Im Reich der Regale

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann geht mit Ihnen auf Supermarkt-Safari.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ich werde Sie nun sachte an den Gegenstand der heutigen Kolumne heranführen, indem ich mit einer kleinen Tirade über den Individualisierungsdrang des Menschen des 21. Jahrhunderts starte. Wahre Originalität spielt bei besagtem Trieb eine untergeordnete Rolle. Viel mehr streichen wir unsere Einzigartigkeit dadurch heraus, dass wir uns Schablonen bedienen, die durch den Zeitgeist vorgegeben sind und dazu führen, dass unsere Bestrebungen nach Unvergleichbarkeit sich zu einem individualistischen Einheitsbrei vermischen. Für diese Art von Gleichheit hat der Franzose damals den armen Ludwig bestimmt nicht mit dem Fallbeil traktiert. Nun habe ich aber einen Ort ausfindig machen können, an dem charakteristische Diversität in unglaublicher Fülle zu beobachten ist – im Supermarkt. Ich lade Sie ein, mir auf meiner Expedition in die aufregende Welt der Regale zu folgen. Es gibt viel zu entdecken.

Wir haben Glück. Bereits bei der Karottenkiste stossen wir auf ein erforschenswertes Exemplar des Einkaufsdschungels. Ein Bio-Mütterchen gibt sich gerade einem seltenen Ritual hin. Kommen Sie. Wenn wir uns ruhig verhalten, können wir es dabei beobachten. Mit seinen leberfleckigen Händen beginnt es, die Kiste nach der deformiertesten Karotte zu durchwühlen. Durch diese seltsame Verhaltensweise lässt sich ihr von Nonkonformität durchsetzter Charakter bestimmen. Schliesslich besteht einer der Grundpfeiler der modernen Gesellschaft aus dem schichtenübergreifenden Konsens, dass Gemüse nicht hässlich zu sein hat. Widersetzt es sich dem, soll es zur sofortigen Vernichtung freigegeben werden, weil sein Verzehr bekanntlich mit grosser Sicherheit zum sofortigen Herzstillstand führt. Unser Beobachtungsexemplar ist inzwischen fündig geworden und legt sich jene Karotte in ihren Flechtkorb, die am ehesten danach aussieht, als wäre sie gerade aus der Erde Tschernobyls gerupft worden. Das Bio-Mütterchen tut das mit einer Selbstzufriedenheit, als hätte es gerade ein indisches Kind aus den Fängen eines unbarmherzigen Textilfabrikanten wegadoptiert.

Ich will Sie nicht beunruhigen, doch wir befinden uns in grösster Gefahr. Wenden Sie Ihren Blick unauffällig in Richtung Fleischtheke. Haben Sie ihn gesehen, den ausgewachsenen Salonlöwen? Er ist daran zu erkennen, dass er sein natürliches Fell mit teuren Stoffen überdeckt, die wirklich nur von den begabtesten Kinderhänden Indiens zu einem eleganten Fabrikat genäht wurden, für dessen Kaufpreis man auch Grossgrundbesitzer im Kirchenfeldquartier werden könnte. Es ist eine Rarität, ein solches Exemplar hier anzutreffen. Der Lebensentwurf des Salonlöwen sieht es nicht vor, den 50-Meter-Radius zu einem Sektflöten balancierenden Kellner zu durchbrechen. Wieso er seinen natürlichen Lebensraum verlassen hat? Aus sicherer Distanz kann ich das nicht endgültig beantworten, habe aber eine Theorie. Wegen der bleichlichen Umrundung am Ringfinger seiner linken Hand gehe ich davon aus, dass er sich erst kürzlich von seinem vermutlich dritten Weibchen getrennt hat. Dieser Umstand zwingt den Salonlöwen, den für ihn untypischen Gang zur Nahrungsbeschaffung selbst zu unternehmen. Die fremde Umgebung scheint ihn zu reizen, wir sollten uns weiterhin vorsichtig verhalten. Wenn er versuchen sollte, sich Ihnen zu nähern, schwenken Sie Raviolidosen oder eine Büchse Billigbier vor seinem Gesicht. Er wird Sie dadurch als von Armut befallen registrieren, was für ihn die gleiche abschreckende Wirkung hat wie für andere Raubkatzen eine brennende Fackel.

Die Zeit drängt. Wollen wir die Nacht nicht in der Dunkelheit des Einkaufsdschungels verbringen, sollten wir nun den Weg zum Ausgang einschlagen. Doch was ist das? Eine einsame Hyäne schiesst an uns vorbei. Ihre Leidenschaft zur Kulinarik ist dermassen unterkühlt, dass sie sich ausschliesslich von Tiefgefrorenem ernährt. Speisen, deren Zubereitung mehr als einen Arbeitsschritt verlangen, lassen sie völlig kalt. Kurz vor der Kasse flattern noch ein paar Schnapsdrosseln an uns vorbei, die mit sorgfältig abgezähltem Kleingeld ihre Ration für die anstehende Nacht berappen.

Martin Erdmann ist «Bund»-Redaktor, rechnet aber damit, in naher Zukunft vom SRF-Format «Netz Natur» abgeworben zu werden.

www.poller.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 07.06.2017, 06:55 Uhr

Artikel zum Thema

Der Deitsch schwetzt

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler ist überrascht vom amerikanischen Schweizerdeutsch. Mehr...

Schellen-Ursli in Stalingrad

Kolumne «Poller»-Kolumnist Martin Erdmann befürchtet, dass in seinem Unterbewusstsein der 2. Weltkrieg ausbrechen könnte. Mehr...

Lieber er als ich

Kolumne «Poller»-Kolumnist Markus Dütschler musterte am Samstag die GP-Läufer. Und eines steht fest: Das wäre nichts für ihn. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Geldblog Konservative Strategie bietet keine Garantie

Mamablog Best of: Sollen Kinder zu Bett gehen, wann sie wollen?

Die Welt in Bildern

Farbiger Protest: Hunderte Bauern nehmen an einer Kundgebung in Mexiko teil. Sie verlangen, dass die Landwirtschaftsklausel im NAFTA-Handelsabkommen nicht erneuert wird. (26.Juli 2017)
(Bild: EPA/Mario Guzman) Mehr...