«Ich muss mit dem Material arbeiten, das ich finde»

Die Designerin entwirft nachhaltige Kleider. Das Handwerk hat die ehemalige Tänzerin von der Grossmutter gelernt.

Sandra Soltermann zwischen ihren Werken.

Sandra Soltermann zwischen ihren Werken. Bild: Franziska Rothenbühler

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Sandra Soltermann steht mit dampfendem Bügeleisen im Atelier. Der grosse Keller in der Berner Altstadt lässt sich nicht heizen. Darum trage sie Skiunterwäsche unter ihren Kleidern, sagt die zierliche 43-Jährige. Sie steht zwischen Bügelbrett, Nähmaschinen, Tischen, Stoffballen, Schneiderpuppen und einer Spielecke für die jüngste Tochter. Eine Kleiderstange fällt auf. Denn daran hängen Kleider in allen Stadien der Entwicklung.

«Das ist gewissermassen mein Archiv», sagt Soltermann. Sie ist Modedesignerin und hat im November ein Label für nachhaltige Kleider gegründet. Wenn sie ein Kleidungsstück entwickle, stelle sie zuerst eine sogenannte Moulure her. Das heisst, sie modelliert einen leichten Baumwollstoff an der Schneiderpuppe und stellt ein halbfertiges Modell her. Nach diesem Stück zeichnet sie das Schnittmuster und näht einen Prototyp. Besteht dieser die Praxistests im Alltag, nimmt sie ihn in die Kollektion auf. Andernfalls ändert sie ihn so lange, bis alles sitzt.

Soltermann nimmt den ockerfarbenen Pulli, den sie soeben gebügelt hat und steigt mit geschmeidigen Bewegungen die enge Treppe zum Ladenlokal hoch. Sie nennt den kleinen Raum mit Schaufenster nicht Laden, sondern Showroom. Denn die Kunden können hier zwar Kleider anprobieren und kaufen, aber nicht gleich mitnehmen. Jedes Stück wird erst von der Tessiner Partner-Firma hergestellt, wenn es verkauft ist. «So lasse ich keine Kleider machen, die nachher verramscht oder weggeworfen werden.» Sie spricht eher leise und wählt ihre Worte mit Bedacht.

Es habe viel Zeit gekostet, eine faire Produktionskette aufzubauen, sagt Soltermann. Die Stoffe würden in der Schweiz oder den nahen Nachbarländern wie Österreich und Deutschland hergestellt. Die Herkunft der Rohstoffe wie Baumwolle und Wolle lasse sich nachverfolgen, die Materialien seien zertifiziert. «Viele Fabriken habe ich persönlich besucht», sagt Soltermann. Sie nimmt einen Wintermantel vom Ständer. Der graue Wollstoff mit Fischgrätmuster stamme von österreichischen Waldschafen, werde mit Naturfarben gefärbt und zu fairen Arbeitsbedingungen in Österreich gewoben.

Sandra Soltermann hat lange auf ihr eigenes Geschäft hingearbeitet. Dies obwohl sie einen völlig anderen Berufsweg eingeschlagen hatte. Nach der Matura bildete sie sich zur professionellen Tänzerin aus. Während acht Jahren tanzte sie mit verschiedenen Gruppen. Doch sei das Nähen schon immer Teil ihres Lebens gewesen. «Meine Grossmutter war Schneiderin.» Und als Tänzerin habe sie ihre Kostüme selbst genäht.

Nach einem Unfall und der Geburt ihrer ersten Tochter vor 15 Jahren hängte Soltermann den Tanz an den Nagel und arbeitete als Direktionsassistentin in der eidgenössischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). «Das war inhaltlich spannend und hat mein Bewusstsein für Nachhaltigkeit geprägt», sagt sie. Doch wollte sie selber gestalten. So studierte sie in Zürich nebenberuflich Fashion Design und begann ihr Label Etris aufzubauen. Der Tanz beeinflusst Soltermanns Mode noch heute, obwohl dies auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist. «Mir ist wichtig, dass man sich gut bewegen kann», sagt sie.

Besonders viel über Bewegungsfreiheit in Kleidern habe sie von einer Tanztruppe im Senegal gelernt. «Deren Kostüme waren nicht elastisch wie unsere.» So habe sie Schnitte und Nähtechniken kennengelernt, die trotz starrem Stoff viel Bewegungsfreiheit ermöglichen. Für ihre Kollektionen kombiniere sie Techniken aus der Sportmode mit der von Businesskleidern. «Man soll eine Hose sowohl im Büro als auch auf dem Spielplatz tragen können.»

Andererseits haben auch die strengen Vorgaben, die sich Soltermann bezüglich Herkunft der Stoffe selbst macht, einen Einfluss auf die Gestaltung. «Ich muss mit dem Material arbeiten, das ich finde.» Die Kleider für Männer und Frauen wirken klassisch und dezent; fast wie Soltermann selbst, die ernst und ruhig wirkt. Der Gestaltungswille zeigt sich in spielerischen Details und perfekter Verarbeitung. Auch hier denkt Soltermann immer daran, Material zu sparen und Stücke herzustellen, die lange leben. Bei Nähten lässt sie ein wenig mehr Stoff als üblich stehen: «Man kann die Hose vergrössern, wenn man ein paar Kilo zugenommen hat.»

www.montag.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 13.02.2017, 06:43 Uhr

Was bedeutet das in der Mode?

Der Label-Ratgeber von Public Eye gibt einen Überblick. Daniela Kistler von der NGO unterscheidet zwischen ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit. Allerdings wirke sich die ökologische Nachhaltigkeit oft auf die sozialen Bedingungen in der Produktion aus. «Die Gefahr, dass Arbeiterinnen gesundheitsgefährdenden Chemikalien ausgesetzt sind, ist kleiner.» Doch brauche es nebst Sicherheit existenzsichernde Löhne und geregelte Arbeitszeiten. Europa sei keine Garantie für Standards. Denn das Problem sei systembedingt, sagt Kistler.

Die Branche profitiere von Dumpingpreisen und schiebe die Verantwortung auf die Produzenten ab. Dass Unternehmensriesen wie H & M heute Kleider aus Bio-Baumwolle und Recycling anbieten, sei zwar ein guter Anfang, aber vorerst nicht mehr als ein Feigenblatt, sagt Kistler. Der Showroom an der Brunngasse 60 von Sandra Soltermann ist mittwochs bis freitags von 17 bis 19 Uhr und samstags von 12 bis 17 Uhr oder nach Absprache offen (www.etris.ch). Auch bei Roots in der Marktgasse oder dem Fair-Fashion-Laden an der Lorrainestrasse 4 findet man in Bern fair und ökologisch produzierte Kleidermarken. (nj)

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