Turnier der Schatten

Über 120 aufgedeckte Fälle und mehr als 300 Verurteilte – während des Ersten Weltkriegs tobte in der neutralen Schweiz ein Krieg der Spione zwischen Entente und Mittelmächten.

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Dass die Schweiz im Zweiten Weltkrieg als Drehscheibe für Agenten und Spionen fungierte, ist bekannt. Vom Ersten Weltkrieg ist dagegen vor allem die Oberstenaffäre im Gedächtnis geblieben, die vor hundert Jahren aufbrach und eine veritable innenpolitische Krise auslöste. Zuerst nahm man den «Whistleblower» aufs Korn, dann verfuhr man mit den Obersten Moritz von Wattenwyl und Karl Egli sehr nachsichtig. General Ulrich Wille wollte mit dem Hinweis, es seien keine nachteiligen Folgen für das Land entstanden, gar keine Untersuchung zulassen. Nur weil der Bundesrat darauf bestand, kam es zu einem Prozess.

Die Generalstabsoffiziere Egli und von Wattenwyl hatten die Informationen der Nachrichtensektion in Bern an die Deutschen und die Österreicher weitergeleitet. Ein Radfahrer überbrachte die Bulletins in aller Öffentlichkeit. Generalstabschef Theophil Sprecher nahm die Offiziere am Prozess in Schutz. Es sei ausgeschlossen, dass die beiden andere Ziele verfolgt hätten als diejenigen, ihrem Land zu dienen. Am 29. Februar wurden sie freigesprochen, aber wegen fahrlässiger Handlungen an die vorgesetzte militärische Stelle überwiesen. Letztlich kam es zu einem Feilschen zwischen Bundesrat und General, woraus eine Strafe von 20 Tagen scharfen ­Arrests resultierte. Zudem wurden sie ­ihrer Posten enthoben.

Fahnenskandal am 27. Januar

Der Aufschrei in der Romandie über die Affäre war gross. Man sprach von Landesverrat und sah die Neutralität schwer kompromittiert. Der Beweis für die fatale Nähe der Deutschschweiz zum Kaiserreich schien erbracht. In der Deutschschweiz wiederum glaubte man, die Welschen würden am liebsten die Trikolore hissen. Die Oberstenaffäre drohte das Land zu spalten. Angriffige Karikaturen wie diejenigen des Künstlers Charles Clément entstanden. Als Postkartensujets waren sie beliebt, die PTT war aber im Zuge der Zensur gehalten, die Karten einzuziehen. In Lausanne kam es am 27. Januar bei einer Demonstration dazu, dass ein Heisssporn die Fassade des deutschen Konsulats erklomm und die Fahne des Kaiserreichs abhängte. Der Skandal führte zu geharnischten Demarchen der Deutschen.

«Die Oberstenaffäre drohte das Land zu spalten.»

Die Oberstenaffäre war nur die Spitze des Eisbergs. In der Schweiz tummelten sich während des Ersten Weltkriegs Hunderte von Spionen, Spitzel und Doppelagenten. Dazu kamen Tausende von verletzten und internierten Soldaten. Diese waren teilweise in Hotels und Herbergen untergebracht. Sozialisten, Anarchisten, ausgewanderte Intellektuelle, Pazifisten, bolschewistische Exilrussen boten zahlreiche weitere Anknüpfungspunkte. Zudem kämpften Schweizer auf beiden Seiten. In der französischen Fremdenlegion sollen 6000 bis 8000 Schweizer gedient haben. Die engen wirtschaftlichen Verbindungen boten ein weiteres Feld, auf dem die Spionage gedieh.

