Zur «Nacherziehung» versorgt

Aufmüpfig und nicht konform mit der Sexualmoral: Wie Mireille B. wurden jahrzehntelang Jugendliche als «sittlich verdorben» zwangsversorgt. Die Uni Bern hat diesen Aspekt der Zwangsmassnahmen untersucht.

Das Frauengefängnis Hindelbank 1970: Hier wurde Mireille B. eingesperrt, obwohl man ihr keine Straftat zur Last legte.

Das Frauengefängnis Hindelbank 1970: Hier wurde Mireille B. eingesperrt, obwohl man ihr keine Straftat zur Last legte. Bild: Keystone

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Im Frühjahr 1970 schlossen sich die Tore der Strafanstalt Hindelbank hinter der 19-jährigen Mireille B. (Name geändert). Etwas mehr als ein Jahr lang sollte sie nun in der Nähstube und Wäscherei der Anstalt arbeiten. Als Mireille B. in Hindelbank eintrat, hatte sie bereits eine längere Odyssee durch Heime und Anstalten hinter sich. Sie hatte mehrere Stellen aufgegeben, war wegen Diebstahls verurteilt und vom Vormund in ein Heim gesteckt worden. Nach Fluchten zu ihrem Freund war sie in der Psychiatrie gelandet, wo sie jedoch erneut die Kurve nahm. Obwohl man ihr keine Straftat zur Last legte, versorgte der Berner Regierungsrat die widerspenstige junge Frau schliesslich auf administrativem Weg in Hindelbank.

Das Schicksal von Mireille B. steht stellvertretend für viele Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Unter diesem Titel diskutiert das Parlament derzeit über die Wiedergut­machung und Aufarbeitung, um ehemaligen Zwangsversorgten, Verding- und Heimkindern späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Begibt man sich als Historiker auf Quellensuche, zeigt sich, dass hinter Einzelschicksalen oft komplexe Realitäten stehen, die meist vielschichtiger sind, als man dies aufgrund der Betroffenheit der Gegenwart vermuten könnte. Ein instruktives Beispiel dafür bildet die Versorgung von minderjährigen Frauen und Männern im Kanton Bern, die derzeit im Rahmen einer Forschungsarbeit näher untersucht wird.

Mächtige Magistraten

Anstaltsversorgungen wie diejenige von Mireille B. erfolgten ohne Gerichtsurteil. Grundlage bildete das bernische Gesetz über Erziehungs- und Versorgungsmassnahmen, welches 1965 das Armenpolizei­gesetz von 1912 ablöste. Demnach konnte der Regierungsrat Jugendliche, die sich ihren Erziehungsberechtigten widersetzten oder als «sittlich verdorben» galten, in eine Anstalt einweisen. Dank der Arbeiten der Historikerin Tanja Rietmann ist die Geschichte dieser Erlasse bereits gut aufgearbeitet (siehe Kasten).

Versorgungen von Minderjährigen weichen allerdings in einigen Punkten von den bekannten Fakten ab. Denn bereits 1933 hatte die Regierung beschlossen, solche Verfahren von denjenigen gegen Erwachsene abzukoppeln. Damals übertrug man die ­Voruntersuchung den Jugendanwälten, die auch für die Strafverfolgung von Kindern und Jugendlichen zuständig waren. Ziel war es, Synergien im Kampf gegen die viel befürchtete «Verwahrlosung» der Jugend zu nutzen. Wie 1971 selbst der ­Regierungsrat feststellte, erhielten die ­Jugendanwälte dadurch jedoch eine «Machtfülle», wie sie kaum eine andere Instanz besass. Allein zwischen 1942 und 1980 wies der Regierungsrat auf ­Antrag der Jugendanwälte schätzungsweise 460 minderjährige Frauen und Männer in Erziehungsheime und Strafanstalten ein.

Es wäre indes vorschnell, in den Jugendanwälten einfach willige Agenten der Disziplinierung zu sehen. Die wenigen Verfahrensakten, die im Staats­archiv zu finden sind, zeigen, dass die Jugendanwälte kaum je von sich aus ­administrative Einweisungen initiierten. Sie reagierten vielmehr auf Versorgungs­begehren, die aus der Mitte der Gesellschaft kamen, etwa von Gemeinden oder von Vormündern, Eltern oder Schulkommissionen. Im Fall von Mireille B. gelangte der Vormund an den Jugendanwalt und verlangte die Versetzung seines widerspenstigen Mündels nach Hindelbank. Eine wichtige Rolle spielten ebenfalls die örtlichen Vormundschaftsbehörden. Auch im Fall von Mireille B. gingen längere Verhandlungen mit der Behörde voraus, die den Vorschlag des Vormunds schliesslich unterstützte. Zwar konnten die Vormundschaftsbehörden Jugendliche auch selbst fremdplatzieren. Vor allem kleinere Landgemeinden delegierten Versorgungen aber gern an die Jugend­anwälte, die mehr Erfahrung mit «schwierigen» Jugendlichen hatten. ­Allerdings kam es nur in jedem zweiten Fall, mit dem sich die Jugendanwälte ­befassten, auch zu einem Versorgungs­antrag an die Regierung.

Immer mehr junge Frauen

Wer waren die jungen Frauen und Männer, welche die Berner Regierung administrativ versorgte? Welche Lebensrealitäten stehen hinter Zuschreibungen wie «sittliche Gefährdung» oder «Verwahr­losung»? Eine Stichprobe von rund 50 Einweisungsbeschlüssen aus den Jahren 1950 bis 1970 zeigt, dass die Versorgten praktisch ausschliesslich der Unter- oder unteren Mittelschicht angehörten. Drei Viertel der Jugendlichen stammten aus prekären Familienverhältnissen. Mehr als die Hälfte war bereits im Schulalter in Pflegefamilien oder Heimen platziert gewesen.

