Alterspsychiatrie: Meist viele verschiedene Krankheiten
Von Patricia Götti. Aktualisiert am 09.07.2010
«Die Alterspsychiatrie muss befreit werden vom Stigma, das ihr anhaftet», sagt Urs Mosimann, Chefarzt bei den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern (UPD). Mit Nachdruck weist der Professor für Alterspsychiatrie darauf hin: «Viele psychische Erkrankungen im Alter sind behandelbar.» So könnten Medikamente etwa wirksam gegen Depressionen und Psychosen eingesetzt werden.
Ganzheitlicher Blick ist zentral
Die meisten Senioren über 65 sind erst im Alter psychisch erkrankt, nur eine kleine Gruppe von ihnen litt schon zeitlebens an einer psychischen Krankheit wie Schizophrenie, wie Mosimann sagt. Typische psychische Altersleiden sind Demenz, Depressionen oder vorübergehende Verwirrtheitszustände – die ihrerseits Vorboten einer Demenz sein können. Die Selbstmordrate ist von allen Altersgruppen bei betagten Menschen am höchsten.
Oft treten parallel auch körperliche Beschwerden auf. Auf diese habe eine Behandlung der psychischen Krankheit oft einen positiven Effekt, sagt Mosimann. Mehr noch: Eine ungute Wechselwirkung zwischen psychischer und körperlich-somatischer Erkrankung könne durchbrochen werden. So steigt nach einem Herzinfarkt das Risiko einer Depression, diese erhöht ihrerseits aber das Risiko eines nochmaligen Infarkts. Für einen Alterspsychiater ist eine ganzheitliche Sichtweise also zentral. Das Ineinandergehen von psychischen und körperlichen Erkrankungen gepaart mit sozialen Fragen sei ein Merkmal der Alterspsychiatrie, sagt Mosimann. Die UPD führen ihre Gedächtnissprechstunde zur Abklärung von demenziellen Erkrankungen zusammen mit der neurologischen Klinik des Inselspitals. Dort kann etwa durch Untersuchung des Bluts eines Patienten herausgefunden werden, dass seine Vergesslichkeit auch auf eine – behandelbare – Unterfunktion der Schilddrüse oder einen Vitaminmangel zurückgeht. Oder es wird eine beginnende Demenz verzögert, indem begleitende Krankheiten behandelt werden.
Aufsuchende Betreuung als Trend
Wichtig für die Behandelbarkeit einer psychischen Erkrankung im Alter ist laut Mosimann die Früherkennung. Ideal sei es da, wenn Alterspsychiater Betagte regelmässig im Heim besuchten. So geschieht dies bereits in grossen Heimen wie dem Alters- und Pflegeheim Kühlewil in Bern; im Aufbau befindet sich die mobile Alterspsychiatrie, die Erkrankte auch zu Hause aufsucht. Mosimann: «So können wir frühzeitig und gezielt intervenieren, und es gibt weniger Notfälle.» Seit 2010 ist die aufsuchende Alterspsychiatrie expliziter Auftrag des Kantons an die UPD. (pmg) (Der Bund)
Erstellt: 09.07.2010, 08:47 Uhr
