Die Eiche aus der Urzeit

Vier Studierende der Universität Bern haben im Grossen Moos den Stamm einer Eiche aus der Mittelsteinzeit ausgegraben. Das rund 9500 Jahre alte Holz soll später für Möbel oder Schmuck verwendet werden.

Johannes Jud (links) und Tobias Wechsler mit den wohl ältesten Eichenbrettern der Schweiz.

Johannes Jud (links) und Tobias Wechsler mit den wohl ältesten Eichenbrettern der Schweiz. Bild: Adrian Moser

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Es war ein Zufallsfund: Bei Witzwil im Grossen Moos, in der Nähe der Strafanstalt, erstellte der Kanton Bern ein Bodenprofil. Dabei wurde in einer Tiefe von rund 1,5 bis 2 Metern im Juli 2015 ein Baumstamm entdeckt, eine Eiche. Mario Bernhard, Mirjam Lazzini, Johannes Jud und Tobias Wechsler, vier Studierende des Geographischen Instituts an der Universität Bern, waren fasziniert vom Fund. Wie alt mochte der Baum sein? «Wir dachten zuerst an 4000 oder 5000 Jahre, wie man es von anderen Mooreichen aus dieser Region kennt», sagt Wechsler. «Wir wollten versuchen, die Geschichte des Baumes wissenschaftlich zu rekonstruieren», erklärt Jud.

Eine Mooreiche ist eine Eiche, die über einen langen Zeitraum, über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende hinweg im Boden erhalten geblieben ist – luftdicht abgeschlossen, vor aktiven Bodenorganismen und damit Verfall geschützt. Wechsler zeigt ein Stück des Stammes, getrocknet auf einem Radiator, etwa halb so gross wie eine Handfläche. Es ist dunkel, fast schwarz, hart und fühlt sich rau an. Das im Boden konservierte Holz verfärbt sich dunkel und wird sehr hart, weil sich die Gerbsäure der Eiche mit den Eisensalzen des Wassers verbindet.

Bevor sich die Studierenden an die wissenschaftliche Aufarbeitung machen konnten, musste der etwa 4 Meter lange und 40 Zentimeter dicke Stamm mithilfe eines Baggers und eines Traktors aus dem Boden gezogen werden – eine aufwendige und komplizierte Angelegenheit, die nur dank dem Fingerspitzengefühl des Baggerfahrers gelang.

Die Eiche in der Grube (Bild: zvg).

Datierung mit der C14-Methode

Die Untersuchungen zeigten, dass die Eiche doppelt so alt sein muss wie zuerst angenommen – rund 9500 Jahre. Das war eine grosse Überraschung für die Studierenden. Die letzte Eiszeit war vorbei, die Gletscher befanden sich auf dem Rückzug, als die Eiche von Sedimenten eingeschlossen wurde – es muss etwa 7500 Jahre vor Christus geschehen sein. Die Menschen lebten als Jäger, Fischer und Sammler an Gewässern oder suchten Schutz in Höhlen. Es sollten aber noch einmal mehrere Tausend Jahre bis zu den ersten Pfahlbauern verstreichen. Am Moossee wurde 2011 ein Einbaum aus dem Boden gezogen, dessen Alter auf 6500 Jahre geschätzt wird. Es ist der älteste Einbaum der Schweiz.

Die Datierung der Eiche erfolgte mithilfe der C14-Methode und durch eine Pollenanalyse. Die Zuordnung aufgrund der Dendrochronologie, also durch die Abstände zwischen den Jahrringen des Baumes, gelang nicht, wie Wechsler erzählt. «Die im Kanton Bern vorhandenen Referenzobjekte reichen zeitlich noch nicht so weit zurück.» Vielleicht könne dies später noch mit Tabellen aus Süddeutschland abgeglichen werden, hoffen die Studierenden.

