Schellen-Ursli in Stalingrad

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann befürchtet, dass in seinem Unterbewusstsein der 2. Weltkrieg ausbrechen könnte.

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Wir alle tun es. Einige tun es lieber zu Hause, andere unter freiem Himmel, manche mieten dazu extra ein Hotelzimmer, wenn die Umstände nichts anders zulassen. Einige lassen sich von ihren Trieben dermassen verführen, dass sie es sogar am Arbeitsplatz machen. Selbst Schüler sollen dabei schon in flagranti erwischt worden sein. In jungen Jahren ist das Bedürfnis danach höher als im Alter. Da will es bei manchen nicht mehr so richtig klappen. Pillen können helfen. Manche tun es nur kurz, anderen kann es nicht lange genug gehen. Für viele ist es das Schönste auf der Welt, manchmal kann es aber auch ein richtiger Albtraum sein. Sie werden schon längst erraten haben, wovon die Rede ist. Genau, vom Schlafen.

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Dank dieser durchaus gelungenen Einleitung sind wir schon beinahe beim Gegenstand der heutigen Kolumne angelangt. Es soll hier nicht um den Schlaf an sich gehen, sondern um die unumgängliche Prozedur, die in diesen mündet: das Einschlafen. In einem langjährigen Selbstversuch habe ich darüber erstaunliche Erkenntnisse gewonnen. Einschlafen ist eine Art Korridor, in dem es, kurz bevor er im Reich des Schlafs endet, eine Tür hat. Dahinter sitzt ein Männlein unter einer nackten Glühbirne und rapportiert sämtliche akustischen Signale, die durch die Gehörgänge rauschen, auf einer alten Schreibmaschine. Diese Protokolle archiviert es dann in den Kellergewölben des Unterbewusstseins. Dass diese auch nach Jahren noch in erstaunlich gutem Zustand sind, bemerkte ich kürzlich, als mir Hörspielkassetten aus Kindheitstagen in die Hände fielen. Mir fällt es zwar schwer, Rilke zu rezitieren oder Wittgenstein wiederzugeben, doch ich schaffe es ohne Mühe, ganze Dialoge der Drei Fragezeichen, der Fünf Freunden oder von Globi aufzusagen.

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Doch irgendwie scheinen im Archiv meines Unterbewusstseins ein paar Blätter in die falschen Akten gerutscht zu sein. So bin ich mir nicht mehr gänzlich sicher, wer es denn schon wieder mit der Sekte Satans aufgenommen hat. War es Philip Maloney, TKKG oder gar Nils Holgersson? Diese Unwissenheit löst bei mir starke Beunruhigung aus. Aus geschichtlichem Interesse habe ich mir in nicht allzu ferner Vergangenheit zum Einschlafen Tondokumente aus dem 2. Weltkrieg angehört. Ich gehe davon aus, dass auch davon einiges protokolliert und archiviert wurde. Doch was, wenn sich diese Einträge über die Jahre mit den Geschichten der Helden meiner Kindheit vermischen? Plötzlich würden sich mir grässliche Fragen stellen. Verteidigte Babar die Normandie? War Rösslein Hü an der Ostfront? Kommt Jim Knopf aus dem Lummer- oder dem Sudetenland? Vielleicht sollte ich mir einfach eine Kassette mit Regenwaldgeräuschen oder Walgesängen kaufen.

«Bund»-Redaktor Martin Erdmann wird demnächst Kinderbücher veröffentlichen, die Kontroversen auslösen dürften. www.derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 24.05.2017, 06:42 Uhr

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