«Unternehmer-Paare setzen alles auf eine Karte»

Von Mathias Morgenthaler. Aktualisiert am 01.07.2009

Wenn ein Paar Privatleben und Berufsalltag teilt, kann dies die Beziehung bereichern und dem Geschäft guttun. Es droht aber der «totale Verlust».

Literatur

F. Müller Tiberini: Erben in Familienunternehmen. Die Unternehmensnachfolge konfliktfrei regeln. Orell Füssli 2008.

Arbeitsalltag und Privatleben zu teilen, könne eine grosse Chance sein, sagt Franziska Müller Tiberini, die Konstellation berge aber auch erhebliche Gefahren. «Wenn die Partner gut harmonieren und die Energie fliesst, vertieft die gemeinsame berufliche Tätigkeit die Beziehung, und das Unternehmen profitiert von überdurchschnittlicher Energie», sagt Müller Tiberini, die seit fast zwei Jahrzehnten Familienunternehmen begleitet. Aus Erfahrung weiss sie aber auch: «Wenn es nicht klappt, kommts leicht zum Krieg. Oft spielen dann Streitigkeiten um Geld und Macht eine zentrale Rolle.» Solange es beruflich gut laufe, fielen private Irritationen kaum ins Gewicht; wenn aber der Umsatz schwinde und damit automatisch auch das Privatbudget belastet werde, stelle das die Beziehung auf eine harte Probe.

«Paare, die gemeinsam ein Unternehmen führen, setzen alles auf eine Karte», fasst Müller Tiberini zusammen. «Läuft es gut, entfalten sie eine grosse Kraft, scheitern sie in einem Bereich, riskieren sie den totalen Verlust.» Oft bedeute die Liquidation der Firma auch das Ende der privaten Beziehung, umgekehrt könne ein Seitensprung dazu führen, dass die Firma ins Trudeln gerate. Dass es zur Scheidung kommt und die Frau ihrem Ex-Mann im Geschäft weiterhin die Buchhaltung besorgt, wie Müller Tiberini berichtet, ist eher die Ausnahme. Häufiger komme es vor, dass einer der Partner sich nach einer Wachstumsphase aus dem Tagesgeschäft zurückziehe und in den Verwaltungsrat wechsle, damit man sich im Tagesgeschäft nicht in die Quere komme.

Müller Tiberini, Autorin der Bücher «Wenn Familie den Laden schmeisst» und «Erben in Familienunternehmen», rät Paaren, die ein Unternehmen führen, sich immer wieder über ihre Rollen und Zuständigkeiten zu verständigen und klar festzulegen, was wann wo besprochen werde: «Wenn noch im Schlafzimmer über den Geschäftsgang diskutiert wird, hat das meist keinen positiven Einfluss auf die private Beziehung.» Ab einer gewissen Unternehmensgrösse sei es zudem wichtig, ein Informationssystem zu etablieren, damit alle in der Firma über wichtige Themen im Bild seien.

Handicap von Familienbetrieben

Franziska Müller Tiberini hat selber erlebt, was es heisst, in einem Familienbetrieb tätig zu sein. Mit 27 Jahren trat sie in den Verwaltungsrat des väterlichen Betriebs ein, später stand sie der Geschäftsleitung der Fabrikationsfirma mit 120 Angestellten vor. «Als Frau hätte ich sonst nirgends in jungen Jahren so viel Verantwortung übernehmen können», sagt Müller Tiberini. Die Kehrseite waren die «teilweise sehr schwierigen Auseinandersetzungen» in der Familie. «Ich war gleichzeitig die Chefin und die Tochter. Wenns zum Streit kam, vermischten sich leicht die private und die geschäftliche Ebene.»

Müller Tiberini sagt, Familienunternehmen hätten Vorteile bei rascher Entscheidungsfindung, Identifikation, unbürokratischen Investitionsentscheiden. Andererseits bestehe die Gefahr, dass weniger kommuniziert und informiert werde, weil alle dächten, sie wüssten ja, wie die anderen tickten. «Die permanente Rollenklärung ist sehr wichtig bei Familienunternehmen», betont Müller Tiberini, «sonst kommt es zu Missverständnissen, Streit und Erstarrung.»

Zudem trage die regelmässige Diskussion über Zuständigkeiten dazu bei, dass das heikle Thema Nachfolgeregelung frühzeitig aufs Tapet komme. Oft kommt es nämlich spätestens dann zu Streitigkeiten, wenn das Unternehmen an die nächste Generation übergeben oder verkauft werden soll. (Der Bund)

Erstellt: 01.07.2009, 09:19 Uhr