«Unsere Arbeit wird Früchte tragen»

Der reformierte Pfarrer Hartmut Haas hat in seinem Leben bisher bereits viel bewegt. Und blickt trotzdem etwas bange in die Zukunft.

Hartmut Haas im Haus der Religionen am Europaplatz.

Hartmut Haas im Haus der Religionen am Europaplatz. Bild: Adrian Moser

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Er habe sich schon immer viel mit den «Grundfragen des Menschseins» beschäftigt, sagt Hartmut Haas. Der 67-Jährige ist seit Anfang 2014 in Pension. Im Haus der Religionen in Bern, das dank seiner Initiative erbaut wurde, ist er trotzdem noch häufig anzutreffen. Er sitzt auf einem Sessel im ersten Stock des modernen Glasbaus. Ein Mann, in ein indisches Traditionsgewand gekleidet mit einer roten Malerei auf der Stirn, stellt zwei Kaffeetassen auf den Tisch und nickt freundlich. Hartmut Haas stellt ihn als seinen Kollegen, einen hinduistischen Pfarrer vor. Dann erzählt er, wie für ihn die Grundfragen des Menschseins lauten: «Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?»

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Wer er ist, fand Hartmut Haas erst über seinen zweiten Bildungsweg heraus. Mit Mitte zwanzig startete der gelernte Stahlformenbauer seine theologische Ausbildung. «Irgendwann habe ich einfach gemerkt, dass ich mehr mit Menschen zusammenarbeiten will, und dass mich gesellschaftliche und theologische Fragen umtreiben.» Auch die Frage, woher er kommt, war für Haas ein Grund für die Neuorientierung. «Der Gedanke, mich auf meine Wurzeln zu besinnen, erschien mir spannender, als wieder ein neues Metallteil zu erfinden, das sich dann gut verkauft», erzählt er. Später war Haas als Pfarrer für seine Kirche, die Herrnhuter Brüdergemeinde, tätig und verbrachte einige Jahre mit seiner Familie in Palästina und Israel. Die intensive Beschäftigung mit Judentum und Islam hätten ihn dort sehr geprägt, erzählt er. Schliesslich zog Haas mit seiner Frau, die wie er aus Königsfeld im Schwarzwald stammt, zunächst nach Basel und dann nach Bern. In der Bundesstadt engagierte er sich für den interreligiösen Dialog. Aus diesem Engagement erwuchs 2014 das Berner Haus der Religionen – Dialog der Kulturen.

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«Eigentlich bin ich gar kein so religiöser Mensch», sagt Haas. Kein religiöser Mensch? Wie kann ein Pfarrer das von sich behaupten? Er könne ja dennoch ein frommes Leben führen, betont er. Religion habe ihn schon immer fasziniert. Weil sie ihm Spannendes über ferne Welten erzähle und ihn letztendlich wieder zurück zu sich selbst führe. Jede Religion schaffe einen Raum des Erinnerns, welcher weit in die Geschichte zurückreiche und über die vergangenen Fragen und Aufgaben einzelner Gemeinschaften erzähle. Die Lösungswege, die von den Religionen dabei aufgezeigt würden, liessen sich auf die eigenen Fragen und Aufgaben der Gegenwart übertragen, erklärt Haas.

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«In der heutigen durchmischten Gesellschaft sind Kenntnisse über die eigene und andere Religionen eine Notwendigkeit», sagt Haas. Nur so könne man fanatischen Zirkeln den Boden entziehen und langfristig friedlich zusammenleben. Zwar interessierten sich die Menschen heute wieder vermehrt für Religion, es sei jedoch eine Verflachung der theologischen Kenntnisse zu beobachten. Er wünsche sich deshalb, dass das Wissen über die Glaubenslehren, ihre Geschichte und die ihrer Gründergestalten wieder wachse: «Wissen bedeutet ja nicht Glauben», betont er. «Das Glauben bleibt den Religionsgemeinschaften vorbehalten.» Der Staat quartiere jedoch seine Verantwortung in der Religionslehre heute weitestgehend aus.Ein Grundwissen über die verschiedenen Religionen verhindere laut Haas das Entstehen von Vorurteilen. Im Haus der Religionen hat er sich deshalb jahrelang für den Dialog zwischen Gläubigen eingesetzt und interreligiöses Wissen vermittelt. Dafür erhielt er am vergangenen Samstag den Ehrendoktortitel. Eine Auszeichnung, die nicht ihm allein gebühre, sondern als theologische Würdigung für die ganze Institution zu sehen sei, wie er sagt. Für deren Bau sei im Vorfeld viel Überzeugungsarbeit nötig gewesen, da es Gegner des Projekts gab, die seine Idee von verschiedenen Gläubigen unter einem Dach als Fantasterei abtaten.

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Die Frage, wohin es gehen wird, ist für Hartmut Haas noch keine zu beantwortende. Bei einem Blick in die Zukunft werde ihm «etwas bange». Er sieht grosse Konfliktherde zwischen Religionen. Dabei seien die Bemühungen eines Hauses der Religionen nur der «Tropfen auf dem heissen Stein». Kann es in absehbarer Zeit ein friedliches Miteinander geben? Haas ist skeptisch und zuversichtlich zugleich: «Wenn unsere Arbeit heute keine Früchte trägt, dann morgen oder übermorgen.»Wieder Montag Begegnungen mit Menschen (Der Bund)

Erstellt: 05.12.2016, 06:41 Uhr

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