«Meine Mutter schätzt nicht, wie viel Glück sie mit mir hat»

Der 16-jährigen Maia Senften fällt das Gymnasium leicht und das Geigenspielen schwer. Ihr aktuelles Elternstreitthema: Ein trotz Verbot gestochenes Nasenpiercing.

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Maia Senften zieht jede Woche um. Von Bolligen beim Vater nach Ittigen zur Mutter und wieder zurück. «Manchmal ist das sehr nervig», sagt die 16-Jährige. Doch sie hätte sich nach der Scheidung niemals fix für einen Elternteil entscheiden können. «Ich brauche sie ja beide.»

Auch der Termin für dieses Porträt musste an einem «neutralen Ort» stattfinden, im Café Siebensachen in der Matte. Hätte sie den Reporter in eine ihrer Bleiben eingeladen, hätte sich der andere Elternteil womöglich benachteiligt gefühlt.

Am liebsten würde Maia schon bald in ihr eigenes Zuhause ziehen und mit der grossen Schwester eine Wohngemeinschaft gründen. Doch da gibt es zwei Probleme: das fehlende Geld und die Schwester, die lieber zuerst in einer anderen Stadt studieren will.

Viel Talent – wenig Durchhaltewillen

Im Gespräch mit Maia wird schnell klar: Die Jugendliche mit der angenehmen Stimme und den Pluderhosen sagt, was sie denkt. Auch wenn es um die Schule geht. «Ich bin talentiert und komme meistens ohne Aufwand zum Ziel», meint sie und nestelt dazu mit Henna-bemalten Händen am Nasenpiercing. Die Sekunda am Gymnasium Neufeld fällt ihr leicht, Hausaufgaben macht sie nur so viel wie nötig. Sie hat darum viel Zeit, Dinge zu tun, die sie mag: «Ich liebe es, mein Zimmer einzurichten.»

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Mühe hat sie hingegen mit den wenigen Dingen, die ihr nicht auf Anhieb gelingen. So das Geigenspielen: «Ich übe vor allem noch meinem Vater zuliebe.» Maia kann sich nicht überwinden, mehr als ein- bis zweimal pro Woche zu üben. «Dementsprechend mittelmässig spiele ich. Das wurmt mich.»

Nur 80 Facebook-Freunde

Nicht alle ihrer Mitschüler und Mitschülerinnen mögen Maias direkte Art: «Ich bin manchmal unsicher, ob sie meine Ehrlichkeit richtig einschätzen.» Grundsätzlich ist ihr das aber egal, denn auch Maia hat nicht alle ihre Mitjugendlichen gern: «Wenn jemand keine Ahnung hat, was abgeht in der Welt, dann nervt mich das sehr.»

Auch Personen, die sich nur über ihr Social-Media-Profil und erhaltene Likes definieren, kann Maia nicht leiden. Ihre Facebook-Freunde hat sie kürzlich bis auf 80 «echte» Freunde alle gelöscht, ihr Profil auf der Bildplattform Instagram deaktiviert und die Whatsapp-Alternative Telegram installiert, die eine verschlüsselte Kommunikation erlauben soll.

452’402 Minuten seit dem ersten Kuss

Doch so richtig kommt sie von der virtuellen Welt nicht los. Der ursprünglich verpönte Whatsapp-Messenger ist schon wieder voll in Gebrauch, zu mühsam war die Kommunikation ohne. Auch auf Instagram hat sie ein neues Profil erstellt, wenn auch ein anonymes. «Wenn nun jemand meine Fotos liket, dann nur, weil sie ihm wirklich gefallen, und nicht nur, weil ich es bin», sagt sie und verteidigt damit ihren Rückfall. Und das Smartphone sei halt trotzdem praktisch. Sie weiss zum Beispiel, dass seit ihrem ersten Kuss mit ihrem Freund Jost 452’402 Minuten vergangen sind. Die Kuss-App misst für Maia die Zeit. Und dann gibt es da noch die Treue-App von Pizza-Blitz, das Tamagotchi-artige Tierchen, das man regelmässig füttern muss, und die Software, die Maia hilft, den Spagat wieder zu erlernen.

Piercing gegen elterlichen Willen

Beruflich hat Maia noch keine Ziele: «Ich möchte ein Zwischenjahr machen und dann irgendetwas studieren.» Konkreter sind da andere Ideen. «Vermutlich mache ich ein Tattoo, sobald ich 18 Jahre alt bin.» So lange warten will sie, da sie schon ihr Nasenpiercing gegen den elterlichen Willen gestochen hat. «Meine Mutter war sehr enttäuscht und traurig.» Nachher habe sie Maia gefragt, wann denn ihre Hippiephase vorbeigehe. «Das hat mich unglaublich wütend gemacht. Sie ist doch auch sauer, dass sie ihren Kopf nicht durchsetzen konnte.» Maia glaubt nämlich, dass sie im Vergleich zu anderen eine brave Tochter sei. «Meine Mutter schätzt manchmal nicht, wie viel Glück sie mit mir hat.»

Seit dem Piercing-Durchstich sind auch Maias Finanzen ein bisschen knapper als vorher. «Wenn ich meinen Papi um Geld frage, sagt er manchmal: ‹Du hattest Geld fürs Piercing, dann hast du auch Geld für alles andere.›» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.01.2016, 06:43 Uhr

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#blackboxjugend

Das mit der Jugend ist eine merkwürdige Sache. Früher oder später rutscht man hinein. Und wenn sie überstanden ist, gehört sie für immer der Vergangenheit an. Manche zeigen dann Schwierigkeiten loszulassen, andere sind froh, die Adoleszenzphase endlich abgeschlossen zu haben.

Doch egal, wie die Jugendzeit verbracht wurde, eines bleibt: Erinnerungen. An diesen werden die nachrückenden Generationen unweigerlich gemessen und bewertet. Missverständnisse sind dabei unumgänglich. Egal wie jung geblieben man sich fühlt, der Anschluss an die Jugend ist schnell verloren. Plötzlich versteht man nicht mehr so recht, über was die da reden, man wundert sich über Hobbys und Frisuren. Gleichzeitig geistern vielen noch die glorifizierten Bilder der eigenen Jugend im Kopf herum. Im Vergleich mit der heutigen Jugend tun sich da schnell Gräben und Unverständnis auf.

Um Dinge zu erklären, die vielleicht gar nicht verstanden werden können, wird gerne auf die Statistiken zurückgegriffen. So auch, wenn es um die Jugend geht. Das jährlich erscheinende Jugendbarometer soll zeigen, wie die Jugend so tickt. 2015 war hier beispielsweise zu entnehmen, dass die Jugend eher Nein zu Drogen sagt, Geld auf die Seite legt und Karriere machen will.

Doch wer sind die Menschen hinter den Zahlen? Wie leben sie? Was beschäftigt sie? Und fühlen sie sich überhaupt verstanden? Um einen Einblick in das Leben der heutigen Jugend zu gewinnen, haben wir einen Aufruf gestartet. Menschen zwischen 15 und 20 Jahren aus Bern und Umgebung haben sich gemeldet. Zehn davon haben wir getroffen und mit ihnen über ihren Alltag gesprochen.

Sie sind uns im Video Rede und Antwort gestanden und haben uns einen Einblick in ihr Fotoalbum gewährt. Zehn Tage lang publizieren wir je ein Porträt, welches Sie vielleicht überrascht, womöglich den Kopf schütteln lässt oder ganz einfach nur um ein paar Jahre zurückversetzt.

Das Dossier: www.jugendserie.derbund.ch

Mitreden auf Twitter: #blackboxjugend

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