Weibliche und männliche Jugendliche gerieten etwa gleich häufig ins Visier der Administrativjustiz. Dies im Unterschied zu den erwachsenen Versorgten, unter denen Männer deutlich über­vertreten waren. Der Anteil der jungen Frauen nahm über die Jahre allerdings erheblich zu. 1965 betrug er 80 Prozent. Tatsächlich entwickelten sich die Versorgungen ab Mitte der 1950er-Jahre zu einer Massnahme, die sich vorwiegend gegen aufmüpfige und sexuell aktive junge Frauen richtete. Der Fall von ­Mireille B. entspricht damit einem gängigen Muster.

«Sexuelle Verdorbenheit»

Der Geschlechterbias spiegelt sich auch in den Begründungen der Behörden. «Sittliche Verdorbenheit» bedeutete bei Frauen und Männern oft nicht dasselbe. Zwar legten die Behörden den jungen Frauen und Männern gleichermassen mangelnden Arbeitsfleiss, häufige Stellenwechsel, Lehrabbrüche, Aufmüpfigkeit gegenüber Eltern und Vormündern zur Last. Hinzu kam bei jungen Frauen jedoch regelmässig (wenn auch nicht immer) der Vorwurf der «sexuellen Verwahrlosung und Haltlosigkeit». Viele Anträge rapportierten denn auch akribisch die sexuellen Beziehungen der jungen Frauen, die oft wechselnde Partner (darunter auffallend viele Gastarbeiter) betrafen und den zeitgenössischen Vorstellungen eines «seriösen Lebenswandels» sichtlich zuwiderliefen. Zwar wollten die Behörden auch voreheliche Schwangerschaften verhindern. Das selbstbestimmte Beziehungsverhalten galt aber vor allem als Zeichen des Aufbegehrens.

Administrativ versorgte Jugendliche landeten in der Regel auf unbestimmte Zeit in einer geschlossenen Anstalt. Bei «guter Führung» kam nach einem Jahr die bedingte Entlassung infrage. Da sich das Berner Recht ab 1942 an die Bestimmungen des Strafgesetzbuchs anlehnte, war es möglich, die Jugendlichen bis zum 22. Altersjahr zu internieren. Versorgungsbeschlüsse, die kurz vor dem 20. Geburtstag der Betroffenen erfolgten, zeigen, dass die Behörden von dieser Möglichkeit gezielt Gebrauch machten.

Die «Nacherziehung» erfolgte meist in Erziehungsheimen, etwa in Tessenberg für männliche oder im Loryheim in Münsingen für weibliche Jugendliche. Eine wichtige Rolle spielten auch Durchgangs- oder Beobachtungsheime wie der privat geführte Heimgarten in Bern oder die kantonale ­Beobachtungsstation Enggistein. Viele junge Leute wurden zudem in Heil- und Pflegeanstalten begutachtet oder behandelt. Mireille legte der Vormund sogar die Sterilisation nahe.

Jugendlichen, die sich dem Zugriff durch Flucht entzogen, drohte die Versetzung nach Hindelbank (Frauen) oder Witzwil (Männer). Beide Arbeitsanstalten dienten auch als Gefängnisse für Erwachsene oder im Fall von Hindelbank sogar als Zuchthaus. Dementsprechend rigide waren die ­Erziehungsgrundsätze. «Fritz R. hat gezeigt, dass er gehorchen, sich unterordnen und zu voller Zufriedenheit arbeiten kann», brachte ein Heimleiter die Werte auf den Punkt, die der Staat Bern seinen Problemjugendlichen noch 1962 einimpfen wollte.

Moralischer Rigorismus

Die überlieferten Akten lassen die Härten erahnen, denen die jungen Leute ausgesetzt waren. Diese waren auch eine Folge davon, dass der Kanton Bern erst um 1970 grundlegende Reformen im Heim- und Vollzugswesen anzupacken begann. Dennoch wäre es einseitig, aus heutiger Sicht das Bild eines «Versenkungsstaats» zu zeichnen. Der moralische Rigorismus gegenüber sozial benachteiligten Jugendlichen, der hinter Fällen wie demjenigen von Mireille B. stand, zog sich vielmehr durch breite Schichten der Gesellschaft. Hinzu kam die Überforderung von Familien, ­Schulen und Behörden im Umgang mit einer Jugend, die in den Boomjahren nach 1945 immer mehr Freiheiten ­beanspruchte.

Der beschleunigte Wandel und das Aufbrechen traditioneller Rollenmuster dürften repressive Haltungen sogar noch verstärkt haben. Tatsächlich nahm die Zahl der versorgten Jugendlichen erst 1969 deutlich ab. Zum Zeitpunkt also, als der gesellschaftliche Aufbruch von 1968 bereits in vollem Gang war und auch die Anstaltserziehung zusehends in die öffentliche Kritik geriet.

1974 wurden die Befugnisse der Berner Jugendanwälte beschränkt. Bis zur Abschaffung des Versorgungsgesetzes 1981 kam es deshalb nur noch zu vereinzelten Versorgungen. Von diesem Rückgang vorerst nicht berührt waren allerdings Einweisungen durch die Vormundschaftsbehörden, die sich in den Augen der betroffenen Jugendlichen kaum von administrativen Versorgungen unterschieden haben dürften.

Urs Germann ist Historiker und forscht am Institut für Medizingeschichte der Uni Bern. Eine Publikation der vorliegenden Forschungen ist für 2018 geplant. (Der Bund)

Erstellt: 24.05.2016, 09:08 Uhr

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