«Man kann einen Witz mehr einbauen als im Skript steht»

Die 31-jährige Bernerin Marisa Jüni war in der Schule eine Träumerin. Nun bringt sie als Musical-Darstellerin ihr Publikum zum Träumen.

Die weit gereiste Marisa Jüni tritt gern wieder einmal in Bern auf. Bild: Adrian Moser

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Auf die Prinzessinnenrolle will sie nicht abonniert sein. Sie sei «eher klein», sagt Marisa Jüni, deshalb werde sie gern so besetzt – zum Glück nicht immer: So spielt sie derzeit im Musical «Jacky Mac Säbel» eine böse Piratin. Andrew Bond, für Jüni der berühmteste Kindermusicalautor und -komponist der Schweiz, wolle, dass sie unterschiedliche Figuren spiele, sagt die Schauspielerin, die eben den 31. Geburtstag gefeiert hat. In Bonds Stück «Tom Träumer» verkörpert sie in Bern nächstens zwei Rollen (siehe Kasten). In kleineren Produktionen wie dieser sei es möglich, etwas zu improvisieren: «In einem eingespielten Team kann man einen Witz mehr einbauen, als im Skript steht.» Auf grossen Musicalbühnen, auf denen jede Woche bis zu acht Shows gezeigt würden, sei hingegen jedes Detail durchchoreografiert.

Jüni ist im Laupenamt aufgewachsen – nicht in einer Künstlerfamilie, auch wenn der Vater als Hobby Musik macht und die Mutter ein Töpferatelier betreibt. Strafaufgaben wegen Faxen in der Schule habe sie nicht bekommen, sagt die Schauspielerin. Aufgefallen sei sie eher als Träumerin: «Wenn mich etwas nicht interessierte, klinkte ich mich aus.» Darum kann sich Jüni gut in «Tom Träumer» einfühlen. In diesem Andrew-Stück spielt sie einerseits Toms Mutter Megan, die für die Träumereien ihres Sohnes zwar Verständnis aufbringt, ihn aber ermahnt, in der Schule gut zuzuhören und nicht ständig Dinge zu vergessen: «Darin erkennen sich viele Eltern wieder», sagt Jüni.

Frühe Faszination

Zudem spielt sie ein «Weichhörndli». Das Tier hat kein Selbstvertrauen und ruft oft aus: «Kai Ohnig, würkli nöd.» Jüni liebt es, im Stück eine Rolle auf Berndeutsch und die andere auf «Züritüütsch» zu spielen. Auch die Eltern im Publikum finden es zuerst neckisch, wenn ihre Kinder zu Hause dieses «würkli nöd» nachplappern – bis es ihnen auf den Wecker geht und sie froh sind, dass bald eine neue Produktion kommt.

Die Theaterwelt hat sie früh fasziniert. Schon im Kindergarten spielte sie das Schneewittchen, das in den Apfel biss und filmreif zu Boden sank. Statt «tot» liegen zu bleiben, beobachtete Marisa aufmerksam, wie die andern Kindern weiter spielten – und ass dazu auf der Bühne gedankenverloren den Apfel auf. Wenn sie mit ihrem Gotti und der Mutter in der Stadt in einem Theater ein Musical oder eine Weihnachtsproduktion ansehen durfte, verkündete sie: «Wenn ich gross bin, mache ich das auch.» Zuerst nahm die Umgebung wenig Notiz davon. Doch dann fiel den Lehrern nicht nur ihr «Träumen» auf, sondern auch, dass sie bei Schulaufführungen schön – und laut – sang. «Sie sollte Gesangsunterricht nehmen», rieten sie den Eltern.

Den hat sie inzwischen erhalten. In München besuchte sie eine Musical-Schule, wo sie auch ausgiebig Tanz lernte. «Musical-Leuten wirft man vor, sie könnten alles ein bisschen, aber nichts richtig», sagt Jüni – und nimmt lächelnd einen Schluck Kaffee in einem Café in der Länggasse. Das Genre wird in unseren Breiten der Sparte U zugerechnet, also Unterhaltung. Als gehoben gilt E, das «ernste» Theater. Natürlich würde Jüni nicht Nein sagen, wenn sie an einem öffentlichen Theater eine Rolle bekäme. Andrerseits strebe sie nicht nach einer sicheren Anstellung mit Rentenanspruch. Sie und ihr Mann aus El Salvador, ebenfalls künstlerisch tätig, seien «in vernünftigem Mass unvernünftig». Ihr Zeithorizont reiche stets nur ein paar Monate weit, diesmal bis April, wenn die laufenden Engagements enden. «Danach steht die Welt wieder offen.» Im Sommer 2017 werde sie mit ihm Mittelamerika besuchen, um seine Heimat noch besser kennen zu lernen. Sie werde unwillig, wenn sie in unseren Medien höre, wie unglaublich gefährlich es dort sei, sagt Jüni. «Dabei lernt man dort die herzlichsten Menschen der Welt kennen.»

Eltern, deren Kinder künstlerische Berufe anpeilen, sind oft besorgt und raten ihnen, doch zuerst «etwas Richtiges» zu lernen, womit sie Geld verdienen könnten. Das hätten ihre Eltern auch gesagt. Doch dann hätten sie gemerkt, dass sie immer wieder Engagements erhalte – und dass es ihr ernst sei. «Es ist mein Ziel, dass ich vom Beruf leben kann.» Als Schauspielerin spielt man ständig Rollen, ist jemand anderes. Fehlt einem dadurch die eigene Identität? Nein, sagt Jüni: «Ich weiss sehr genau, wer ich bin.» (Der Bund)

Erstellt: 12.12.2016, 07:14 Uhr

Musical

Jüni träumt nur einmal in Bern

Die aus dem Laupenamt stammende Marisa Jüni hat in München eine Musical-Schule absolviert und hatte seither unzählige Auftritte. In Bern ist sie diese Woche im Musical «Tom Träumer» zu sehen (siehe Hinweis unten).

Das Stück des Schweizer Erfolgsautors Andrew Bond erlebte letztes Jahr 50 Aufführungen, jetzt gibt es einige Zusatzvorstellungen, davon eine in Bern.

Im Emmental war Jüni in der komischen Rolle eines Clowns zu sehen im Stück «Der Schärer vo Ämmewil», eine Bearbeitung von Rossinis Oper «Der Barbier von Sevilla».

Nebst Rollen in Märchen-Musicals hat die 31-jährige Schauspielerin auch ein Engagement in Basel als Mezzosopranistin im Palazzo Colombino. Sie war auch schon in bayrischen Fernsehproduktionen zu sehen.

Jüni ist mit einem aus El Salvador stammenden Künstler verheiratet. Sie wohnt mit ihm in Basel, je nach Engagement lebt Marisa Jüni aber auch in Bern, Berlin oder Hamburg. (mdü)

Musical «Tom Träumer»: Mittwoch,
14. Dezember, 14 Uhr, Theater National, Bern, (Billette: Ticketcorner). Das Stück «Jacky Mac Säbel» kommt am 2. April 2017 (ebenfalls National, Bern).

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