«Der Kolonialismus hat nie aufgehört»

Wilfried N’Sondé, Schriftsteller und Gastprofessor an der Universität Bern, über den Heiligen Geist, das Ende der Arbeit und die «Produktion» von Armut.

Bild: Adrian Moser

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Herr N’Sondé, Sie sind im Kongo-Brazzaville geboren und am Rand von Paris aufgewachsen. Sie haben 24 Jahre in Berlin gelebt und leben wieder in Paris. Woher sind Sie?
Man kommt nicht von einem Ort, das ist ein mentales Konstrukt. Komme ich aus Bern, weil ich zurzeit hier wohne? Oder aus Berlin, weil ich 24 Jahre da gelebt habe? Das Einzige, was klar ist: Ich komme aus dem Bauch meiner Mutter.

In welcher Sprache denken Sie?
Jetzt gerade denke ich auf Deutsch. Wenn ich schreibe, denke ich auf Französisch. Im Sommer war ich vier Tage in einem Kloster in Südfrankreich, wo Stille die Regel war. Ich habe mit den Mönchen gegessen und gearbeitet. Wir haben ohne Sprache kommuniziert. Das funktionierte ganz gut.

Sie mussten sich aber bloss über alltägliche Dinge verständigen und nicht über Gott und die Welt.
Das stimmt. Aber ich habe festgestellt, dass man auch existieren kann, ohne sich über solche Dinge zu unterhalten. So wichtig ist das nicht. Die Mönche leben ein Leben, ohne sich gross über Politik, Liebe oder Literatur zu unterhalten. Sie meditieren und arbeiten.

Wichtig für einen Mönch ist aber die Beziehung zu Gott. War das auch Ihr Ziel?
Wenn man vier Tage schweigt, stellt sich die Frage nach Gott automatisch.

Haben Sie eine Antwort gefunden?
Ich habe viele Fragen gefunden. Und das Konzept des Heiligen Geistes. Das ist interessant, weil es nicht menschlich ist. Weil er etwas zwischen den Menschen ist?
Zwischen oder über – er ist jedenfalls nicht menschlich. In der Bibel ist der Heilige Geist manchmal ein Wind. Damit kann ich mich anfreunden, dass er überall ist.

In Ihren Romanen spielt Religion keine grosse Rolle.
Religion spielt keine Rolle, aber Spiritualität als Kult der Ahnen und Geister. Religion ist eine Massenbewegung. Spiritualität ist intim. Der Heilige Geist ist Spiritualität, ist etwas, das man spürt. Da braucht es keine Riten, Gebetsstätten oder Priester.

Kamen Sie über Ihre Eltern mit der Spiritualität in Kontakt?
Meine Mutter ist katholisch, mein Vater war Maoist. Ich habe keine religiöse Erziehung genossen. Aber wenn man eine katholische Mutter hat, kriegt man entsprechende moralische Vorstellungen und Werte unweigerlich mit. Im Kongo-Brazzaville ist es zudem so, dass Christen und Muslime nur tagsüber solche sind. Nachts sind sie wieder bei den Geistern, wo sie Sinn suchen und finden. Diese Spiritualität habe ich mitgekriegt. Ich unterhalte mich mit den toten Ahnen, selbst wenn ich in Bern bin.

Im Alter von vier Jahren zogen Sie mit den Eltern nach Paris, wo Sie in einem Vorort aufwuchsen. Dort war die Spiritualität wohl weit weg?
Nein. Spiritualität ist überall da, wo menschliche Wesen sind.

In Ihren Romanen schildern Sie aber eine harte Welt in Paris oder Berlin, geprägt durch Gewalt und Rechtsextremismus.
Die Welt ist hart. Diskriminierung von Frauen zum Beispiel gibt es überall. Alle drei Tage wird in Frankreich eine Frau von ihrem Ehemann ermordet.

Die harte Welt Ihrer Jugendjahre war die Banlieue. Warum mögen Sie diesen Begriff nicht?
Der Begriff ist nicht präzis genug. Über neun von zwölf Millionen Menschen im Raum Paris leben in der Banlieue. Man spricht von Banlieue anstatt von armen Quartieren mit Migrationsbevölkerung. Die Politik und die Medien benutzen unpräzise Wörter, weil die Zeit zur Klärung der Begriffe fehlt. Wenn jemand unpräzise Begriffe verwendet, weiss man aber nicht, wovon er spricht.

Der Begriff Banlieue weckt Assoziationen wie Armut, Unruhe, Krawall und jugendliche Banden.
Das gibt es alles. Aber es ist bloss ein kleiner Aspekt. In der Banlieue leben auch alte Menschen und Familien.

