Des Beizenkönigs Neuste

Die Testesserin kann sich im Ristorante Ambiente fast nicht entscheiden. Liegt das an der Generation, der sie angehört?

Im Restaurant Ambiente dominiert auch im Winter mediterrane Ambience.

Im Restaurant Ambiente dominiert auch im Winter mediterrane Ambience. Bild: zvg

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Erst musste man gut zwei Jahre warten, bis das Restaurantlokal an der Berner Bühlstrasse nach dem «Paprika» wiederbelebt wurde. Nun muss sich die Kellnerin gedulden. Denn die Testesser können sich trotz (oder wegen?) dem eigentlich typisch breiten italienischen Angebot nicht auf eine repräsentative Auswahl an Gerichten einigen. Blattsalat: Ist das aussagekräftig? Tomaten im Winter? Oder doch mit Wachteleiern oder gratinierten Escargots beginnen?

Auch bei den Hauptgängen fällt die Wahl nicht leichter. Sicher ist nur, dass wir eine Pizza aus dem Holzofen bestellen werden. Ansonsten bleibt die Frage: Pasta, also Tagliatelle, Strozzapreti, Penne, Spaghetti oder Tortelloni – oder doch etwas aus dem speziell angebotenen «Gnocchi Festival»? Oder lieber Risotto, Fisch- oder Fleischgerichte, darunter drei Cordon-bleu-Varianten?

Uff – wäre am Ende ein Fondue chinoise die einfachste Entscheidung? Vielleicht täte es auch anstelle eines «Aufgetischt» ein hobbypsychologischer Artikel über die «Generation Y» und ihre Entscheidungsnöte. Aber zurück zum Bestellen.

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Wir lassen uns erst einen Apéro vorschlagen (entscheiden können wir grad eben nicht so gut): kurzerhand stehen dann ein feiner Prosecco (Fr. 8.50) und ein Martini Orange (Fr. 8.30) auf dem Tisch. Das verhilft zu einem Bauchentscheid für eine zu suppenlastige Vorspeise. Wir probieren eine «Frische Meeresfrüchtesuppe» (Fr. 10.50) mit gehörig Rahm, Safran und Kalmar, Muscheln und Crevetten. Die typische Wintersuppe «Minestrone alla casalinga» (Fr. 9.80) ist trotz Pasta und Kartoffeln mehr eine Gemüsesuppe auf Bouillonbasis denn eine Minestrone – die wichtigen Borlottibohnen sucht man aber vergebens. Dazu gibt es Primitivo (1dl/Fr. 6.50).

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Zeit also für einen Rundblick: Viele exotische Pflänzchen schirmen die gut auseinanderplatzierten Tische voneinander ab. Wir sitzen im hinteren Teil des Ristorante, das innen wie aussen über mehr als hundert Plätze verfügt. Das seit anderthalb Monaten geöffnete Lokal ist gut besucht unter der Woche, laute und fröhliche Stimmen füllen den Raum, dennoch muss man sich nicht anbrüllen.

Der Chef persönlich kommt an den Tisch und sitzt danach in aufgeräumter Runde nebenan. Es handelt sich um Isni Jemini, der oft als «Beizenkönig» betitelt wird. 1984 kam er aus Kosovo in die Schweiz und hat sich vom Laufburschen zum Pächter etlicher Restaurants zwischen Thun und Biel gemacht. In Kosovo hat er eine Mall und mehrere Eigentumswohnungen erbaut.

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Beim Hauptgang haben wir uns zu mehr repräsentativer Diversität durchgerungen. Die etwas ausgefallene «Pizza Inferno» (Fr. 22.20) kombiniert Maiskörnchen zu scharfer Salami, Peperoncini und Gorgonzola. Warum eigentlich nicht – wir lassen uns vom Geschmack und dem sehr guten und luftigen Pizzateig überzeugen.

Vielleicht trumpft das Ristorante Ambiente tatsächlich mehr mit dem nicht allzu Traditionellen und den Pizzen. Denn leider ist auch das «Saltimbocca alla Romana» (Fr. 36.80) nicht über alle Zweifel erhaben, und zur Fleischherkunft findet man keine Hinweise. Das Verhältnis von Fleisch zu Gemüse könnte ausgeglichener sein.

Die drei Kalbsschnitzel an überzeugender Marsalasauce sind dank dem Parmaschinken gut gesalzen. Dem Safranrisotto aber hätte etwas weniger Zeit auf dem Herd gutgetan und das weich gegarte Gemüse ist kaum gewürzt. Ein Tiramisù (Fr. 9.50) macht schliesslich den selbst gewählten Dreigänger komplett. Beim Dessert erweisen sich der gehaltvolle Grappa Moscato (Fr. 8.50) und der stark duftende Espresso als beste Entscheidung. Geht doch. (Der Bund)

Erstellt: 11.02.2017, 09:34 Uhr

Die Rechnung, bitte

Karte: Pasta in mehreren Varianten, Pizzen aus dem Holzofen und viele Fleischmenüs.

Preise: Durchschnittlich, Pizza bis Fr. 25.–, Fleisch bis Fr. 42.–, Kindermenüs Fr. 5.– (bis 12 Jahre).
Kundschaft: Arbeitende aus der Umgebung bei der Feierabend-Pizza, Freunde des Chefs.

Öffnungszeiten: Mo–Sa, 10–22.30 Uhr. Sonntag geschlossen.

Adresse: Bühlstrasse 5, 3012 Bern,
info@ambiente-bern.ch, Tel. 031 994 46 46,
www.ambiente-bern.ch.

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