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Reto Knobel
Ressortleiter Digital
«Apple ist kein technologischer Vorreiter»
Aktualisiert am 03.05.2011 51 Kommentare
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Wolf Lotter (49) ist Mitbegründer und Leitartikel-Schreiber des Wirtschaftsmagazins brand eins und Autor zahlreicher Bücher, unter anderem «Die Kreative Revolution» (Murmann, 2009).
Er schreibt seit mehr als zwei Jahrzehnten über Transformationen, Wissensgesellschaft und deren Protagonisten – über Steve Jobs und Apple beispielsweise seit Ende der 80er-Jahre.
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Wolf Lotter, wie viele Apple-Gadgets haben Sie?
Einen iMac zum Arbeiten und ein iPhone zum Telefonieren. Das iPhone gewöhne ich mir aber gerade ab. Es nervt mich. Ich bin zu alt für ein solches Mäuseklavier.
Waren Sie mal Macianer?
Ich bin digitaler Atheist und so wahrscheinlich ein untypischer Apple-Kunde. Die pseudoreligiöse Verehrung, die in manchen Kreisen für Apple
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herrscht, halte ich für eine gewisse mentale Störung. Ich habe aber grossen Respekt vor den Fähigkeiten des Apple-Marketings und der Ingenieure, denen es seit langem gelingt, brauchbare und einfach zu bedienende Geräte auf den Markt zu bringen.
Wo sehen Sie Apples Kernkompetenz?
Das auszuwählen, was unter den praktisch unendlichen Möglichkeiten der digitalen Vielfalt interessant erscheint. Apple sagt: Hier, das ist es jetzt. Das haben wir für euch rausgezogen. Menschen lieben Menschen, die für sie auswählen – auch wenn sie gelegentlich was anderes behaupten.
Apple hat Microsoft als wertvollsten und profitabelsten IT-Konzern abgelöst. Hätten Sie das vor einem Jahr erwartet?
Das konnte man ohne hellseherische Fähigkeiten schon länger erwarten. Apple hat ein rundes Portfolio, von der Hardware bis zu digitalen Diensten wie iTunes. Das ist eine geschlossene Nahrungskette, die ausgezeichnet funktioniert.
Was muss Apple machen, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein?
Apple ist kein technologischer Vorreiter. Die Eigenentwicklungen des Konzerns, seine Innovationskraft, sind – wenn man klassische Kriterien anlegt – bescheiden. Innovativ hingegen ist die Fähigkeit des Unternehmens, neue Technologien und Verfahren so auszuwählen und in seine Produkte und Services einzupassen, dass jeder denkt: Das ist aus einem Guss. In einer Welt, in der viele unter Komplexitätsängsten leiden, ist so was mindestens ebenso innovativ und orientiert genauso wie ein neuer Superprozessor.
Apple lehrt, dass ein Unternehmen nicht mehr industriell, also als Produktmacher, verstanden wird.
Exakt. Die Kunden wollen eine «Heimat», eine «Orientierung», sie bekennen sich zu einer ganz bestimmten Marke, weil im öffentlichen Raum die alten politischen und sozialen Marken verloren gegangen sind. Solange es Apple gelingt, diese Integrationsshow weiter zu betreiben, kann da eigentlich nichts schiefgehen.
Apple wurde bislang von den Kartellbehörden – im Gegensatz zu Microsoft – mit Samthandschuhen angefasst. Weshalb ist das so?
Ich denke, dass die historisch längst überholte, aber eben für Jahrzehnte gültige Rolle als David gegen die Goliaths (Intel, Microsoft, IBM), die Steve Jobs immer sehr gepflegt hat, schon wichtig ist, um nicht so schnell wie die Mitbewerber ins Visier genommen zu werden. Kartellverfahren sind ja nicht nur juristische Prozesse, sondern stark abhängig von öffentlicher Meinung und Medieneinschätzungen.
Im Ernst?
Natürlich. Wer zu den Guten gehört – was immer das in dem Kontext sein soll – der wird sich leichter tun. Das ändert sich allerdings allmählich. Der Umgang Apples mit klassischen Verlagen – rund um die iPad-Einführung und die Frage, wer bei Apps was verdient und was darf und nicht – das war eine Zäsur. Es wird härter.
Sie haben wiederholt Steve Jobs «Gutsherrenart» kritisiert. Was meinen Sie damit?
Ich stelle das eher fest, als dass ich es kritisiere. Apple und Jobs sind eins. Das ist eine natürliche Hierarchie. Jobs hat gelernt, dass er sich ruhig schlecht benehmen darf. Die Leute finden es zwar nicht okay, wenn jemand cholerisch wird und direkt, andererseits bewundern sie solche Typen in einer Welt der alles umspülenden Political Correctness sehr. Bei Jobs weiss eigentlich jeder, woran er ist. Das ist heutzutage auch was wert.
Jobs und damit Apple sind nicht mehr so sympathisch wie früher...
...eine Firma muss nicht sympathisch sein. Eine Firma muss verstehbar sein, berechenbar. Die alten Stammkäufer von Apple waren eine kleine Avantgarde aus dem kreativen Geschäft, viele Werber, Medienleute, was einfach auch daran lag, dass Apple diese Branche technisch immer gut bedient hat.
