Spitäler holen sich Hausärzte zu Hilfe für «Bagatell-Notfälle»
Von Felicie Notter. Aktualisiert am 31.05.2010
Das HAN-RT-Team: Andreas Egli, Hansruedi Fehr, Agatha Schmid. (F. Scheidegger)
Eine Idee aus Holland
Die Idee der spitalassoziierten Notfallpraxen stammt ursprünglich aus Holland. In der Schweiz übernahm Baden 2007 die Vorreiterrolle. Heute ist die Kooperation von Spitälern und Hausärzten auch im Kanton Bern verbreitet – und bewährt. Im Oberaargau kennt man die Zusammenarbeit seit März 2009 und spricht von «positiven, zukunftsorientierten Synergien» und einem «effizienten Notfallsystem». Auch das Emmental kennt das Modell. Das Problem sei in den Städten jedoch drängender als auf dem Land. Die Stadtberner Spitäler arbeiten seit Mitte 2008 mit Notfalldienstkreisen zusammen. Zur Entlastung des Inselspitals wurde am Bubenbergplatz der City-Notfall eingerichtet. In Biel ist die Einführung diesen Sommer geplant. (fen)
Immer häufiger gehen die Menschen bei gesundheitlichen Problemen direkt ins Spital. Das Resultat: Die Notfallaufnahmen sehen sich mit einer stark angestiegenen Zahl von Notfällen konfrontiert und sind überlastet. Die Ursachen sind vielschichtig: Experten machen einerseits veränderte Ansprüche in der Gesellschaft aus, Probleme mit sofortiger Wirkung lösen zu wollen. Andererseits wissen die Patienten offenbar oft nicht, an wen sie sich wenden können: Gerade junge Menschen haben vielfach keinen Hausarzt. Und Migrantinnen und Migranten kennen das hiesige System zu wenig gut. So müssen sich die Spitäler mitunter mit Fällen beschäftigen, deren Dringlichkeit und Schwere eher den Hausarzt erforderten.
Kapazitätsgrenze erreicht
«Wir sind an unsere Kapazitätsgrenzen gestossen», sagt Andreas Egli anlässlich der gestrigen Medienorientierung in Thun. Dies gelte in Bezug auf die Infrastruktur, aber auch die emotionale Belastung der Ärzte sei gross. Egli ist Arzt und Präsident des Vereins Hausarztnotfall Region Thun (HAN-RT), der die ambulante Notfallversorgung neu organisiert: Wie bereits andere Spitäler (siehe Kasten) hat sich Thun für ein Modell der Kooperation von Spital und Hausärzten entschieden.
Der HAN-RT deckt die folgenden sechs Notfalldienstkreise ab: Gemeinde Thun, rechtes Thunerseeufer, Thuner Ostamt, oberes Gürbetal/Thuner Westamt, Spiez und Niedersimmental; dies entspricht einem Einzugsgebiet von 90 000 Personen. Das Zentrum wird am 1. Juni in Betrieb genommen.
Dieses besteht aus einem neuen Notfall-Kompetenzzentrum, in dem Hausärzte während der Randzeiten eine Erstbeurteilung vornehmen: Am Feierabend und an den Wochenenden wird der Notfall am meisten beansprucht. Tagsüber unter der Woche funktioniert wie bis anhin der spitalärztliche Tagesdienst. «Weiterhin ist immer ein Arzt auf Pikett», so Egli. Dieser könne wenn nötig einen Hausbesuch abstatten oder Rettungsdienst leisten.
Der Hausarztnotfall begutachtet die Fälle und entscheidet über die Behandlung. «Die Erfahrung zeigt, dass der Hausarzt über 90 Prozent der Probleme bewältigen kann», sagt Hansruedi Fehr, Stellvertretender Leiter. Die Triage wird auch telefonisch vorgenommen: Die Patientinnen und Patienten sind aufgefordert, die Notfallnummer Medphone (0900 57 67 47) zu wählen – «wenn ihr Hausarzt nicht erreichbar ist». Letztlich wolle man nicht den Hausarzt verdrängen, so Fehr. Vielmehr biete das Modell gerade Hausärztinnen Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Schliesslich verpflichtet der Kanton jeden Hausarzt dazu, Notfalldienst zu leisten.
Kindernotfall in Thun?
«Auch für Kinder» ist auf dem druckfrischen Flyer nebst der Notfallnummer zu lesen. Dies lässt aufhorchen, da Thun bisher über keinen spezifischen Kindernotfalldienst verfügte. Wie der «Bund» 2007 aufzeigte, nahmen darum viele Eltern den Weg ins Berner Inselspital auf sich – was zu dessen Überlastung beigetragen hat. Eine engere Zusammenarbeit mit Insel-Ärzten wurde 2008 hinfällig, als bekannt wurde, dass in Thun achtzig Prozent der Kindernotfälle durch Allgemeinpraktiker erledigt werden können. Dem ist auch heute noch so. Der Hausarztnotfall arbeitet jedoch mit externen Kinderärzten zusammen. Klar ist: Schwerverletzte Kinder müssen weiterhin in die Insel. (Der Bund)
Erstellt: 31.05.2010, 14:57 Uhr
