Leere Vollmond-Versprechen

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann erklärt, warum man sich besser vor dem «Moonlight Shopping» fernhalten soll.

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Sie können sich glücklich schätzen. Ich werde mit Ihnen nun das Ergebnis einer ausschweifenden Recherche teilen, deren Schlussfolgerung Sie von einem schwerwiegenden Fehler abhalten wird.

Das Resultat meiner Nachforschungen: Wenn Sie Wert auf Ihre Würde legen, sollten Sie am 27. April dem «Moonlight Shopping» in der Berner Innenstadt fernbleiben. Die Gründe dafür mögen Ihnen momentan noch schleierhaft erscheinen. Doch während der Lektüre folgender Zeilen wird Ihr skeptischer Blick bald einem von glühender Zustimmung getriebenen Kopfnicken weichen.

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Das «Moonlight Shopping» sorgt in Einkaufsmetropolen wie Langenthal schon seit Jahren für volle Kassen. Berns innenstädtischer Wirtschaftsmotor Bern City verfolgt dieses umnachtete Marketingkonzept ebenfalls seit einiger Zeit. Das «Shopping» bei «Moonlight» wird mit Plakaten beworben, auf denen ein wie aus Bronze gegossener Mond zu sehen ist. Rund wie ein Kuchenboden klebt er am wolkenlosen Berner Nachthimmel.

Zeitangabe für das nächtliche Einkaufen: 18 bis 22 Uhr. Und genau da wird es heikel. Alle, die über ein abgeschlossenes Astronomiestudium verfügen oder nach Feierabend ab und zu einen Blick gen Himmel werfen, werden bestätigen können, dass Ende April um 18 Uhr kein bronzener Kuchenboden-Mond am Himmel zu sehen ist.

Diese Tatsache hat mich veranlasst, an den lauteren Absichten des «Moonlight Shopping» zu zweifeln. Wird hier etwa Bauernfängerei betrieben? Die Antwort darauf wird Sie schockieren: Es ist schwer davon auszugehen. Denn nach meinen Berechnungen wird die Sonne am 27. April erst um 20.35 Uhr untergehen. Über die Hälfte des sogenannten «Moonlight Shopping» findet also bei Tageslicht statt.

Das ist aber längst nicht alles. Denn nachdem die Sonne ihr Tages-Soll erfüllt hat, befinden wir uns mitten in der nautischen Dämmerung. Also in jenem Stadium des Dämmerns, in dem der Horizont noch deutlich zu erkennen ist. Auf den Bern-City-Plakaten wurde dieser wohl einfach wegretouchiert.

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Inzwischen erhärtete sich meine Gewissheit, dass es sich beim «Moonlight Shopping» um eine Mogelpackung handeln muss. Hier wird sonnenklar irreführende Werbung betrieben. Doch ich hatte noch keine Ahnung, wie stark die ahnungslosen Konsumenten geblendet werden sollen. Die nautische Dämmerung endet um 21.50 Uhr. Wer nun denkt, wenigstens noch zehn Minuten in den Genuss eines Einkaufserlebnisses unter dem bronzenen Kuchenboden-Mond zu kommen, wird enttäuscht.

Meine Recherchen im kosmischen Raum ergaben, dass in der Nacht zuvor Neumond ist. In Mitteleuropa dauert es rund 35 Stunden, bis der äusserste rechte Rand des Mondes wieder von der Sonne erhellt wird. Also wird das «Moonlight Shopping» gänzlich ohne Mond auskommen müssen. Der bronzene Kuchenboden-Mond bleibt ein leeres Versprechen der Werbeindustrie.

Zum Schluss wechseln wir von der Scharlatanerie in linguistische Gefilde. «Moonlight Shopping» tötet – und zwar die deutsche Sprache. Wenn Sie das nun als plumpe Behauptung abtun wollen, machen Sie es sich zu einfach. Der Verein Deutsche Sprache e. V. hielt 2010 an einer Mitgliederversammlung in Halle fest, dass gerade der Gebrauch von englischen Bezeichnungen wie «Moonlight Shopping» dem sprachlichen Verfall weiter Vorschub leiste.

Martin Erdmann ist «Bund»-Redaktor und kauft nachts hauptsächlich alkoholische Getränke. Die Mondphase spielt dabei keine Rolle. (Der Bund)

Erstellt: 19.04.2017, 06:53 Uhr

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