Göttliches Marketing

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann stellt die Fähigkeiten der Werbeabteilung des Christentums infrage.

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Er ist eine Koryphäe der Tarnung. Selbst Grossmeister der Spionage können bloss davon träumen, sich dermassen unauffällig in ihre Umgebung einzufügen, wie dieser Mann es kann. Er ist so unscheinbar, er hätte auf den schaurigsten Schlachtfeldern der Weltgeschichte stehen können, ohne befürchten zu müssen, dass ihm auch nur ein Haar gekrümmt würde. Zwischenzeitlich zweifle ich an seiner Existenz, glaube, er ist eine Ausgeburt meines Einbildungsvermögens. Doch dann gibt es jene raren Tage, an denen ich mich seiner Leibhaftigkeit versichern kann. Wenn die Lichtverhältnisse stimmen und ich meine Sehstärke zur Höchstleistung verpflichte, gelingt es mir, ihn zu sehen. Er erscheint mir immer an Orten mit hohem Fussgängeraufkommen. Dort sitzt er, umgeben von einer Aura der Einsamkeit des Übersehenen. Er tut mir etwas leid. Dabei will er mein Mitleid gar nicht. Im Gegenteil. Er will mir etwas geben. Eine Gratis-Bibel.

Der Gratis-Bibel-Mann hat einen Bart. Dieser ist so lang, als wäre er dazumal von Jesus höchstpersönlich beauftragt worden, hierherzukommen und auszuharren, bis der Berner Bahnhof gebaut wurde, um an diesem dann die Heilige Schrift unter die Leute zu bringen. Wer über die Gabe verfügt, den Gratis-Bibel-Mann sehen zu können, stellt unweigerlich fest: Seine Mission könnte besser laufen. Wieso das so ist? Seine unwillkürliche Veranlagung zur Unscheinbarkeit ist kein Publikumsmagnet. Doch vielleicht befinde ich mich in einem Irrglauben. Vielleicht ist die visuelle Barriere gar nicht der Grund dafür, dass die Menschenmassen am Gratis-Bibel-Mann vorbeiströmen. Vielleicht ist es vielmehr beabsichtigte Ignoranz. Findet die Bevölkerung für das Prinzip des Glaubens etwa keine Verwendung mehr?

Die Bibel ist der Ladenhüter des üppigen Gratisangebots am Berner Bahnhof. Andere Dinge werden den Verteilern regelrecht aus den Händen gerissen. So scheinen die Menschen wesentlich mehr Hoffnung in die erfrischende Erlösung durch gekühlte Süssgetränke zu setzen, als in die Worte dieser Typen aus dem Gratis-Buch. Die Katechismen der Wirtschaft haben jene des christlichen Glaubens längst abgelöst. Das überrascht nicht. Grosskonzerne haben einfach die bessere Marketingabteilung als der Gratis-Bibel-Mann. Das Tischchen mit den alten Schwarten darauf ist einfach nicht mehr zeitgemäss. Will der Gratis-Bibel-Mann verhindern, dass das Christentum in einem Meer von Softdrinks untergeht, sollte er schleunigst etwas ändern.

Es ist ja nicht gänzlich des Gratis-Bibel-Manns Schuld, dass die Popularität des Christentums abnimmt. Dieser Abwärtstrend ist hausgemacht. Was ist bloss aus der erlebnisorientierten Mitmach-Religion von früher geworden? Wo sind nur die Tage geblieben als das Christentum der Abenteuer-club für Gottesfürchtige war, ein ewiges Ferienlager der Frömmigkeit? Soll dem Christentum nicht ein baldiges Grab geschaufelt werden, muss es wieder zum Action-Glauben von damals werden. Die Leute müssen wieder mit den altbewährten Mitteln abgeholt werden. Vielleicht sollte der Gratis-Bibel-Mann einfach wieder einmal einen ordentlichen Kreuzzug organisieren. Die letzte Inquisition ist auch schon eine Weile her. Und wie viele Hexen es inzwischen geben muss!

Martin Erdmann ist «Bund»-Redaktor, wurde nie getauft und bezieht keine Gelder von Grosskonzernen. (Der Bund)

Erstellt: 28.06.2017, 07:12 Uhr

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