Diese hat im Gegenzug gerne über den «guten» Computerkonzern im Gegensatz zu den «finsteren» Multis spekuliert.
In der Auseinandersetzung IBM und Apple war das in den frühen 80er-Jahren schon so – und es war übrigens sehr einseitig. Und es passte praktisch nie zu dem Bild, das ehemalige Apple-Mitarbeiter über die Betriebskultur in Cupertino zeichneten. Da war nicht sehr viel Harmonie.
Was passiert mit dem Konzern, wenn Steve Jobs einmal nicht mehr Chef ist?
Es wird schwierig. Anders als bei Microsoft, wo Bill Gates in Steve Ballmer einen charismatischen Nachfolger aufgebaut hat, wird dann deutlicher, wie viel am Personenkult Jobs' hängt. Es gibt eigentlich keine zweite Ebene, die wahrgenommen wird, abgesehen von Jonathan Ive, dem Chefdesigner. Aber der hat offensichtlich keine Lust auf den anstrengenden Job eines CEO. Ich vermute, dass diese Frage Apple und Jobs sehr bewegt, nicht nur wegen des immer wieder kritischen Gesundheitszustandes von Jobs, der ja schon mehrmals zu schweren Verwerfungen im Aktienkurs geführt hat. Anderseits sollte man den Pragmatismus amerikanischer Konzerne nicht unterschätzen.
Das verstehe ich jetzt nicht ganz.
Warum sollte der Verwaltungsrat nicht Eric Schmidt (den ehemaligen Google-Chef, Red.) fragen? Oder Mark Zuckerberg? Die Business-Entscheidungen trifft ohnehin weder der eine noch der andere allein, das ist auch bei Jobs letztlich nicht anders. Und Symbolfiguren gab es vor Jobs und wird es auch nach ihm geben.
Die Führungsfrage ist das eine. Das Aufgabengebiet das andere: Apple ist anders als früher überall aktiv – mit Werbung, Programmen, Hardware. Droht sich der Konzern nicht zu verzetteln?
Aus einem Designcomputerhersteller für einige wenige Gläubige ist eine Weltkirche mit Vollprogramm geworden. Da müssen sie natürlich schon auch ein wenig breiter wirken. Das ist wie bei der katholischen Kirche: Die Urchristen hatten ein überschaubares Programm. Wenn man aber alle will, muss man sich ein wenig verbreitern.
In den letzten Tagen kam Apple durch «Locationgate» unter Druck. Das Unternehmen rechtfertigt sich mit einem Programmierfehler. Viele Kritiker kaufen Apple das aber nicht ab. Sie werfen dem Konzern vor, die Nutzer systematisch zu überwachen.
Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, schon gar nicht, wenn sie keinerlei ökonomischen Sinn ergeben. Im Internet ist das allerdings kein Grund, solche Sachen zu verbreiten – vielleicht liegt das daran, dass die Leute relativ schlecht rechnen können und an das Böse glauben. Die Art und Weise, wie Apple auf die Vorwürfe reagiert hat, spricht eher dafür, dass man da gar nichts auf dem Zettel hatte. Wenn man Unternehmen aber grundsätzlich für habgierige, böse, verschlagene Organisationen hält, dann sieht das wohl anders aus. Aber das ist Unsinn.
Das Problem aber ist, dass Apple nur unter äusserstem Druck Fehler eingesteht.
Man kann das auch umgekehrt sehen: In den USA gehen Unternehmen noch nicht auf alle öffentlichen Verschwörungsvorwürfe ein, anders als in Europa. Hier muss sich der Vorstand und das Management beim geringsten Verdacht, auch wenn nichts dahinter ist, zuerst mal entschuldigen. Das ist ein Unterwerfungsritual...
...Moment mal...
...und hat mit der antiökonomischen Grundstimmung in vielen europäischen Ländern zu tun. Muss man sich für etwas entschuldigen, obwohl man nichts verbrochen hat? Ich finde, das muss man nicht. Und das soll man auch nicht.
Auch nicht unter «äusserstem Druck»?
Dieser Begriff bedeutet nichts anderes als viel negative Presse und nervöse Kommunikationsleute im eigenen Haus. Eine andere Geschichte ist die berühmte Kommunikationspolitik von Apple, die Kunden und Geschäftspartner seit den 80er-Jahren kennen. Das Unternehmen antwortet, wenn es ihm passt. Da wären wir aber wieder beim Gutsherren. Und der lacht in diesem Fall als Letzter – und am besten. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.05.2011, 10:26 Uhr
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51 Kommentare
"Apple hat Microsoft als profitabelster IT-Konzern abgelöst". Sorry, Apple ist kein IT-Konzern, Apple ist ein 'Gadgets'-Konzern. Wenn man in einer grossen Firma alles abstellt, was von Apple ist, arbeiten die Leute mehr; wenn man alles abstellt was von Microsoft ist, arbeiten die Leute nicht mehr. Antworten
MP3-Player gab es vor dem iPod. Tablet-PC vor dem iPad. Smartphones vor dem iPhone. Apple greift Ideen auf und versteht es wie kein zweiter diese zu Optimieren und auch dem technischen DAU zugänglich zu machen. Eine geschlossen Welt. Apple hat den Freischein für Fehler (das sind dann Features) und schlechte Kommunikation (das ist dann Souveränität). Antworten
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