In Ihrem Roman «Das Herz der Leopardenkinder» kommt aber eine jugendliche Bande aus der Banlieue vor. Einer landet in der Psychiatrie, der andere im Islamismus.
Das sind exemplarische Figuren. In den psychiatrischen Kliniken Frankreichs gibt es eine Überrepräsentation männlicher Jugendlicher afrikanischen Ursprungs. Die Probleme in den armen Quartieren haben auch psychologische Konsequenzen. Als ich das Buch vor über zehn Jahren geschrieben habe, gab es noch kein Problem mit dem Islamismus in Frankreich.

Trotzdem gibt es darin eine Figur, die Islamist wird.
Man hat mir gesagt, diese Figur sei übertrieben. Jetzt ist daraus Realität geworden. Die Situation in den armen Quartieren hat tatsächlich zu einem Erstarken des Islamismus geführt.

Was müsste dagegen unternommen werden?
Zuerst muss man die Probleme beim Namen nennen. Im Jahr 2005 gab es zehn Tage lang Unruhen in den armen Quartieren. Die Zeitungen schrieben in der Folge über die Probleme der Migrationsbevölkerung in den armen Quartieren. Spätere Forschungen haben aber ergeben, dass es vor allem um junge Männer zwischen 14 und 19 Jahren ging, 90 Prozent davon Franzosen. Es war also kein Problem der Migration oder Integration, sondern ein geschlechtsspezifisches Problem junger französischer Männer. Die Attentäter von Paris haben aber Migrationshintergrund, stammen aus armen Vorstadtquartieren und wurden sehr rasch radikalisiert.
Der republikanische Präsidentschaftskandidat François Fillon hat in den Vorwahlen gesagt, es gebe keine Diversität in Frankreich. Was heisst das für mich? Ich bin Franzose afrikanischen Ursprungs. Meine Identität wird von ihm nicht anerkannt. Als ich neulich den Personalausweis erneuern wollte, fragte mich ein junger Polizist, ob ich Franzose sei. Ich bin 48-jährig und konnte das einordnen. Aber wenn ich 19 Jahre alt bin und meine Identität von der Autorität infrage gestellt wird, kann ich mich leicht radikalisieren. Ich gehe auf die Suche nach jemandem, der mich haben will. Die islamistischen Prediger haben es leicht in Frankreich. Welche Rolle spielt die hohe Arbeitslosigkeit junger Leute?
Westeuropa hat ein Problem: Das System funktioniert auch dann, wenn zehn Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung nicht arbeiten. Im Hafen von Hamburg brauchte man vor dreissig Jahren 5000 Angestellte, jetzt noch fünfzehn. Aber oft werden diejenigen als «Nutzniesser des Systems» kritisiert, die nicht mehr gebraucht werden.

Fillons Konkurrentin Marine Le Pen sagt nicht nur, es gebe keine Diversität, sie sagt: «Die Franzosen zuerst.»
Frau Le Pen ist schlau. Sie sagt nicht, dunkelhäutige oder muslimische Franzosen hätten das Nachsehen. Aber viele verstehen das so.

Hat sie gute Chancen, Präsidentin zu werden?
Sie hat Chancen. Aber das Problem ist ihr Name und ihre Partei. Und der Vater. Er ist unmöglich. Wenn sie einen anderen Namen und eine andere Partei hätte, würde sie gewinnen.

Sie hat sich ja vom Vater distanziert.
Aber der Schatten des Vaters ist zu gross. Das Hauptproblem ist übrigens nicht Le Pen. Das Hauptproblem ist, dass die anderen Parteien nichts anzubieten haben. Sie haben es nicht geschafft, ein Projekt zu entwickeln, das die Leute begeistert.

Aber Fillon versucht ja, den Katholizismus wiederzubeleben.
Da muss man vorsichtig sein: Bisher hat Fillon eine Kampagne für seine Partei gemacht. Das hat zu den republikanischen Vorwahlen gut gepasst. Sein Konkurrent Alain Juppé hat den Fehler gemacht, dass er bereits eine eingemittete Kampagne für die Präsidentenwahlen geführt hat.

Fillon wird sich noch gegen die Mitte öffnen?
Das muss und wird er tun. Auch Trump hat als Erstes Obamacare bestätigt, das er im Wahlkampf noch abschaffen wollte.

Wie müssten die etablierten Parteien auf die Gefahr des Populismus reagieren?
Es braucht eine Neudefinition von Arbeit. Die Welt ändert sich rasant. In Spanien fordert Podemos ein Grundeinkommen. In der Schweiz wurde das Grundeinkommen vom Volk abgelehnt.
Wichtig ist, dass die Frage gestellt wird. Man braucht die Menschen zum Konsumieren, aber nicht zum Arbeiten. Wäre es da nicht sinnvoller, wenn jeder ein bisschen kriegt?