Die Schweizer Behörden hatten alle Hände voll zu tun und waren oft überfordert mit der schieren Menge der Fälle, die fast im Wochentakt aufflogen. Im Januar 1916 «harrten 50 Spione und Spioninnen» im Gefängnis der Heerespolizei im Berner Amthaus ihrer Aburteilung», vermeldete das «Berner Taschenbuch» in seiner Chronik. Der Historiker Christophe Vuilleumier beziffert die Zahl der Affären auf mehr als 120, mehrere Hundert Personen seien involviert gewesen. Zum Teil handelte es sich um hohe Polizisten und Beamte. Die Schweiz sei für die Spionage dank der geografischen Lage und der Neutralität «terre bénie» – gesegnete Erde – ­gewesen, so Vuilleumier.

Die Strafen fielen milde aus

1920 zog die NZZ Bilanz: «Die Bundes­anwaltschaft teilt mit, dass im Ganzen 337 Angeklagte wegen Nachrichtendienstes zugunsten fremder Mächte verurteilt worden sind: 156 schweizerische Staatsangehörige, 110 deutsche, 3 englische, 52 französische, 18 italienische, 23 österreichische Angehörige und 25 anderer Staaten.» Für den Bundesrat war die Unterscheidung zwischen eigentlicher Spionage und Nachrichtendienst zugunsten fremder Mächte wichtig. Bei Spionage waren die militärischen Interessen der Schweiz betroffen, beim Nachrichtendienst zugunsten fremder Mächte war dies nicht der Fall.

«Die milden Urteile führten zu Kritik und wurden von einem Grossteil der Bevölkerung mit Unverständnis quittiert.»

Auffallend ist, wie milde die Agenten im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg behandelt wurden. Es gab meist nur mehrere Monate Gefängnis, eine Busse und einen Landesverweis. Nicht selten erfolgten die Urteile gegen ausländische Staatsangehörige «in contumaciam» (im Trotz) – die Beschuldigten hatten sich bereits aus dem Staub gemacht. Die milden Urteile führten zu Kritik und wurden von einem Grossteil der Bevölkerung mit Unverständnis quittiert. Auf der anderen Seite durften Schweizer, die sich einspannen liessen, nicht mit Nachsicht rechnen, wenn sie im Ausland erwischt wurden: Verschiedene Schweizer wie zum Beispiel Arnold Kielholz in Deutschland oder Félix Malherbe in Frankreich wurden exekutiert.

Verkehrsdirektor auf Abwegen

Die grössten Spionageringe hatten die Deutschen aufgebaut. Sie schienen auch über fast unbeschränkte finanzielle Mittel zu verfügen. Ende März 1916 flog in Bern eines der Netzwerke auf. Der Chef des Verkehrsbureaus, Hermann Behrmann, wurde verhaftet. Behrmann, ein 1914 eingebürgerter Deutscher, der des «Schwyzerdütschen» mächtig gewesen sein soll, wurde zusammen mit mehreren Komplizen angeklagt. Wie sich zeigte, hatte Behrmann Informationen im Verkehrsbureau entgegengenommen und an die deutsche Gesandtschaft weitergegeben. Er teilte auch seine Beobachtungen über ankommende Personen mit.

Der «Bund» schrieb am 1. April 1916, Behrmann habe Nachrichten von «fremden Leuten» aus Frankreich erhalten: «Freilich konnten sie im Verkehrsbureau unauffällig verkehren, da es ja vornehmlich für fremde Besucher eingerichtet worden ist.» Behrmann sei aber wohl nur «ein Glied in der Kette» gewesen. Im Übrigen hielt in diesen Tagen der Bombenabwurf auf Pruntrut durch deutsche Flugzeuge vom 31. März Presse und Politik auf Trab. Die Bomben auf die damals noch zum Kanton Bern gehörende Stadt richteten nur Sachschaden an, die Neutralitätsverletzung war aber gravierend und nicht das erste und auch nicht das letzte solche Vorkommnis.

