Typisch Fred

«Der Poller»-Kolumnist Peter Schibler über Bisamfellmützen, schlecht geparkte Autos und die Welschen.

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«Typisch Frau!», sagte Fred, als ich ihm letzthin im Quartier begegnete, und deutete mit dem Kinn auf einen roten VW Up, dessen rechter Hinterreifen zur Hälfte auf dem Bordstein stand und zur anderen Hälfte in der Luft schwebte, während der linke vordere Kotflügel schief auf die Fahrbahn hinausragte: «Ich sags ja immer: Frauen können einfach nicht parkieren.»

Fred geht durch die Welt, um sich und anderen zu bestätigen, dass sie so ist, wie er schon immer gesagt hat. Wenn Tausende von Frauen ihre Autos beim Parkieren militärisch exakt ausrichten, blendet er das in seiner Wahrnehmung automatisch aus, aber in den zwei, drei anderen Fällen wird er hellwach, freut sich und sagt: «Ich sags ja immer!»

Fred ist halt so. Ich sags ja immer: Typisch Fred! Wenn zum Beispiel Guy Parmelin am Fernsehen kommt, zwinkert Fred in seinem Ledersessel mit den Augen, prostet dem Bundesrat mit einem imaginären Weissweinglas zu und sagt: «Typisch welsch». Und wenn irgendein grösserer «Laden» wieder mal irgendeine kleinere «Bude» übernimmt, runzelt Fred die Stirn, macht ein finsteres Gesicht und brummelt: «Typisch Zürich!» Das Leben – eine Soap Opera: Die Charaktere sind gesetzt, die Rollen verteilt. Rien ne va plus.

Ab und zu kommt es allerdings zu Beinahe-Kollisionen in Freds diagnostischer Lufthoheit, wenn zum Beispiel ein typischer Aargauer ein typischer Velofahrer ist, eine typische Blondine eine typische Zigeunerin oder ein Politiker ein Intellektueller. Dann sollte sich eigentlich etwas bewegen; aber Fred steckt das mit links weg: Es sind dann einfach jeweils zwei verschiedene Rollen in ein und derselben Person, und weil Fred einzelne Menschen seit langer Zeit nicht mehr als Individuen sieht, sondern nur noch als Typen, erkennt er darin keinen Widerspruch. Schliesslich hat der olle Schimanski zu Lebzeiten auch schon Gangster gegeben.

«Schau mal dort», sagte Fred, nachdem er sich eine Weile über die Frauen und das Parkieren und über die Fahrweise von Automobilistinnen im Allgemeinen ausgelassen hatte: «Schau mal dort! Schon wieder einer mit einer Bisamfellmütze! Bisamfellmützen sind total im Kommen!» Dies sei nämlich seit gestern die dritte dieser Schiwago-Mützen, denen er jetzt begegnet sei.

Wie man also sieht, wird man Fred doch nicht ganz gerecht, indem man ihn einfach als typischen Typen charakterisiert, dessen Weltbild fixfertig und abgeschlossen ist. Vielmehr ist er durchaus auch offen für Neues, sofern es sich dabei um einen Trend handeln könnte und er selbigen als Erster aufspürt.

Ich verabschiedete mich dann von Fred, wanderte in einem grossen Bogen einmal um den Häuserblock, kam zurück, schaute links und rechts, stieg in meinen Leihwagen (einen roten VW Up) und fuhr davon.

Peter Schibler ist Senior Columnist in Bern und zuweilen auf ein Auto angewiesen, wenn höhere Gewalt ihn am Velofahren hindert. www.derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 04.01.2017, 08:34 Uhr

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