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«Nicht einmal Gott könnte das lesen»

Von Ravi Nessman, DAPD. Aktualisiert am 04.05.2012 11 Kommentare

Im Bezirk Rayagada im Osten Indiens kann kaum ein Drittel der Einwohner seinen Namen schreiben, die meisten leben ohne Strom. Chipkarten und Fingerabdruck-Scanner sollen nun alles besser machen.

1/5 Im indischen Bezirk Rayagada kann kaum ein Drittel der Einwohner seinen Namen schreiben, die meisten leben ohne Strom.
Bild: Keystone

   

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Die Träume des modernen Indiens schaffen es selten nach Rayagada. In dem Bezirk im Osten des Landes sind viele Menschen auf Mangos angewiesen, um nicht zu verhungern. Kaum ein Drittel der Einwohner kann seinen Namen schreiben, die meisten leben ohne Strom.

Neue Technologien sollen nun alles besser machen: Mit Chipkarten, Fingerabdruck-Scannern und biometrischem Identitätsmanagement wollen die Behörden die Versorgung der Ärmsten sicherstellen.

Weniger Kinder mit Hungerbäuchen

Im Zentrum des Pilotprojekts steht das notorisch korrupte Öffentliche Verteilungssystem, ein umgerechnet 15 Milliarden Dollar schweres Subventionsprogramm für Lebensmittel. Es stammt noch aus vordigitaler Zeit, in der die Namen der Anspruchsberechtigten handschriftlich in gebundene Hefte eingetragen wurden. «Nicht einmal Gott könnte das lesen», klagte ein Reformer.

Bereits in der ersten Phase des Pilotprojekts im Unionsstaat Orissa, etwa 1200 Kilometer von Neu-Delhi entfernt, sparten die Behörden Millionen ein und verbesserten die Verteilung der Lebensmittel. Nun sind wieder häufiger Frauen mit Reissäcken auf dem Rücken zu sehen und seltener Kinder mit Hungerbäuchen.

Bisher versickert mehr als die Hälfte der Hilfe

Bisher versickerten im Verteilungssystem geschätzte 58 Prozent des subventionierten Getreides, Zuckers und Reis'. Die Mitarbeiter der Ausgabestellen behaupten, Lieferungen seien nie angekommen und verkauften die Waren dann zu einem Zehnfachen des Preises auf dem freien Markt. Oder sie geben den schlecht ausgebildeten Begünstigten einfach weniger, als ihnen zusteht. Teilweise werden die Lebensmittel schon umgeleitet, bevor sie die Verteilstellen überhaupt erreichen.

Hinzu kommen Berechtigungskarten, die doppelt ausgestellt oder gleich gefälscht wurden. Und doch gilt das System, das seine Wurzeln in der Zeit der britischen Kolonialherrschaft hat, als unersetzlich, weil immerhin noch Nahrung bei den Armen ankommt.

In Rayagada ist fast jede Familie auf Hilfe angewiesen. Der Bezirk ist damit ein idealer Ort für das Pilotprojekt der Regierung und des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP). Teams wurden mit Fingerabdruck-Scannern und Digitalkameras in die Dörfer entsandt, um alle Bezugsberechtigten erneut zu registrieren und eine Datenbank zu erstellen. In der grössten Stadt gleichen Namens meldeten sich nur 13'000 der bisher registrierten 23'000 Familien, wie WFP-Mitarbeiter Himanshu Bal erklärte. Versuche, sich mit leicht veränderter Schreibweise des Namens doppelt registrieren zu lassen, wurden mit der neuen Technologie abgewendet.

Investition von einer Million Dollar

Die Zahl der anspruchsberechtigten Familien im ganzen Bezirk sank von 210'000 auf 180'000. Die Investition von einer Million Dollar in das Projekt habe der Regierung Kosten in Höhe von vier Millionen Dollar pro Jahr gespart, sagte Bal. Die Registrierten erhielten nun Chipkarten statt der handgeschriebenen Zettel.

In Rayagada müssen die Kunden nun ihre Karte durch ein Lesegerät ziehen, erst dann wird ihre Reisration vor ihren Augen abgewogen und vom Mitarbeiter bestätigt. In regelmässigen Abständen werden die Daten an einen zentralen Server weitergeleitet, um so sicherzustellen, dass nur der verteilte Reis im folgenden Monat ersetzt wird.

Die 50-jährige Chandramma war zunächst skeptisch. «Ich kann nicht lesen, ich war mir nicht sicher, ob das funktioniert», sagte sie. Die Mitarbeiter hätten ihr aber alles genau erklärt und was noch wichtiger ist: Sie bekommt jeden Monat ihren Reis.

Viele Ideen für weitere Reformen

«Wenigstens wissen wir jetzt, dass jeder, der Lebensmittel bekommen sollte, sie auch tatsächlich bekommt», sagte der zuständige Minister in Orissa, Madhu Sudan Padhy. «Wie sollen wir das ohne die Technologie nachvollziehen?»

Projektleiter Nandan Nilekani will die Reformen angesichts des Erfolgs weiter vorantreiben. Er will die Chipkarten überflüssig machen und auf Identifikationsnummern umstellen. Mit einem Fingerabdruck-Scan via Handy könnte dann jeder Berechtigte in jedem Geschäft seine Ration bestellen. So würden dann auch Betrüger aus dem Geschäft gedrängt, erklärte er.

Die Regierung will auch die Lieferwagen mit GPS-Sender ausstatten und Textbotschaften an die Bezieher schicken, um sicherzustellen, dass das Getreide auch ankommt. Ein Erfolg könnte auch andere Bezirke im ganzen Land inspirieren. Denn wenn die Technologie das Öffentliche Verteilungssystem reformieren kann, ist alles möglich. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.05.2012, 06:40 Uhr

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11 Kommentare

Sunesee Venkatasamy

04.05.2012, 09:31 Uhr
Melden 21 Empfehlung 0

Gottseidank! Endlich weren Technologien auch für die Ärmsten dieser Welt sinnvoll umgesetzt. Antworten


Stefan Jost

04.05.2012, 10:08 Uhr
Melden 18 Empfehlung 0

Optimierung bei der Nahrungsmittelhilfe ändert nichts an der ausufernden Überbevölkerung. Im Gegenteil: die Technik macht es überflüssig Lesen und Schreiben zu lernen, der Reis kommt sowieso. Antworten



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