Ein Neubau soll Rendite bringen

Die Kirchgemeinde Paulus möchte von der «Explosion» der Bodenpreise im Länggassquartier profitieren und Räume zu Marktpreisen vermieten.

Abreissen und neu aufbauen: Die Kirchgemeinde Paulus möchte mit dem Kirchgemeindehaus an der Freiestrasse Geld verdienen.

Abreissen und neu aufbauen: Die Kirchgemeinde Paulus möchte mit dem Kirchgemeindehaus an der Freiestrasse Geld verdienen. Bild: Valérie Chételat

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Den Kirchen geht es wie den Zeitungen: Die Zahl der Kunden ist rückläufig. Verfügte die Evangelisch-reformierte Gesamtkirchgemeinde Bern (GKG) 1990 noch über 84'259 Mitglieder, waren es 2014 noch deren 54'950. Weil mit dem Mitgliedern auch die Mittel schwinden, sah sich die GKG zu drastischen Sparmassnahmen genötigt: Bis Ende 2015 sollten die zwölf Berner Kirchgemeinden deshalb darlegen, wie sie die Hälfte der Betriebs- und Unterhaltskosten ihrer Immobilien einzusparen gedenken.

Der Pfarrer will Ruhe haben

Der Vorschlag der Kirchgemeinde Paulus, den diese am Dienstag öffentlich machte, hat es in sich. Sie möchte das Kirchgemeindehaus an der Freiestrasse im Länggassquartier abreissen und durch einen modernen Neubau ersetzen. Im «Haus des Quartiers», wie die Kirchgemeinde Paulus das Projekt nennt, soll es Wohnungen geben, aber auch Räume, die von verschiedenen Vereinen genutzt werden können.

«Die Raum- und Bodenpreise sind in der Länggasse in den letzten Jahren förmlich explodiert», heisst es dazu im Raumkonzept der Kirchgemeinde Paulus. Durch die «marktgerechte» Vermietung eines Teils der Räume sollen künftig neben dem Kirchgemeindehaus auch der kostenintensive Unterhalt und Betrieb der Pauluskirche gedeckt werden. Ob das Ziel einer Halbierung der Betriebs- und Unterhaltskosten damit erreicht werden kann, sei noch nicht klar, sagt Beatrice Tobler, die Präsidentin der Kirchgemeinde Paulus, auf Anfrage. «Zuerst muss ein Architekt ein konkretes Projekt ausarbeiten, damit diese Frage beantwortet werden kann.»

Doch besteht überhaupt ein Interesse an entsprechenden Räumlichkeiten? Ein Blick auf den Veranstaltungskalender der Kirchgemeinde verheisst nichts Gutes. Der Saal und die vier öffentlich nutzbaren Räume stehen fast immer leer. An guten Tagen finden im Haus drei Veranstaltungen statt, an schlechten keine. «Es stimmt, die Räume sind zu wenig ausgelastet», sagt Tobler.

Dies habe zwei Gründe: Einerseits seien die Räume nicht mehr auf der Höhe der Zeit, was die technische Ausstattung anbelange, und deshalb für Nutzer nicht sehr attraktiv. Andererseits sei die Unterbelegung auch gewollt, weil das Haus sehr ringhörig sei. «Wenn ein Singverein übt, stört das etwa den Pfarrer im angebauten Pfarrhaus», sagt Tobler. Sie sei aber guten Mutes, dass mit einem Neubau nicht nur das Lärmproblem, sondern auch die Unterbelegung behoben werden können. «Wir sind bereits mit mehreren Interessenten für eine Dauermiete im Gespräch.»

Auch Jugendtreff soll bleiben

Neben dem Kirchgemeindehaus und der Pauluskirche verfügt die Kirchgemeinde Paulus über das ehemalige Pfarrhaus an der Neufeldstrasse, wo unter anderem ein Jugendtreff eingemietet ist. «Mit dem Neubau könnten wir unsere Büros von der Neufeldstrasse an die Freiestrasse zügeln, sodass das ehemalige Pfarrhaus gänzlich als ‹Haus der Jugend› genutzt werden kann», sagt Tobler. Aufgeben möchte sie auch dieses Haus nicht.

«Kreativ» und «elegant»

Andreas Hirschi, Präsident des Kleinen Kirchenrats der GKG, schmunzelt, als er auf die Idee der Pauluskirche angesprochen wird. «Sie haben recht, den Aspekt des Verzichts erschliesst sich bei diesem Vorschlag nicht auf den ersten Blick», sagt er. Das spreche aber überhaupt nicht gegen die Idee der Kirchgemeinde Paulus. «Mir gefällt die Idee sehr gut.» Über einen Neubau befände aber letztlich nicht die Kirchgemeinde Paulus, sondern die Gesamtkirchgemeinde Bern.

Auch bei den anderen Kirchgemeinden kommt der Vorschlag gut an. «Kreativ» und «elegant» sind dabei Attribute, die häufig genannt werden. «Es ist ein gutes Beispiel, wie eine Kirchgemeinde aus einer Sparübung etwas Positives machen kann», sagt etwa Johannes Gieschen, der den Kirchgemeinderat Matthäus im Kleinen Kirchenrat vertritt. (Der Bund)

(Erstellt: 07.01.2016, 07:00 Uhr)

Strukturdialog

Fusion lässt auf sich warten

Um Geld zu sparen, will die Evangelisch-reformierte Gesamtkirchgemeinde Bern (GKG) nicht nur Immobilien aus dem Portfolio streichen, sondern auch ihre Struktur effizienter gestalten. Oberstes Ziel ist eine Fusion der zwölf Berner Kirchgemeinden. Doch der 2010 gestartete «Strukturdialog» verläuft harzig. Nun sei dieser aber «auf gutem Weg», sagt Johannes Grieschen, der das zuständige Gremium präsidiert. «Wir gehen davon aus, dass wir den Zeitplan einhalten können und dem Grossen Kirchgemeinderat bis März 2017 eine Vorlage vorlegen können.»

Ob es dann tatsächlich zu einer grossen Fusion kommt, ist aber fraglich. «Denkbar ist auch, dass sich einzelne Kirchgemeinden weigern, dem neuen Gebilde beizutreten», sagt Andreas Hirschi, Präsident des Kleinen Kirchenrats der GKG. Aktuell sei man am Abklären, ob man Abweichler auch «zu ihrem Glück zwingen» dürfe. (chl)

Immobilienreduktion

Sparziel noch nicht erreicht

Die zwölf Berner Kirchgemeinden hatten bis Ende 2015 Zeit, um aufzuzeigen, wie sie die Betriebs- und Unterhaltskosten ihrer Immobilien reduzieren wollen. Zwar seien die meisten Gemeinden bereit, einzelne Immobilien gänzlich aufzugeben, die nötige Reduktion der Betriebs- und Unterhaltskosten um die Hälfte liesse sich damit aber noch nicht erreichen, sagt Andreas Hirschi, der Präsident des Kleinen Kirchenrats. «Nach einer ersten Schätzung können wir mit den bisher erfolgten Verzichtserklärungen nur etwa die Hälfte der geforderten 5,5 Millionen Franken einsparen.»

Welche Gebäude genau verkauft werden sollen, will Hirschi zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht sagen. Bereits bekannt ist, dass das Gemeindehaus Burgfeld der Kirchgemeinde Nydegg an die Stadt Bern verkauft wurde. Für das kirchliche Zentrum «Chleehus» der Kirchgemeinde Bümpliz laufen zudem Kaufverhandlungen. (chl)

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