«Fundamentalismus hat in der Seelsorge nichts zu suchen»

Die Uni Bern bietet eine Weiterbildung in Asyl-Seelsorge an, zu der auch Muslime zugelassen werden.

Auch sie haben oft ein Bedürfnis nach Seelsorge: Asylbewerberinnen in einem Bundeszentrum.

Auch sie haben oft ein Bedürfnis nach Seelsorge: Asylbewerberinnen in einem Bundeszentrum. Bild: Alexandra Wey (Symbolbild)/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Beim flüchtigen Blick ins Kursprogramm hat man nicht den Eindruck, dass die neue Seelsorge-Weiterbildung der Uni Bern viel mit dem geistigen Wohl zu tun hat. «Religious Care im Migrationskontext» listet etwa ein Modul in Asylrecht auf oder das Thema Kriterien der Anerkennung als Flüchtling. «Zu einer qualifizierten Seelsorgetätigkeit gehören auch institutionelle und rechtliche Grundlagenkenntnisse», erklärt Isabelle Noth, Direktorin des Instituts für Praktische Theologie, die den ab Sommer angebotenen Studiengang aufbaut.

Neben dem Fokus auf Asylwesen ist an der Weiterbildung vor allem neu, dass erstmals auch Personen ohne abgeschlossenes Theologiestudium zugelassen werden, also auch Muslime, denn ein Theologiestudium für Muslime existiert in der Schweiz noch nicht.

Einer, der sich angemeldet hat, ist Mustafa Memeti. Der Berner Imam arbeitet bereits als Seelsorger im Gefängnis Thorberg. Mit der Weiterbildung will er seinen «Horizont erweitern», wie er sagt. Der Bedarf an muslimischen Seelsorgern sei angesichts der vielen Flüchtlinge aus islamischen Ländern gross. «Christliche Seelsorger finden oft weniger gut Zugang zu Muslimen», argumentiert Memeti. Wenn die Seelsorger Schweizer Muslime seien, könne das zudem verhindern helfen, dass Parallelgesellschaften entstehen, ist er überzeugt.

Eignungstest für Interessierte

Im Kontext des Asylwesens sind laut Isabelle Noth Traumata die grössten Herausforderungen. «Menschen, die mit Kriegs- und Fluchttraumata in die Schweiz kommen, brauchen besondere Aufmerksamkeit.» Seelsorge könne keinesfalls eine psychotherapeutische Behandlung ersetzen, betont die Theologin und Religionspsychologin. «Für Menschen aus Afrika oder Asien spielt der Glaube aber oft eine sehr grosse Rolle.» Diese Ressource zu stärken, könne helfen, Traumata zu überwinden.

Der Befürchtung, wonach muslimische Seelsorger Radikalisierungsabsichten verfolgten, werde Rechnung getragen, sagt Noth. «Fundamentalismus hat in der Seelsorge nichts zu suchen.» Zugelassen werden an der Weiterbildung nur Personen, die bereits seelsorgerisch tätig sind. Zudem müssen sie einen – wissenschaftlich entwickelten – Eignungstest bestehen, der radikale Tendenzen aufdecken soll.

«Angesichts gewisser Erfahrungen in Deutschland und der Diskussionen um jihadistische Radikalisierungen in Gefängnissen achten wir darauf, dass Seelsorge nicht für sachfremde Absichten missbraucht wird.» Wer sich bereits für die Weiterbildung angemeldet hat, will Noth erst nach Abschluss der Assessments sagen. In der muslimischen Gemeinde stosse das Angebot, das nicht zuletzt von islamischer Seite selbst immer wieder gewünscht worden sei, auf Interesse.

Offen ist allerdings, wo die geschulten muslimischen Seelsorgerinnen und Seelsorger arbeiten werden. In den vom Bund betriebenen Zentren sind laut Staatssekretariat für Migration (SEM) nur von den Landeskirchen akkreditierte, also jüdische und christliche Seelsorgende, zugelassen. Ausnahme ist das Bundesasylzentrum Zürich, wo seit Juli 2016 ein Pilotprojekt läuft.

Erste Erfahrungen daraus und ob eine Ausweitung auf andere Zentren möglich ist, kommuniziert das SEM allerdings noch nicht. Man werde erst informieren, wenn im September dieses Jahres der Schlussbericht vorliege, so Sprecher Martin Reichlin.

Muslimische Seelsorger möglich

Völlig abwegig ist der erweiterte Einsatz von muslimischen Seelsorgenden aber nicht: Just der Schweizerische Evangelische Kirchenbund, der beim SEM die Seelsorge mitorganisiert, ist mit der Idee für den neuen Studiengang an Noth herangetreten. Das Berner Migrationsdienst (Midi) verweist beim Thema Seelsorge auf die Betreiber-Organisationen der Asylzentren.

Eine davon ist die Heilsarmee, die etwa das Renferhaus und das Zentrum Viktoria in der Stadt Bern betreibt. Für eine vertiefte seelsorgerische Weiterbildung punkto Asylwesen bestehe «auf jeden Fall» ein Bedarf, sagt Daniel Röthlisberger, Leiter Sozialwerk bei der Heilsarmee. Grundsätzlich sei es auch denkbar, Zugang zu muslimischer Seelsorge anzubieten. Es komme allerdings darauf an, wie dieser Zugang aussehe. «Seelsorge muss in geschütztem Rahmen stattfinden – ausserhalb der Asylzentren.» Auch für die Zentrumsbetreiberin ORS ist klar, dass Seelsorge, egal welcher Religion, ausserhalb der Zentren stattfinden müsse, wie ORS-Sprecherin Simona Gambini auf Anfrage sagt. (Der Bund)

Erstellt: 11.01.2017, 06:34 Uhr

Artikel zum Thema

«Seelsorge lässt sich nicht immer genau quantifizieren»

Interview Regierungsrat und Kirchendirektor Christoph Neuhaus verteidigt das neue Kirchengesetz. Man sei einen pragmatischen Weg gegangen – einen bernischen eben. Mehr...

Gratis-Seelsorge 
auch für Atheisten

Leitartikel Wenn der Staat an der Beziehung zu seinen Kirchen arbeitet, könnte das weit führen – wenn es nur nicht so schwierig wäre. Mehr...

«Grenzverletzungen passieren in der Seelsorge zum Teil sehr subtil»

Interview Isabelle Noth, Professorin für Seelsorge, fordert im Kampf gegen sexuellen Missbrauch besser ausgebildete Priester. Mehr...

Paid Post

Tierisch viele Angebote

Die Berner Publikumsmesse BEA präsentiert vom 28. April bis 7. Mai 2017 die ganze Fülle von Trends und Traditionen.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder … und dann kam Alex

KulturStattBern #BernNotBrooklyn Safariversion

Paid Post

Tierisch viele Angebote

Die Berner Publikumsmesse BEA präsentiert vom 28. April bis 7. Mai 2017 die ganze Fülle von Trends und Traditionen.

Die Welt in Bildern

Strassenkunst: Ein übergrosses Graffiti ziert die Wand eines Hochhauses in Berlin (28. April 2017).
(Bild: Felipe Trueba) Mehr...