ihr Liebesglück, künden im voraus an, wo und was sie am Abend zu speisen gedenken, und dokumentieren dank iPhone live jeden Schritt in den romantischen Strandferien.Google Street View ist dagegen heute schon ein Ladenhüter. Vor unserem Haus blühen noch die Kirschbäume, in Erlenbach schlendern zwei Frauen in dicken Wintermänteln am Café Brändle vorbei. Und die Blondine neben dem glücklich verheirateten Nationalrat Ruedi Noser war bloss seine Assistentin. Wie attraktiv sie ist, erkennt man leider nicht.
Der Blick über die Mauer
Zugegeben: Ein potenzieller Einbrecher könnte mit Street View die Höhe der Leiter berechnen, die er bräuchte, um bei Christoph Blocher in Herrliberg über die Mauer zu klettern. Und der Herr mit der Lesebrille und dem blauen T-Shirt, der an der Langstrasse verstohlen zur Bildauslage des Sexkinos Roland äugt, sollte sich gehörig schämen. Genauso wie der Fahrer jenes roten Lieferwagens, der am Limmatquai von einer Horde von Polizisten umgeben ist und ganz offensichtlich etwas verbockt hat.
Doch beide blamieren sich viel weniger als jener ältere Herr, der sich zwischen Winterthur und Brütten bei einem Brunnen erleichtert. Sein Gesicht ist verpixelt, er hat aber einen auffälligen weissen Wagen.
Seit letztem Dienstag ist Google Street View mit dreidimensionalen Bildern aus Schweizer Städten und den meisten Zürcher Agglomerationen online. Google Maps wird seither um 80 Prozent besser genutzt. 300 Beschwerden und Anträge sind bisher bei Google eingegangen zur Löschung von Bildern oder besserer Verpixelung. Doch weitere Probleme könnten für Google folgen: So hat der Street-View-Car beim Fotografieren nachweislich auf der Busspur überholt oder ist in Zürich durch Fahrverbote an der Bachtobel- und Kolbenhofstrasse gefahren.
Google ist lauffaul
Vor allem aber: Nun bekommts Google mit mir und Millionen anderer zu tun. All jenen, die nicht mit fremden Blondinen oder Gigolos herumspazieren, nicht öffentlich pinkeln und ihr Auto nicht vor Bordellen parkieren. Mein arbeitsames und braves Leben ist schlicht nicht dokumentiert. Mich gibts weder beim Rasenmähen noch beim Velofahren. Mein Bürofenster, hinter dem ich tagelang schwitze und hirne, spiegelt. Kein Beweis für meine horrenden Präsenzzeiten. Weder der Hund, noch die Katze, noch mein sauberes Auto sind zu sehen. Sogar meine Joggingstrecke an der Limmat hat Google verschmäht - wohl zu faul, die 3-D-Kamera zu Fuss zu schleppen.
Immerhin sieht die ganze Welt mein Haus mit - o Schreck - offenem Fenster. Doch, liebe Einbrecher, das war im April. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.08.2009, 17:42 Uhr
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