Die Stadt macht Privaten Bauland auf dem Viererfeld streitig

Finanzdirektor Aebersold ortet Nachholbedarf beim sozialen Wohnungsbau. Das nächste städtische Grossprojekt soll auf dem Viererfeld entstehen.

Die Siedlung Stöckacker-Süd soll als Vorbild für künftige städtische Bauprojekte dienen.

Die Siedlung Stöckacker-Süd soll als Vorbild für künftige städtische Bauprojekte dienen. Bild: Adrian Moser

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Die Mieten in der Stadt Bern sind hoch. Gerade Geringverdiener bleiben bei der Wohnungssuche häufig auf der Strecke – und müssen auf Agglomerationsgemeinden ausweichen. Die Stadtbehörden versuchen, mittels subventionierter Wohnungen eine soziale Durchmischung zu erhalten. Bisher mit wenig Erfolg: Statt der angestrebten 1000 vergünstigten Wohnungen subventioniert die Stadt derzeit knapp 500 Mietverträge. In den Worten von Gemeinderat Michael Aebersold (SP): «Es besteht Nachholbedarf.»

Der Finanzdirektor war zu den Gemeinderatswahlen mit dem Versprechen angetreten, eine Wohnoffensive zu lancieren. Nun macht er ernst. Unter seiner Ägide hat der städtische Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik bereits beschlossen, an der Attinghausenstrasse im Breitenrainquartier Sozialwohnungen einzurichten. Das nächste städtische Grossprojekt mit Neubauwohnungen soll aber auf dem Viererfeld entstehen. «Ich möchte, dass die Stadt 25 Prozent des Areals selber überbaut», sagt Aebersold. Das Gleiche schwebt ihm auf dem Gaswerkareal vor.

Dass die Stadt selber als Bauherrin auftritt, ist kein Novum. Aktuell befindet sich etwa die Siedlung Stöckacker-Süd unter städtischer Bauherrschaft in der Realisierungsphase. Bei den letzten grösseren Bauprojekten, etwa den Überbauungen Burgernziel und Warmbächli, zog es die Stadt aber vor, das Land im Baurecht an Genossenschaften und private Investoren abzugeben.

Für Private bleibt weniger Land

Die Pläne das Viererfeld betreffend sind noch aus einem anderen Grund bemerkenswert: Die Stadtwohnungen sollen auf Kosten des Anteils der Privaten gehen. «Mir schwebt eine Aufteilung von 50 Prozent für Genossenschaften, 25 Prozent für private Investoren und 25 Prozent für die Stadt vor», sagt Aebersold. Als das Volk im Juni 2016 über den Zonenplan Viererfeld befand, war noch die Rede von einem Genossenschaftsanteil von 50 Prozent – der Rest sollte an private Investoren gehen. Die Bürgerlichen hätten es bereits damals lieber gesehen, dass private Investoren ein grösseres Stück der verfügbaren Fläche erhalten hätten. Sie forderten, dass lediglich das obligatorische Drittel des Areals von gemeinnützigen Investoren bebaut werden soll. Allerdings: In der Volksabstimmung ging es um die Einzonung – über das konkrete Bauprojekt und über die Abgabe des Areals an Investoren können die Stimmberechtigten zu einem späteren Zeitpunkt befinden.

Stadt baut auch teure Wohnungen

Wenn die Stadt baut, entstehen aber nicht nur Sozialwohnungen. In der Siedlung Stöckacker-Süd, welche laut Aebersold auch für allfällige städtische Überbauungen auf dem Viererfeld und dem Gaswerkareal als Vorbild dienen soll, finden sich Wohnungen für verschiedene soziale Schichten. Neben den eigentlichen Sozialwohnungen baute und baut die Stadt auch günstige Wohnungen, die zwar nicht subventioniert, aber auch nicht zu marktüblichen Mieten vergeben werden. Zudem sorgen sogenannte Townhouses dafür, dass auch Gutverdiener im Stöckacker eine passende Bleibe finden: Für eine 3,5-Zimmer-Wohnung in einem Townhouse müssen Mieter monatlich bis zu 2567 Franken bezahlen. Normale 3,5-Zimmer-Wohnungen sind in der Siedlung schon für rund 1420 Franken (brutto) zu haben. Noch günstiger sind Alterswohnungen für Rentnerinnen und Rentner mit Anspruch auf Ergänzungsleistungen.

Dass die Stadt auch teure Wohnungen baut, welche eigentlich der Markt selber zur Verfügung stellen kann, erklärt Aebersold mit der angestrebten «sozialen Durchmischung». Zudem böten gehobenere Wohnungen zu Marktmieten auch die Möglichkeit einer Quersubventionierung von Sozialwohnungen. «Es kann nicht sein, dass die Privaten die Gewinne einstreichen und die Stadt mit Steuergeldern für die günstigen Wohnungen aufkommen muss.»

«Es kann nicht sein, dass nur Private die Gewinne einstreichen.»SP-Gemeinderat Michael Aebersold

Stadträtin Regula Tschanz (GB) begrüsst es, dass die Stadt künftig wieder vermehrt selber bauen will. Dabei stellt sie den Bedarf an Sozialwohnungen in den Vordergrund. «Wir sind noch meilenweit davon entfernt, genug subventionierte Wohnungen anzubieten», sagt sie. Dass bei den städtischen Bauprojekten auch vereinzelt teure Wohnungen realisiert würden, sei in Ordnung, solange die grosse Mehrheit im preisgünstigen oder subventionierten Bereich liege.

Bei den Bürgerlichen kommen die Pläne erwartungsgemäss schlecht an. Adrian Haas, FDP-Grossrat und Präsident des Hauseigentümerverbands Bern und Umgebung, übt generelle Kritik an der «Objektfinanzierung», also an Subventionen, die an Wohnungen und nicht an Personen gebunden sind. Sozialpolitisch sei es intelligenter, so Haas, wenn Bedürftige unabhängig der Wohnung mit einem Zuschuss unterstützt würden. «Dann wäre es auch überflüssig, dass die Stadt selber Wohnungen baut.»

Auch SVP-Stadtrat Rudolf Friedli hält Wohnungsbau für eine Sache, die Private erledigen sollten. Wenn die Stadt mehr günstige Wohnungen wolle, solle sie den Investoren weniger Vorschriften machen, sagt er. «All die Bestimmungen bezüglich Umweltschutz und maximaler Geschosszahlen verteuern das Bauen massiv.» (Der Bund)

Erstellt: 21.04.2017, 06:49 Uhr

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