Tragödie unserer Zeit

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler befasst sich intensiv mit der Stellensuche im höheren Alter.

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Der dramatische Titel ist kein Trick. Ich habe ihn nicht erfunden, nur übernommen. Beim Räumen fiel mir ein Traktat mit dem Nachdruck eines «Beobachter»-Artikels in die Hand. «Kostbares Gut liegt auf der Strasse», heisst es darin. Es geht um ältere Arbeitnehmer, die keine Stelle finden. «Diese Leute wandern mit sinkender Hoffnung von Büro zu Büro.» Das Problem sei erkannt, auch bei Firmen, «die fast täglich gedankenlos Bittsteller abweisen», denn seit langem werde «über die Not dieser älteren Kaufleute und ihrer Leidensgenossen» berichtet. Aus Einzelschicksalen sei «eine menschliche Tragödie geworden, die unser ganzes Land angeht und jedem Schweizer vor Augen geführt werden muss, damit er nicht später einmal sagen kann, er hätte nichts davon gewusst!»

Oft enthielten Stelleninserate Altersgrenzen. Das sei «unerträglich, weil unmenschlich». Das Übergehen Älterer «widerspricht auch jeglicher Logik, mit der wir uns so gerne brüsten». Der Schreiber nennt ein Beispiel: «Man subventioniert den Verkauf von Wein oder Rindvieh, baut aber den stellenlosen älteren Menschen keine Brücken.» Gut qualifizierte Arbeitskräfte fielen «der öffentlichen Fürsorge anheim». Wenn nur junge Leute angestellt würden, müssten immer mehr Junge die Älteren unterstützen. «Wenn dann gelegentlich die bisherige Hochkonjunktur verschwindet, wird sich dieses ungesunde Verhältnise zu einer Katastrophe auswachsen.» Der Autor nennt noch gefährlichere Folgen der Selektion: Damit «werden die Zurückgewiesenen verbittert und gegen Staat und Gemeinwesen aufgebracht». Noch ärger: «Sie placieren sich und ihre Kinder gezwungenermassen ausserhalb der eidgenössischen Gemeinschaft und damit auch, unter anderem, der geistigen Landesverteidigung.»

Spätestens jetzt wird klar, das der Text nicht im jüngsten «Beobachter» zu lesen war. Besonders wenn man liest, dass «an diesem immer mehr um sich greifenden Krebsübel wohl in erster Linie die Pensionskassen schuld» seien. Solche gab es früher fast nur in grossen Industriebetrieben oder Banken, auch in der staatlichen Verwaltung, bei Post oder Bahn. Wer sich nicht so verhielt, wie es einst gedacht war, nämlich das ganze Arbeitsleben in derselben Firma zu verbringen, verlor bei einem Stellenwechsel die Arbeitgeberbeiträge. «Goldene Fesseln» hiess das Hindernis. Diese verschwanden, als Pensionskassen in den 1980er-Jahren obligatorisch wurden und die Mobilität der Arbeitnehmer zunahm. Die USA seien ein Vorbild, sagt der Autor: «Die Amerikaner, in Business-Angelegenheiten und Statistiken uns weit voraus, scheinen dies schon längst gemerkt zu haben; sie suchen für verantwortungsvolle Posten meist ältere Leute, die sich nicht lange einschaffen müssen, und die ihnen nicht aus trivialen Gründen davonlaufen.» Verständlich, denn in diesem Alter sei man noch längst «kein Mummelgreis», sondern ein Mensch, der seine «wirkliche Reife» erlangt habe.

Nun sind Sie gespannt. Von wem ist in diesem Artikel die Rede? Von 60-Jährigen? Von 50-Jährigen? Bei Letzteren ist heute umstritten, ob sie es auf dem Stellenmarkt tatsächlich schwer haben. Von gewerkschaftlicher Seite gibt es die Forderung nach stärkerem Kündigungsschutz. Andrerseits ist oft zu hören, bald werde man sich um Ältere reissen und sie fast nötigen, wenigenstens reduziert bis 67 oder 70 zu arbeiten. Das Traktat meint aber nicht sie. Es spricht von der Altersgruppe der 40-Jährigen. Sie hatten offenbar im November 1955, als dieser «Beobachter»-Artikel erschien, grosse Probleme. Es war der «Schweizerische Bund der Vierziger», der das Traktat als «Drucksache zur Ansicht» verschickte, ein «Selbsthilfewerk für ältere Berufstätige». Auf der Rückseite des Couverts heisst es: «Mit über 40 Jahren zu alt für die Arbeit? Was auf den Schultern der Vierzig- und Mehrjährigen ruht, hat Zukunft.» Man könnte das Traktätchen heute erneut nachdrucken – und die Zahl 40 durch die Zahl 50 ersetzen. Auch wenn sich einiges geändert haben mag: Ganz überholt ist das Thema leider nicht.

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler hielt den Spruch «50 ist das neue 40» bisher für einen Unsinn, liess sich aber durch das Traktätchen umstimmen. www.derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 14.06.2017, 06:53 Uhr

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