«Zu politischer Ausmünzung eignet sich der Fall sehr schlecht.»Der «Bund» zur Affäre Behrmann

Der «Bund» schien gegenüber Behrmann, der auch in Komitees der Landesausstellung von 1914 tatkräftig mitgewirkt hatte, eine positive Haltung einzunehmen: «Zu politischer Ausmünzung eignet sich der Fall sehr schlecht.» Behrmann habe sich nicht mit politischen Angelegenheiten befasst. Im Prozess, der am 10. Juli 1916 in Bern begann, waren ausser ihm noch ein deutscher Hoteldirektor namens Reuscher und eine Frau Rätzer angeklagt. Sie war ebenfalls eine Deutsche, aber mit einem Schweizer verheiratet. Behrmann verteidigte sich damit, dass sein Handeln nur «eine Folge seiner vaterländischen Denkweise» gewesen sei und dass er «streng» darauf geachtet habe, dass keine Schweizer zu Schaden kämen. Offenbar ging er auch davon aus, dass seine Mitarbeit ihn davor bewahren werde, in die deutsche Armee eingezogen zu werden. Denn trotz der Einbürgerung in der Schweiz hatte er seine deutsche Staatsbürgerschaft behalten.

Die Schweiz als deutsche Provinz?

Behrmann und das Verkehrsbureau dienten als Vermittlungsstelle. Die Hintermänner waren zwar namentlich bekannt, aber «unbekannten Aufenthalts». Die Angeklagten kamen einigermassen glimpflich davon. Mildernd fiel bei Behrmann ins Gewicht, dass er die Weitervermittlung nicht «um Geldes willen» übernommen hatte. Behrmann erhielt eine Gefängnisstrafe von fünf Monaten und eine Busse von 200 Franken. Zudem musste er einen Teil der Gerichtskosten übernehmen.

Die deutsche Präsenz in Bern war stark: Neben der Gesandtschaft gab es die ­Gesellschaften Metallum und Militaria, welche das Hotel Metropole an der Zeughausgasse und das Hotel Moderne an der Spitalgasse gleich mit mehreren Hundert Angestellten in Beschlag nahmen. Hier liefen viele Fäden zusammen. Man wähne sich auf den Strassen Frankfurts, schrieb «L’Impartial» über die Bundesstadt. Es mache nicht den Anschein, als ob man sich in Bern der Gefahr bewusst sei, argwöhnte das Blatt. Allerdings war es auch schwierig, in dem Schattenspiel Täuschung und Wahrheit auseinanderzuhalten. Denn die zugespielten Informationen waren nicht selten gefälscht, Gerüchte nur zum Zweck gestreut worden, die Wahrheit zu verschleiern oder den Feind anzuschwärzen.

Offiziell kümmerten sich Metallum und Militaria nur um die Beschaffung kriegswichtiger Güter. Im Verborgenen dienten die Gesellschaften aber auch als ideale Plattform für die Nachrichtenbeschaffung und die Tarnung von geheimen Operationen. Bei der Metallum handelte es sich um einen Ableger der AEG, der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft. Die Gesellschaften verfolgten, vermutete man vor allem in der Romandie, auch das Ziel, die Schweiz in eine wirtschaftliche Provinz Deutschlands zu verwandeln. Die jungen Handelsreisenden sah man als Speerspitze einer Invasion. Investiert wurde nicht nur in Fabriken, sondern auch in namhafte Banken und Elektrizitätsgesellschaften sowie Wasserkraftwerke. Wahrscheinlich wollte man von der noch ausstehenden Elektrifizierung der Schweizer Eisenbahnen profitieren (siehe Interview in der Box). Die welschen Zeitungen publizierten Listen der kontrollierten Unternehmen.

