Der Triumph der Langnasen

Bravouröser Auftakt: Das Berner Symphonieorchester spielt sein erstes Konzert in China in der Forbidden City Concert Hall.

Das Berner Symphonieorchester spielt sein erstes Konzert in China in der Forbidden City Concert Hall.

Das Berner Symphonieorchester spielt sein erstes Konzert in China in der Forbidden City Concert Hall. Bild: Oliver Geibel

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Der Ort könnte nicht geschichtsträchtiger sein. Gleich nebenan beginnt die Verbotene Stadt. Während 14 Jahren sollen für den mittelalterlichen Bau bis zu einer Million Arbeiter beschäftigt gewesen sein und über 100’000 Kunsthandwerker. Verboten ist diese Anlage aus dem 15. Jahrhundert deshalb, weil der Eintritt dem einfachen Volk verwehrt war. Heute ist das anders.

Das Unesco-Weltkulturerbe wird von jährlich über 15 Millionen Touristen besucht, also rund fünf Millionen mehr als Europas beliebtestes Touristenziel, der Pariser Louvre. Zum Konzertsaal fährt das BSO die über 3000 Meter lange Mauer entlang, die eine Anlage mit 9000 Zimmern fasst.

Bitte Handy ausschalten

Bevor die Musikerinnen und Musiker ihren Arbeitsort aber betreten dürfen, werden sie und ihr Gepäck vom uniformierten Wachpersonal gescannt wie am Flughafen. Und auch im Konzertsaal ist viel Personal diskret im Einsatz. Auch da ist nämlich einiges «forbidden». An dekorativen Schriftzeichenbändern läuft rechts und links der Bühne ein Hinweis in Endlosschlaufe, dass man doch bitte das Handy ausschalten solle.

Die rote Kalligrafie hört erst mit Beginn des Konzerts auf zu rotieren. Eine Stimme untersagt aber noch mehr. Umherlaufen während des Konzerts, Kaugumm-Kauen, unziemlich angezogen zu sein. Und natürlich Fotografieren. Viele tun es trotzdem und werden mit roten Laserpointern während des Konzerts lautlos zu Sündern gestempelt oder vom Personal persönlich gerügt. Kontrolle und Sicherheit sind an Hotspots wie diesen überall gegenwärtig.

Peking liebt Klassik

Vieles ist gigantisch hier. Doch obwohl Peking mehr als 22 Millionen Einwohner zählt und dreimal die Fläche der Schweiz umfasst, ist der über 1300-plätzige Konzertsaal nicht ganz ausverkauft. Das hat aber nichts zu sagen. Das siebzigköpfige Berner Symphonieorchester wird mit grossem Interesse empfangen.

Das hat auch mit dem Programm zu tun. Zweimal wird Beethoven gespielt, zweimal Brahms. Das Klassik-liebende Peking braucht nicht mehr, um musikalisch glücklich zu sein. Wer weiss, dass diese Musik während der Kulturrevolution verboten war, versteht: Das chinesische Publikum hat viel nachzuholen. Dem Berner Symphonieorchester gelingt ein hervorragender Auftakt, ja ein Triumph.

Die Musikerinnen und Musiker aus Europa, die in China liebevoll «Langnasen» genannt werden, spielen ebenso beherzt wie subtil. Kein Wunder, würde der Chinese sagen, wenn er wüsste, dass der Chefdirigent im Zeichen der Ratte geboren ist. Das bedeutet im chinesischen Horoskop nämlich Scharfblick, Intelligenz, Kontaktfreudigkeit, Hingabe und Impulsivität.

Keine künsterlischen Kompromisse

Nicht nur, dass man hier an diese Qualifikationen glaubt. Diese Qualitäten zeigen die Interpretationen des Orchesters. Es scheint sich in dem stimmungsvollen Saal zu Hause zu fühlen, obwohl Mario Venzago bei der dreistündigen Nachmittagsprobe findet, der Raum sei zu trocken und nicht sprechend.

Nach wenigen Minuten ist im Konzert davon nichts mehr zu hören. Der Leonoren-Ouvertüre begegnet das Publikum noch zurückhaltend, beim Brahms-Klavierkonzert mit einem quellklar gestaltenden Gerhard Oppitz am Piano gibt es spontanen Zwischenapplaus. Und nach Brahms’ herzerwärmender 1. Sinfonie ist das chinesische Publikum aus dem Häuschen. Beglückend: Weder Venzago noch Oppitz gehen in diesem Land, das Grosses, Lautes und Schnelles liebt, künstlerische Kompromisse ein.

Sie vermitteln wie in Bern die Grösse des Leisen, die Kraft des unforcierten Flusses, Transparenz. «The most generous orchestra we have heard», schwärmt das Publikum. Über Nacht sind aus den drei grossen B – Beijing, Beethoven und Brahms – mit dem BSO vier geworden. (Der Bund)

Erstellt: 10.05.2017, 14:28 Uhr

Das Berner Symphonieorchester ist auf China-Tournee. «Bund»-Redaktorin Marianne Mühlemann ist dabei und bloggt von der Reise: www.chinatournee.derbund.ch

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