Der Bauer, der niemals nur Kalorien liefern will

Von . Aktualisiert am 04.03.2010

Warum Biobauer Kurt Zaugg aus Iffwil künftig auch auf die Vertragslandwirtschaft setzt.

Kurt und Annette Zaugg auf ihrem Bauernhof. (Adrian Moser)

Kurt und Annette Zaugg auf ihrem Bauernhof. (Adrian Moser)

Kurt und Annette Zaugg bewirtschaften einen nach heutigem Massstab ungewöhnlich kleinen Hof. Aber sie haben ungewöhnlich viel zu tun. Blosse 8,5 Hektaren Land gehören zum Hof an der Iffwiler Moosgasse. Trotz solch unauffälligen Ausdehnungen gibts auf dem Hof – je nach Jahreszeit – genug zu tun für zehn bis zwölf volle Arbeitsstellen. Das klingt nicht nach hochrationalisierter Landwirtschaft – und das ist es auch nicht: «Wir machen erstens fast alles. Und wir machen zweitens praktisch alles selber.» Will heissen: Zauggs und ihre Mitarbeiter führen einen Milchwirtschaftsbetrieb, betreiben aber auch Ackerbau und produzieren Gemüse aller Art. Arbeitsintensiv ist nicht allein die Vielseitigkeit des Betriebs, sondern die entschiedene und umfassende Art, wie er geführt wird. Kurt Zauggs Beispiel zur Illustration: «Wir ziehen die Setzlinge selber, ziehen das Gemüse gross, und wir vertreiben oder verarbeiten das Angebaute auch noch gleich selbst.» Das angebaute Getreide wird auf dem Hof selber zu Mehl und Brot verarbeitet. Die gemolkene Milch wird in der hofeigenen Käserei zu Frischkäse und Quark. Wenn dazu Strom gebraucht wird, kann Zaugg auf eigenen Strom aus dem Solarkraftwerk auf dem Dach des stattlichen Bauernhauses zählen: «Abgesehen vom Diesel, den wir für unsere Traktoren brauchen, sind wir sehr nahe am geschlossenen Hofkreislauf.» Energie zukaufen muss er nicht. Dünger einkaufen erst recht nicht. Aber Arbeit bedeutet dies eben eine Menge.

Engagierter Marktfahrer

Warum aber reiht sich Zaugg unter jene Bauern, die nun unter dem Label Soliterre in der Region Bern Vertragslandwirtschaft betreiben wollen? Der Iffwiler Hof, der hiesige Bioläden beliefert und mehrmals wöchentlich in der Region Bern einen eigenen Marktstand führt, ist ja schon jetzt sehr nahe bei den Endverbraucherinnen und -verbrauchern. Der Unterschied zwischen Direktvermarktung und Vertragslandwirtschaft, sagt der 55-jährige Bauer, sei eben gross. Das liege im Wesen der Sache. Schlössen Bauern und Konsumenten einen konkreten Vertrag ab (siehe Haupttext), entstehe eine viel verbindlichere und intensivere Beziehung: «Es entsteht viel mehr Nähe. Konsumentinnen und Konsumenten können sich viel direkter mit den Produzenten identifizieren. Und für die Produzenten schafft der Vertrag eine Verbindlichkeit, wie wir sie bisher nie kannten. Bauern können sich dank dem Vertrag dem Preisdruck und dem Preisdiktat der Industrie viel besser entziehen.» Zaugg sieht die Vertragslandwirtschaft aber nicht bloss als rein wirtschaftliche Beziehung. Sie erlaube es auch, andere Bilder vom Leben im Allgemeinen und vom Bauern im Speziellen zu vermitteln. Heute würden Landwirte meist nur noch als Rohstofflieferanten verstanden. Er aber, der «Vertragsbauer», sieht seine Rolle anders: «Ich bin weder Rohstoffproduzent noch Nahrungsmittelproduzent. Ich bin Lebensmittelproduzent.» Er liefere nicht nur Kalorien, sondern gehe «eine soziale Beziehung» ein. Und mit ihrer Bindung leisteten Bauer und Konsument gemeinsam «einen Beitrag zum lebenswerten Dasein», selbstverständlich «im Wissen, dass wir nicht einfach in einer heilen Welt leben». Der Vertrag bindet letztlich mehr Menschen bewusst an die Scholle, die sie ernährt.

Globalisierungskritischer Ansatz

Das klingt recht globalisierungskritisch. Zaugg bestätigt diesen Eindruck, ohne zu zögern. Er sei überzeugt, dass es zu den Pflichten der Vernünftigen gehöre, «so weit als möglich lokal zu handeln». Von einem Agrarfreihandelsabkommen mit der EU hält er nichts. Bei einem solchen Abkommen seien die Bauern ohnehin die Nebensache: «Mit einem Agrarfreihandelsabkommen würden unsere Bauern für die Interessen unserer Industrie geopfert.» Allerdings: Wären sämtliche Bauern mit verständigen Konsumentinnen und Konsumenten vertraglich vereint, dann verlöre vielleicht auch der Agrarfreihandel einen Teil seines Schreckens. (Der Bund)

Erstellt: 04.03.2010, 14:18 Uhr