«Ihr Zweck besteht darin, an die Schweizer Industrie umfangreiche Aufträge zu vergeben. Es ist kein Geheimnis, dass zahlreiche Schweizer Fabriken Heeresmaterial für die kriegführenden Staaten herstellen.»Das «Intelligenzblatt» über die Metallum

Dem bernischen «Intelligenzblatt» erschien dies alles wenig verdächtig. Es handle sich um eine «durchaus legitime Tätigkeit». Überdies stellte sich das «Intelligenzblatt» auf den Standpunkt, dass sich der Bund schon mit den Gesellschaften befasst hätte, wenn es nötig gewesen wäre. «Ihr Zweck besteht darin, an die Schweizer Industrie umfangreiche Aufträge zu vergeben. Es ist kein Geheimnis, dass zahlreiche Schweizer Fabriken Heeresmaterial für die kriegführenden Staaten herstellen.» Die Metallum vergebe Arbeit im Wert von «Hunderten von Millionen Franken» an die Schweizer Industrie, die von der Existenz der Gesellschaft nur Nutzen, aber keinen Schaden habe. Ähnliche Zentralstellen würden auch von Frankreich, England oder Italien betrieben.

Abhängig «vom guten Willen»

Weltpolitik und wirtschaftliche Interessen vermengten sich. Für die Schweiz war es schwierig, nicht zum Spielball fremder Mächte zu werden. Die Neutralität war von allen Seiten unter Druck: Die Schweiz war erpressbar, sie musste lavieren, um die Versorgung des Landes nicht zu gefährden. Generalstabschef Theophil Sprecher schrieb schon 1914 betreffend die lebenswichtigen Lieferungen von Getreide durch Frankreich: «Nicht zu übersehen ist endlich, wie sehr die in Aussicht genommene Versorgung von Tag zu Tag uns in beständiger Abhängigkeit vom guten Willen Frankreichs erhält.» Auch von Deutschland bestanden etwa bei den Kohletransporten grosse Abhängigkeiten. Lieferprobleme konnten als wirksames Druckmittel eingesetzt werden. Hinzu kamen militärische Pläne, die Schweiz zum Durchmarsch zu benutzen. Frankreich entwickelte zum Beispiel den Plan «H» (für Helvétie), der vorsah, die Deutschen überraschend auf der südlichen Flanke anzugreifen – unter Mitwirkung der Schweiz.

«Für die Schweiz war es schwierig, nicht zum Spielball fremder Mächte zu werden.»

Nicht immer ging es nur um Informationsbeschaffung, Intrigen oder Infiltration, in verschiedenen Fällen war Sabotage das Ziel. Am Bahnhof in Lausanne wurde 1916 ein herrenloser Koffer mit italienischen Generalstabskarten des Simplons gefunden sowie 30 «Sodiumbomben» in Konservengrösse, die ein kaum löschbares Feuer auslösen konnten. Die Franzosen ihrerseits planten mithilfe von Schweizern eine Fabrik der Lonza in Waldshut D zu zerstören. Die Bombe funktionierte aber nicht richtig. 1917 organisierte der deutsche Geheimdienst die Reise von Lenin durch die Schweiz und Deutschland nach Russland. Mit der Revolution schied Russland wie erhofft aus dem Krieg aus.

Im September 1918 schliesslich flog ein grosses Komplott auf, als der Deutsche Hans Schreck in Leissigen am Thunersee verhaftet wurde. Der Ingenieur war Chef der deutschen Spionageabwehr in der Schweiz und trug belastende Papiere mit sich. Es war geplant, Fabriken im Jura in die Luft zu jagen, welche die Entente mit Zündern für Artilleriegranaten belieferte. Die Firmen waren in Friedenszeiten hauptsächlich für die Uhrenindustrie tätig gewesen. Zudem schwärzte man den Industriellen Jules Bloch an, der Herstellung und Vertrieb organisierte. Man müsse ein Mittel finden, «um den Juden von La Chaux-de-Fonds zu zerstören», befand die deutsche Gesandtschaft.

Schreck lass nach!

