«Wir mussten überall sparen»
Von Ruedi Kunz. Aktualisiert am 09.01.2009
«Bund»: Herr Strasser, Sie und ihr Büropartner Hans-Rudolf Lienhard haben 1955 überraschend den Ideenwettbewerb fürs Tscharnergut gewonnen. Was haben Sie besser gemacht als die anderen?
Ulyss Strasser: Wir haben am konsequentesten auf eine Siedlung mit bis zu 14-stöckigen Wohnblöcken und niedrigen Bauten gesetzt. Die gemischte Bauweise galt damals als das Mass der Dinge.
Dennoch war die Stadt mit dem Wettbewerbsprojekt nicht rundum zufrieden und verlangte eine raumsparendere Lösung.
Die Liegenschaftsverwaltung und die Ästhetische Kommission verlangten praktisch eine Verdoppelung der Nutzungsziffer auf 1,1.
Wie haben Sie dieses Problem gelöst?
Indem wir alle Häuser aufgestockt haben. Die 3- und 7-stöckigen um je eine Etage, die 14-stöckigen gar um sechs Stockwerke. Zudem verkleinerten wir die Abstände zwischen den Häusern.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit den bekannten Architekten Hans Reinhard und Eduard Helfer?
Hans Reinhard, der von der Fambau beauftragt worden war, unsere Pläne weiterzuentwickeln und umzusetzen, fragte uns an, ob wir bei dem Projekt mitmachen wollten. Es war eine grosse Ehre für uns junge «Trübel», mit zwei so erfahrenen Architekten wie Reinhard und Helfer zusammenzuarbeiten.
Wie haben Sie die Zusammenarbeit erlebt?
Wir haben uns sehr gut verstanden. Wir teilten die Planung auf und gründeten eine gemeinsame Bauleitung, indem jedes Büro Vertreter entsandte.
Welches waren die grössten Schwierigkeiten?
Wir hatten den klaren Auftrag, sehr billige Wohnungen zu bauen. Die Stadt legte im Voraus die Mietkosten fest und leitete daraus die Entstehungskosten ab. Um diese nicht zu überschreiten, mussten wir überall sparen.
Welches sind die Resultate der Sparübungen?
In den Scheibenhäusern verzichteten wir darauf, auf jedem Stockwerk einen Liftausgang anzubringen. Weiter stauchten wir die Balkone zusammen.
Was würden Sie heute anders machen als vor 50 Jahren?
Man muss die Rahmenbedingungen betrachten, die wir damals hatten. Wir mussten funktionale und kostensparende Lösungen finden. Ich glaube, dass ist uns nicht schlecht gelungen. Aber klar: Einiges ist nicht mehr zeitgemäss – wie die Laubengänge direkt vor den Küchen und Kinderzimmern oder der fehlende Wohnungsmix. (Der Bund)
Erstellt: 09.01.2009, 14:02 Uhr