Mit solchen Postulaten gewinnt man aber kaum Wahlen.
Noch nicht. In Frankreich gibt es zehn Prozent strukturelle Arbeitslosigkeit seit bald vierzig Jahren. Da muss man grundsätzliche Fragen über den Stellenwert der Arbeit in der Gesellschaft stellen.

Die Zeit dafür ist offenbar noch nicht reif. Die Flüchtlingswelle hat den Wandel der Gesellschaft aus den Schlagzeilen aber verdrängt.
Die Migrationswelle nach Deutschland hat ab 1989 eingesetzt und nicht erst im letzten Jahr. Deutschland ist überaltert. Von 1989 bis 2000 sind 300 000 Migranten pro Jahr nach Deutschland gekommen. Europa braucht Migranten, deshalb kommen sie. Die Globalisierung existiert aber seit 2000 Jahren und nicht erst seit gestern. Das Römische Reich reichte von Schottland bis in den Sudan und von Spanien bis Syrien. Das war bereits globalisiert.

Viele in Europa haben aber Angst vor den Migrationsströmen.
Das wäre nicht nötig. Europäer sind stolz auf ihre christliche Identität. Aber Jesus ist nicht in Bern geboren, nicht in München und nicht in Paris. Er ist im Mittleren Osten geboren. Wir vergessen oft, dass das Christentum ein Importprodukt ist. Die Europäer haben sich spirituell daran bereichert.

Migranten kommen auch wegen des Elends in ihren Herkunftsländern.
Das weltwirtschaftliche System produziert Armut im Süden. Man müsste sich die Frage stellen, wie man die Migrationsströme an den Quellen stoppen könnte. Die Entwicklungshilfe der letzten fünfzig Jahre ist ein Fiasko. Es braucht eine andere Kooperation zwischen dem Norden und dem Süden.

Warum geschieht nichts?
Sie sind Journalisten. Sie müssen uns das erklären. Die Migranten sind jedenfalls nicht das Problem, sondern das Produkt des Problems. Ich habe noch nie gesehen, dass ein Journalist einen Präsidenten vom Kongo oder Mali gefragt hat, warum dessen Bevölkerung nach Europa flieht. Warum fragt sie keiner?

In Niger hat der Präsident das halbe Land dem französischen Konzern Areva verkauft und die Bevölkerung entrechtet. Sollte man ihn fragen?
Natürlich. Trotzdem werden nur die Migranten aus Niger problematisiert. Das ist doch komisch. Vor drei Jahren fanden die Spiele der Frankofonie in Nizza statt, wo ich in der Literaturjury war. Teilnehmer aus dem Kongo und Kamerun haben zuerst kein Visum bekommen. Dann haben wir mit Streik gedroht, und sie haben eine Einreiseerlaubnis erhalten. Aber vier von fünf Teilnehmern sind gleich am Flughafen in Frankreich verschwunden. Warum fragen die Franzosen ihre kamerunischen Kollegen nicht, was in deren Land los ist, dass so viele fliehen müssen?

In Ihrem Roman kritisieren Sie auch den Fatalismus der Afrikaner stark.
In Brazzaville war ich sehr überrascht über den vielen Dreck und den Müll auf der Strasse. Ich habe gedacht, wenn die Stadt keine Müllabfuhr hat, sollten die Leute das doch selber tun. Wenn es den Entscheidungsträgern egal ist, ob die Menschen im Dreck leben oder nicht, sollte es den Betroffenen doch nicht auch egal sein. Es mag naiv anmuten, aber in Berlin habe ich in der Alternativszene die «Wir machen es selber»-Einstellung erlebt. Dabei lernt man Verantwortung zu übernehmen und wird stark. Es braucht diese Mentalität.

Warum fehlt diese Mentalität? Der Kolonialismus ist sechzig Jahre her.
Der Kolonialismus hat nie aufgehört. Die sogenannte Unabhängigkeit ist der grösste Witz des 20. Jahrhunderts. Neulich konnte ich den Flughafen Brazzaville nicht verlassen, weil es Unruhen gab. Am Flughafen habe ich einen Franzosen in Uniform gesehen. Er hat mir gesagt, er sei da, um Menschen auszubilden. Seit fünfzig Jahren sind die Franzosen dort, um Leute auszubilden. Das ist die sogenannte «Unabhängigkeit»: Es sind Unruhen im Land, aber am Flughafen kontrollieren Franzosen das Geschehen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.12.2016, 08:54 Uhr

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