«Je höher man wohnt, desto teurer das Logis»
«Ich wohne jetzt schon ganze 50 Jahre im Tscharnergut – zwei Drittel meines Lebens. 1958, in der Zeit der Wohnungsnot, sind wir hierhergekommen. Für die Kinder war das einfach gäbiger als im Brückfeldquartier. Viele Familien zogen damals in die neue Siedlung, sodass unsere Kleinen immer Kameraden zum Spielen fanden. Und weil wir noch lange inmitten einer Baustelle lebten, gab es immer jede Menge Erdhügel und Gräben zum Spielen. Nie musste man Angst um die Kinder haben. Kindergarten und Schule lagen in unmittelbarer Nähe, sodass sie keine Strasse überqueren mussten.»
«Viele haben nicht begriffen, weshalb wir ins Tscharnergut zogen. ,Das sind doch furchtbare Zündholzschachteli‘, sagten die Leute. Da würden Personen leben, die einem den Braten durchs Küchenfenster stehlen. Aber das sind nur Vorurteile von aussen. Das Gegenteil war der Fall: Das Tscharni hatte einen richtig dörflichen Charakter. Man kannte sich, traf sich im Coop, im Restaurant, in der Freizeitwerkstatt, in der Bibliothek oder im Tiergarten. Je nachdem. Es war wirklich schön. Ich habe mich dann auch 28 Jahre als Präsidentin des Gemeinschaftszentrums engagiert. In dieser Zeit ist bei uns beispielsweise das erste Mütterzentrum der Schweiz entstanden. Man kann sagen, dass es wohl nirgends in der Stadt Bern ein so gutes Angebot an sozialen Einrichtungen gibt wie bei uns hier. Und es läuft immer etwas: Filme, Seniorentreffs, Discos, Konzerte und so weiter. Sogar Krokus spielten einmal bei uns im Tscharni.»
«Wenn jemand zu Besuch kommt, dann staunen sie und sagen: ,Herrgott ist das schön.‘ Ich wohne ja im achten Stock, sehe über die ganze Stadt bis auf die Rüti und wenns klar ist, erkennt man sogar das Licht vom Jungfraujoch. Die erste Wohnung, das weiss ich noch, kostete 180 Franken inklusive. Und das für eine 3-Zimmer-Wohnung! Wir sind dann noch zwei Mal umgezogen innerhalb der Siedlung. Erst in eine grössere, dann, als die Kinder auszogen, wieder in eine kleinere Wohnung. Heute zahlen wir 870 Franken für eine schön renovierte 3-Zimmer-Wohnung. Je höher man wohnt, desto teurer das Logis. Das war im Tscharni schon immer so.»
«Aus weiss was für Gründen: Ich könnte nicht mehr weit weg zügeln. Obwohl sich viel verändert hat. Früher lebten ja fast ausschliesslich junge Schweizer Familien im Quartier. Heute gibt es Schulklassen, in denen von 17 Kindern vielleicht noch drei oder vier Hiesige sind. Das ist schon eine gewisse Schwierigkeit. Schweizer sind heute ja vor allem noch ältere Ehepaare oder Alleinstehende. Die Überalterung macht sich bemerkbar. Das führt dazu, dass heute nur nicht einmal mehr halb so viele Leute im Tscharni wohnen wie seinerzeit. Darum bekommt nun auch eine Einzelperson eine Wohnung. Das hätte es damals nicht gegeben.» (Der Bund)
Erstellt: 09.01.2009, 14:04 Uhr