Die C14-Methode, dabei wird der Gehalt des radioaktiven Isotops gemessen, ergab ein Alter von rund 9500 Jahren. Bei den Sedimentproben wurde eine ähnliche Verteilung wie bei einem Pollendiagramm aus dem Lobsigensee am Frienisberg festgestellt. Die Resultate deuteten auf ein Alter zwischen 8500 und 11 000 Jahren hin. Dass Urzeitbäume aus Schlamm und Morast auftauchen, ist nicht ungewöhnlich. Im Zürcher Binz-Quartier wurden 2013 bei Bauarbeiten 250 Baumstrünke von subfossilen Kiefern aus dem Boden geholt, ein halber Wald. Das Alter der Bäume wurde mit der C14-Methode auf zwischen 12 850 und 13 900 Jahre bestimmt. Eichenwälder gab es zu dieser Zeit noch nicht.

Wo stand der Baum ursprünglich?

Die Eiche wies 226 Jahrringe auf, da aber die äusserste Schicht des Baumes abgefallen ist, dürfte der Baum zur Zeit seines Absterbens noch bis zu 50 Jahre älter gewesen sein. Sehr wahrscheinlich wuchs die Eiche nicht beim Fundort am Rande des heutigen Neuenburgersees, denn Spuren von Ästen wurden keine gefunden. Wie die Eiche dorthin gelangte, ist unklar. «Es gibt verschiedene Szenarien», sagt Wechsler. Der Baum könnte am Mont Vully gewachsen sein oder auch vom Jurasüdfuss stammen und in den See geschwemmt worden sein. Denkbar ist auch ein Standort im Einzugsgebiet der Aare, die bei Aarberg die Richtung änderte und über einen grossen Schwemmfächer teilweise in den damaligen See floss, der vielleicht die ganze Region umfasste. «Das Gewässernetz unterschied sich stark von der heutigen Situation.» Es sei darum schwierig, die Herkunft des Baumes genauer bestimmen zu können, so Wechsler.

Trocknungsprozess dauert Jahre

Bei ihrem Projekt konnten die vier Studierenden auf grosse Hilfsbereitschaft zählen, von der Fachstelle für Bodenschutz über den Archäologischen Dienst des Kantons Bern bis zu zahlreichen Forschenden der Universität Bern und der WSL (Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft), welche die Untersuchungen durchführten. «Das entspricht dem Idealfall», sagt Wechsler. So sei es gelungen, die Erkenntnisse zu verknüpfen. Ein Glückstreffer war auch der Holzfachmann, der bereits Erfahrungen im Zersägen von Mooreichen gesammelt hatte. «Er hatte Freude an diesem Holz und hat sich viel Zeit genommen», sagt Jud. Der Trocknungsprozess sei «diffizil». Das Holz könne sich leicht spalten. Diese Gefahr wäre viel grösser gewesen, wenn der Baum nicht in 6 Zentimeter dicke Bretter zersägt, sondern an einem Stück belassen worden wäre.

Das Holz, das in einer Scheune in Büren zum Hof gelagert wird, kann für zahlreiche Zwecke verwendet werden: Möbel, Schmuckstücke, Brillengestelle oder auch Souvenirs. Von den Studenten ist Geduld gefragt, denn die Trocknung nimmt viel Zeit in Anspruch. «Das Holz ist mit Wasser gesättigt, es wird etwa drei bis fünf Jahre dauern, bis es trocken ist und weiterverarbeitet werden kann», sagt Tobias Wechsler. Aber seit dem Fund der Eiche denken die Studierenden in anderen Zeiträumen. (Der Bund)

Erstellt: 16.01.2017, 06:52 Uhr

Altersbestimmung

Bei der Altersbestimmung von Bäumen ist die Dendrochronologie ein weit verbreitetes und kostengünstiges Verfahren. Ab 50 erhaltenen Jahren besteht eine grosse Chance, dass die Sequenz in einer Referenzchronologie gefunden und damit das Alter bestimmt werden kann. Baumstämme, die Jahrtausende in Mooren oder in Kiesschichten überdauert haben, werden zu eigentlichen Archiven der Zeitgeschichte. Bei der C14-Methode wird die Altersbestimmung aufgrund der Konzentration von C14-Isotopen im Material vorgenommen. Das Verfahren ist auch als Radiokarbonmethode bekannt. Es beruht darauf, dass die C14-Atome in abgestorbenen Organismen mit der Zeit abnehmen. Pollenanalysen werden zur Verifizierung und Plausibilisierung von Altersbestimmungen verwendet. (wal)

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