Auf Visite im bulgarischen Spital

Auf Visite im bulgarischen

Regionalspital – aber nicht

mit einem Leiden, sondern

einzig mit der Frage: Würden die dortigen medizinischen

Experten und das dortige

Pflegepersonal überhaupt in die Schweiz kommen wollen?

«Schreiben Sie, dass es hier wunderschöne Krankenschwestern gibt!» Und: «Selbstverständlich würden wir kommen! Sofort!» Die Konversation im Stationszimmer des Regionalspitals Targoviste ist zunächst eine sehr scherzhafte Sache – und wäre beinahe geeignet, glauben zu machen, dass hier das Personal am liebsten die Koffer packen würde. Die Kulisse nährt zunächst diesen Schluss: Die Spitalanlage wirkt baufällig, der «Neubautrakt» des Spitals ist eine seit zehn Jahren zerfallende Bauruine.

Doch beim Rundgang wandelt sich das Bild: Die wesentlichen Bereiche des Spitals sind saniert worden. Der technische Stand ist dank Förderprogrammen der EU und Spitalpartnerschaften auf einem mehr als nur akzeptablen Stand. Und seitens der Ärzte und des leitenden Pflegepersonals blitzt auch etwas stolz auf: «Unser Spital ist voll funktionsfähig.» Während medizinische Standards erreicht werden, ist der Komfort bescheiden. Auf 40 Betten pro Etage gibts zwei Toiletten: «Aber immerhin müssen die Patienten vor der Operation nicht mehr selber das Verbandsmaterial mitbringen.»

Die kränkeren Patienten

Die eigentliche Misere im bulgarischen Gesundheitswesen spielt sich ausserhalb des klinischen Bereichs ab: Hunderttausende sind der obligatorischen staatlichen Krankenkasse nicht beigetreten, suchten deshalb aus Sorge um ihr persönliches Haushaltsbudget oft viel zu spät um medizinische Hilfe nach. Die Armut zeichnet viele Patienten. Ihr Leiden ist somit oft fortgeschrittener und komplexer als bei westlichen Durchschnittspatienten. Aber auch mit dieser Schwierigkeit könne man inzwischen umgehen, zumal jetzt dank neuen Krankenwagen aus Frankreich die Patiententransporte überhaupt wieder sichergestellt werden könnten.

Zu wenig Personal

Warum dann die joviale Bemerkung am Anfang? Der Hintergrund der spontanen, scherzhaften Auswanderungswilligkeit liegt in der stetig steigenden Arbeitsbelastung: Es gibt deutlich zu wenig versiertes Personal. «Wir könnten auf der Stelle weitere Krankenschwestern anstellen», sagt eine Pflegedienstleitende. Das Pflegepersonal wandere nicht unbedingt ins Ausland ab, sondern arbeite lieber als medizinische Fachperson in einer Kinderkrippe: «Denn das heisst, dass man bei gleichem Lohn nie nachts und nie sonntags arbeiten muss.» Die grösste Sorge im Alltag des Regionalspitals ist also die Abwanderung – in andere Berufe, in die Hauptstadt Sofia mit ihren prosperierenden Privatkliniken, ins Ausland.

Braindrain

Mündet also die Diskussion über die Personenfreizügigkeit in die Erkenntnis, dass sie für Bulgarien schädlich ist, weil sie zu einem Braindrain führt? Die Antwort seitens des oberen Ärztekaders ist eher unerwartet: Ohne Personenfreizügigkeit sei der Braindrain – der Wissensverlust – noch grösser. Moderne Medizin lebe vom internationalen Austausch unter Fachleuten. Zu Zeiten des Sozialismus seien berufliche «Wanderjahre» in sozialistischen Bruderländern gang und gäbe gewesen. Der dramatische Prozess gegen bulgarische Krankenschwestern in Libyen sei letztlich ein – freilich tragisches – Zeugnis dieser Austauschkultur gewesen. Mit dem Zusammenbruch des Systems sei Isolation an die Stelle des Austausches getreten: «So gesehen müssen wir hoffen, dass unsere Ärzte und unser medizinisches Fachpersonal die Personenfreizügigkeit nutzt, das Land auch mal zu verlassen, längerfristig das gewonnene Wissen aber in Bulgarien einsetzt.» Die in der Schweiz verbreitete Sorge, die Personenfreizügigkeit führe womöglich zu grossen Migrationsströmen aus Bulgarien und Rumänien, wird in den Chefarztzimmern nur milde belächelt: Diese Sicht entspringe einem ganz anderen Staats- und Rechtsverständnis, lautet die ärztliche Diagnose: «Weder die Bulgaren noch die Rumänen haben die Personenfreizügigkeit überhaupt abgewartet. Wer gehen wollte, ist längst gegangen.»

Rückkehr als Dauerthema

Und für jene, die gegangen sind, ist die Rückkehr ein Dauerthema – genährt von den in aller Regel innig gepflegten Beziehung zur Familie in der Heimat: «Ich denke fast immer daran, dass ich mich in Bulgarien halt doch als ein anderer Mensch fühle», sagt die Krankenschwester, die derzeit in einem Innerschweizer Altersheim arbeitet. Für ihre längerfristige Perspektive komme ihr nichts anderes als die Rückkehr in den Sinn – und das nicht zuletzt auch aus beruflichen Gründen: «In Bulgarien bin ich qualifiziert als Krankenschwester im Bereich der Intensivmedizin, in der Schweiz gehöre ich zum pflegerischen Hilfspersonal.» Die Erfahrung in der Schweiz und zuvor in Deutschland habe aber ihr Selbstvertrauen entscheidend gestärkt: «Ich sehe jetzt viel klarer, wie umfassend und fundiert die medizinische Ausbildung in unserem Land ist. Fachlich stelle ich keinen Rückstand fest.»

Was steht der Rückkehr im Wege? Es ist der tiefe Lohn gekoppelt an enorme Arbeitszeiten. Zwar werden die Grundlöhne des medizinischen Personals stetig nach oben korrigiert. Wer in einer prestigeträchtigeren Abteilung arbeitet, erhält – falls das Spital effizient wirtschaftet – nebst dem Grundlohn auch einen Anteil der Fallpauschalen. Selbst so sind Löhne von über 800 Leva (660 Franken) selten. Zudem probieren etliche Spitäler, die Löhne tief zu halten, indem sie sich dem staatlichen Diktat entziehen. So auch das Regionalspital von Targoviste: Das Spital wird nicht mehr als öffentlich-rechtliche Einrichtung geführt. Die Gemeinde hat das Spital in eine Aktiengesellschaft umgewandelt – und ist selber Mehrheitsaktionärin. Staatliche Lohnvorschriften sind für die AG nicht bindend – und das Lohnniveau ist tatsächlich tiefer.

Auf Kaderebene ist die Einkommenslage unklarer. Die Kultur, mit einem finanziellen Zustupf eine Vorzugsbehandlung einzufordern, ist trotz aller Korruptionsbekämpfung nach wie vor eine verbreitete Verhaltensweise. Davon profitieren primär die Ärzte. Aber auch wenn sie sich diesem Spiel verweigern, habe sie Möglichkeiten, ihr Salär aufzubessern: Viele behandeln ausserhalb ihrer Schicht im Spital auf eigene Rechnung Privatpatienten.



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Erstellt: 17.01.2009, 01:16 Uhr