Zur Sache: «Die Berner Szene ist lebendig geblieben»
Zur Person
Der 49-jährige Filmemacher und frühere «Bund»-Redaktor, Andreas Berger, arbeitet gegenwärtig an seinem Film «Zaffaraya 3.0». Sein Film «Berner beben» kann als DVD übers Internet bestellt werden: www.zaffaraya-film.ch.
Weil das Klima jetzt entspannter ist, habe ich sogar filmisch viel mehr Möglichkeiten. In der Reitschule oder im Zaffaraya hiess es früher: Du darfst nur so filmen, dass man keine Einzelpersonen erkennt. Diese Angst ist weg. Auch die Polizei ist jetzt bereit, ihre Sicht der Dinge zu vermitteln.
Passiert denn noch etwas?
Bern ist immer noch bewegt. Wir haben eine viel lebendigere Szene als Zürich, das 1980 so grosse Schlagzeilen verursachte. Die Reitschule im Stadtzentrum, so etwas gibt es in Zürich nicht. Wir haben auch das Zaffaraya und mehrere autonome Wagenplätze.
In den 80er-Jahren erschütterte die Bewegung die Stadt. Davon spürt man heute wenig.
Die wenigsten streben noch eine revolutionäre Umwandlung an. Sie begnügen sich mit einer Nische, in der sie sich ausleben können.
Als Sie «Berner beben» wieder anschauten, sind Sie erschrocken. Worüber?
Über die Gnadenlosigkeit, mit der ich Leute in die Pfanne haute, die sich im Film nicht wehren konnten. Es sollte ein parteiischer Film sein, und für die damalige Zeit stimmte dies auch. Heute sehe ich alles differenzierter.
Ausgerechnet von der ersten heissen Phase haben Sie keine Bilder.
In Bewegungskreisen war Filmen verpönt. Das richtige Leben zu leben, sei viel wichtiger, als die eigenen Handlungen filmisch festzuhalten. Es war ein langer Kampf, bis ich filmen durfte. Bei den Räumungen von Zaff und Zaffaraya waren dann aber viele froh, dass ich dies dokumentierte.
Inzwischen sind die einstigen Jugendbewegten längst erwachsen?.?.?.
...?alle ausser mir, denke ich manchmal, obwohl ich inzwischen Vater von drei Kindern bin. Es gab einen Moment, als ich das Thema abhaken wollte. Das sollen Jüngere tun, fand ich. Doch obwohl an Demos viel mehr gefilmt wird als früher, versuchte niemand, das Material zu bündeln. So, wie sich die Leute in den Wagenburgen ihre Lebensnische erhalten wollen, halte ich mir mit diesem Thema eine geistige Nische offen. (st)
(Der Bund)
Erstellt: 21.06.2010, 13:46 Uhr
