Lieber er als ich

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler musterte am Samstag die GP-Läufer. Und eines steht fest: Das wäre nichts für ihn.

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Ich gestehe etwas Schlimmes. Sport interessiert mich nicht besonders, und das ist noch zurückhaltend formuliert. Gewänne die Schweiz – rein hypothetisch – ein Fussballspiel gegen einen halbwegs potenten Gegner, würde ich es nicht mitkriegen, weil ich die Sportseiten überblättere. Sogar während Olympischen Spielen würde ich es nicht merken, wenn an einem Tag die Olympia-Berichte nicht im Blatt wären. Vom Sport bekomme ich erst etwas mit, wenn er aus den Sportseiten herauswuchert oder wenn sie im Radio dauernd auf das Ereignis zu sprechen kommen. Nicht einmal ich kann es dann ignorieren.

Darum ist mir aufgefallen, dass mein «Poller»-Kollege – die Singularform ist derzeit leider am Platz – sich lange auf den Grand Prix vom letzten Wochenende vorbereitet hat («Erdmann rennt»). Wir lasen in seinen Extra-Kolumnen, wie anstrengend sich die Vorbereitungen gestalteten. Dann sahen wir Martin Erdmann im Bild, wie er unterwegs kämpft und kaum noch weiss, wie ihm geschieht. Insgeheim dachte ich bei der Lektüre: Lieber er als ich. Selbst die grösste Stoffnot brächte mich nicht dazu, die eigene Haut für ein solches Experiment zur Verfügung zu stellen. Es wird Sie also kaum verwundern, dass ich mich nicht für den GP angemeldet habe – nicht einmal unvorbereitet. Es gab bei mir nicht den leisesten «Gluscht» niederzukämpfen, denn es stand ausser Frage: Das ist nichts für mich.

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Doch Grossereignisse werfen nicht nur ihre Schatten voraus. Sie überschatten auch jene, die mit ihnen nichts zu tun haben. Diese Unbeleckten werden des Ausnahmezustandes spätestens dann gewahr, wenn sie an der Tramhaltestelle gelbe Zettel vorfinden, auf denen ein Busersatz mit einer irren Route beschrieben wird, die nichts zu tun hat mit den üblichen ÖV-Trampelpfaden. Selbst ein routinierter Stadtgänger vermag sie sich kaum im Kopf vorzustellen. Es wird einem bewusst, dass scheinbar unverrückbare Linien des öffentlichen Verkehrs nicht magnetischen Erdstrahlungen folgen, sondern menschengemacht sind. Sie lassen sich somit verändern – auch ohne Lauffest. Ein Bus mit einer kryptischen Streckennummer brachte uns dann am Samstag entgegen allen Befürchtungen in die Nähe des Tierparks Dählhölzli, unseres Ausflugsziels.

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Dann wanderten wir durch den Wald, ohne Kompass und Wegweiser, einfach der Nase nach. Doch Sie ahnen es: Bald holte uns der GP auch in der grünen Einsamkeit des Waldes ein. Da waren Plastikbahnen, Fähnchen und Streckenposten, die anzeigten, dass sich das sportliche Ereignis in Bälde hier durchwälzen würde. Und so geschah es. Es war wie in Grimms Märchen, wo mitten im Wald plötzlich drei Musikanten auftauchen oder eine Hexe. Hier war es eine Masse rennender Menschen.

Wir schauten, wie der Pulk an uns vorbeizog. Man hörte fast nichts, nur ein dumpfes Trampeln. Nach einiger Zeit entstand eine kleine Lücke. Eilends überquerte ich den Waldweg, ohne die Eiligen zu behindern, schaute mich um und sah, dass meine Begleiterin immer noch drüben stand. Dort verharrte sie lange, wohl eine Viertelstunde, denn es tat sich keine Lücke mehr auf. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die Läuferinnen und Läufer zu mustern, die vorüberzogen.

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Da waren die gazellenartigen Äthiopier, die zu fliegen schienen. Andere Läufer stapften schwer. Dünne rannten, Beleibte auch, Junge und Alte. Man sah wild schlenkernde Arme und steif an den Körper gepresste. Auf einigen Nasenrücken klebten Pflästerli – mit einem Dopingmittel? Man sah eingesteckte Kopfhörer, Wasserflaschen, die zum Mund geführt wurden, Schuhwerk in allen Farben. Auf den Startnummern stand: Véronique, Stephan, Linda, Rolf, Louise, Herbert, Heidi, Hanspeter oder Claudia.

Einmal glaubte ich in der Masse der unbekannten Gesichter den Ex-Tamedia-Konzernchef zu erkennen, verschwitzt und mit verzerrtem rotem Gesicht. Ich war mir nicht ganz sicher, doch stand auf seiner Startnummer: Martin. Er wars also. Schon wieder ein Martin. Und erneut dachte ich: Lieber er als ich, bloss gut, dass ich nicht Martin heisse. Und schon gar nicht Martin Schulz. Mit dem SPD-Mann möchte ich erst recht nicht tauschen.

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler spricht Corinne seinen Respekt aus, der letzten GP-Teilnehmerin, die direkt vor dem Besenwagen lief, aber nicht aufgab.

www.derpoller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2017, 06:40 Uhr

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