Schreck wurde, da er Geisteskrankheit vortäuschte, nach Zürich in die Klinik Burghölzli gebracht, von wo er aber schon bald entweichen konnte. Ein Auto holte ihn ab und brachte ihn über die Grenze. Schreck – in der Presse als «äusserst geriebener Spion und Schwindler» bezeichnet – wurde in Abwesenheit zu ­einem Jahr Gefängnis verurteilt. Ein Prozess gegen weitere deutsche Spione brachte ans Tageslicht, dass über indische Revolutionäre eine Verbindung zu italienischen Anarchisten bestand, die in Italien Anschläge verüben sollten. Italien kämpfte an der Seite der Entente gegen Österreich-Ungarn. Das abenteuerliche Komplott war schon weit über das Anfangsstadium hinaus gediehen. Kisten mit Waffen und Bomben waren vorhanden – bereitgestellt vom deutschen Generalkonsulat in Zürich. Sogar Bazillenkulturen für die bakteriologische Kriegsführung wurden gefunden. Erst mit dem Ende des Krieges am 11. November 1918 kehrten ruhigere Zeiten ein.

Aufzuarbeiten war noch die Affäre um Jules Bloch, der wegen Steuerschulden eine grosse Summe an den Fiskus abführen musste und auch zu einer Gefängnisstrafe sowie zu einer hohen Busse verurteilt wurde. Und die Metallum? Auch sie war mit Vorwürfen konfrontiert: Sie war offenbar steuerlich verschont geblieben, was im Parlament zu unangenehmen Fragen an den Bundesrat führte. In der Romandie hiess es, der Schweiz seien 30 Millionen Franken entgangen. Nach dem Zusammenbruch Deutschlands stellte die Gesellschaft ihre Tätigkeiten ein und schaffte die Unterlagen ausser Landes. Der Bundesrat gab 1919 bekannt, die Gesellschaft befinde sich in Liquidation. Die «Gefahr» sei vorüber. (Der Bund)

(Erstellt: 30.01.2016, 12:35 Uhr)

Der Fall Eyer

Das verhängnisvolle Mostrezept

Wie Robert Eyer in Frankreich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, nur weil er eine zu laute Rede geschwungen hatte.

Der Berner Robert Eyer ist nach Frankreich ausgewandert, wo er im Dorf Saint-Remy (Haute-Saône) gemeinsam mit einem Vetter ein grosses landwirtschaftliches Gut betrieb. Wegen unbedachter Reden sei er von einem Kriegsgericht zur «ausserordentlich schweren Strafe» von drei Jahren Gefängnis und 5000 Francs Busse verurteilt worden. So schreibt der «Bund» am 6. April 1916.

Weil im Herbst 1915 eine ausserordentlich gute Obsternte verzeichnet wurde, schickte ein Bekannter einen Artikel aus dem «Schweizerbauer» mit dem Titel «Hauptrichtlinien zur Herstellung eines guten Mostes». Fatalerweise befand sich auf der Rückseite ein Artikel über eine französische Offensive, die mit grossen Verlusten geendet hatte.

In einem Gespräch mit einer Französin liess Eyer ­einige der Informationen einfliessen. Diese behauptete, Eyer habe gesagt, es seien 29 französische Divisionen vernichtet worden. Der Artikel, versichert der «Bund», habe aber kein einziges beleidigendes Wort gegen Frankreich enthalten. Der «Schweizerbauer» nehme eine neutrale Haltung ein. Bei Gesprächen kämen aber leicht «Missverständnisse und Entstellungen» vor. Zudem habe es wohl Neider gegeben, weil Eyer und sein Vetter tüchtig und erfolgreich gewesen seien. So kam es zum Urteil. «Solches Unheil hat die Versendung des harmlosen Mostrezeptes angerichtet», schreibt der «Bund». (wal)

Zur Sache

«Der Baum, der den Wald verbarg»

Historiker Christophe Vuilleumier über die Spionageaffären in der Schweiz zur Zeit des 1. Weltkrieges.

Weshalb waren die Spionageaffären in der Schweiz derart zahlreich?
Die neutrale Schweiz nahm für Frankreich und Deutschland eine wichtige strategische Position ein. Durch die Schweiz konnte man sich schnell und in aller Ruhe hinter die Linien des Feindes begeben. Die Schweiz war zudem von ­einer schweren wirtschaftlichen Krise getroffen. Das für den Nachrichtendienst angebotene Geld stellte eine Verlockung dar. Mehrere Hundert Schweizerinnen und Schweizer liessen sich deshalb rekrutieren. Zudem ging es immer auch – vor allem aufseiten der Deutschen – um Wirtschaftsspionage und die Beteiligung an Banken und Firmen. Hier stellt sich die Frage, was aus diesem Geld in der Zwischenkriegszeit geworden ist.

Sie sagen, die Geschichte der Spionage zwischen 1914 und 1918 sei nicht sehr gut erforscht. Warum?
Ein Grund ist sicher der Zweite Weltkrieg, der die Aufmerksamkeit der Historiker viel stärker auf sich gezogen hat. Im kollektiven Gedächtnis ist zudem vor allem die Oberstenaffäre geblieben. Diese Affäre war gewissermassen der Baum, der den Wald dahinter verbarg.

Die Strafen fielen recht milde aus.
Die Schweiz befand sich nicht im Krieg. In Frankreich oder Deutschland war das Erschiessungskommando schnell zur Stelle. In der Mehrheit der Fälle war nicht die Schweiz das Ziel. Auch Bussen waren für viele Verurteilte aber eine empfindliche Strafe. Es muss überdies bemerkt werden, dass die Richter ein Spiegel der gesellschaftlichen Tendenzen waren. Die einen waren eher frankophil, die anderen eher germanophil.

Stimmt es, dass die Schweiz die kriegführenden Mächte nicht verärgern wollte?
Ja, die Schweiz hat eine fast unglaubliche Gleichgewichtsnummer zwischen der Entente und den Mittelmächten aufgeführt. Bei der Kohle zum Beispiel war die Schweiz total von Deutschland abhängig. Die Schweiz konnte sich im Ernstfall zudem kaum auf ihre Armee verlassen: Diese wäre den anderen Armeen kein ebenbürtiger Gegner gewesen. Die Schweiz musste so wohl oder übel die Aktivitäten der fremden Mächte auf ihrem Gebiet weitgehend tolerieren.

Welche Zwecke verfolgten die in Bern angesiedelten Gesellschaften Metallum und Militaria?
Die Metallum wurde von Walther Ra­thenau, Chef der AEG und Kommissar des deutschen Kriegsministeriums, installiert. Eine Anzahl Schweizer Unternehmen wie die Schweizer Kreditanstalt in Zürich oder die Motorbankgesellschaft in Baden kamen in deutsche Hände. Rathenau wollte bei der Elektrifizierung der schweizerischen Eisenbahnen zum Zuge kommen. Die Metallum diente aber auch der Nachrichtenbeschaffung. Zudem schreckte sie auch vor Schmuggelaktionen nicht zurück.

Durch die Verhaftung von Hans Schreck 1918 kam ein sehr ernstes Komplott ans Tageslicht. Ist das eine Ausnahme?
Diese Affäre ist zweifellos die ernsthafteste des ganzen Krieges in der Schweiz. Mehr als hundert Personen waren verstrickt. Es wurde ein grosses Waffenarsenal in Zürich gefunden. Mehrere Verdächtige begingen im Gefängnis Selbstmord. Man fragt sich, ob diese Personen vielleicht zum Schweigen gebracht wurden. Zudem scheint auch Alexander Parvus, der sich zu jener Zeit in Bern aufhielt, darin verstrickt gewesen zu sein. Er galt als Financier von Lenin und arbeitete mit der deutschen Spionageabwehr ­zusammen.
(wal)


Christophe Vuilleumier ist Historiker und Präsident der Société d’histoire de la Suisse romande. Sein Buch zum Thema: «La Suisse face à l’Espionnage 1914–1918».

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