Der G-Punkt im Gehirn

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler sieht Parallelen zwischen Demonstranten und Veganern.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vier Freunde verabreden sich zum Barbecue. Oder zum Würstlibraten, um es schweizerischer zu sagen. Durch die Veganerszene geht ein Schrei des Entsetzens. Die Fleischlosen rotten sich zusammen unter dem Schlachtruf (ja, Schlachtruf!): Keine Handbreit den Karnivoren! Macht kaputt, was Tiere kaputt macht! Oder so ähnlich. Sie kennen kein Pardon und verwüsten den Grillplatz, denn wenn um die Wahrheit gekämpft wird, darf es keine halben Sachen geben. Die Moral wähnen sie auf ihrer Seite.

Etwa so ist es auch, wenn einige Regierungschefs angesichts der Probleme der Welt das Bedürfnis haben, miteinander zu sprechen. Nicht unter dem steifen Protokoll eines Staatsbesuchs, sondern einfach so. Das nennt sich G-8 oder G-20, und es passiert dasselbe wie beim Grillabend. Es ist, als hätte die Ankündigung mit dem «G» im Namen eine Art G-Punkt in den Gehirnen der Gegner getroffen. Das Treffen muss verhindert werden, coûte que coûte, da die G-Teilnehmer unsympathisch sind. Sie reden über falsche Dinge, und Gescheites kommt dabei nicht heraus.

Während am Schulreislein des Bundesrats das grösste Risiko darin besteht, dass ein Kinderchor beim Auftritt vor den Magistraten den Ton nicht genau trifft, ist es beim G-20-Treffen delikater: Hier sind wirkliche A-Promis – zum Teil hoch umstrittene und gefährdete – auf einem Haufen, teils echte Demokraten, teils nur lupenreine oder gar solche mit einem Hang zu autoritärem Gehabe. Angesichts der Erfahrungen wissen die Sicherheitsverantwortlichen, dass es nicht reicht, einen kurzärmlig gekleideten Wachmann mit einem treuherzig winselnden Schäferhund vor dem Haupteingang zu platzieren. Das volle Programm muss her, im Zweifelsfall lieber zu viel als zu wenig.

Man darf von Anfang an nichts aufkommen lassen. 19'000 Polizisten: Das ist natürlich eine Provokation, ein «Polizeistaat», der Widerstand unausweichlich macht. So kommt es, wie es kommen muss. Brave Gewerbler werden ausgeplündert und bedroht, biedere Kleinwagen abgefackelt. Schönheit muss leiden – und wenn die Tischplatte der Gerechtigkeit gehobelt wird, fallen eben Späne. Wie man hört, waren «unsere» ebenfalls in Hamburg, Reitschülerinnen und Reitschüler. Was sie dort gemacht haben, ist nicht bekannt, und wir wollen ihnen auch nichts unterstellen. Der Termin lag ihnen derart am Herzen, dass die Reitschule vorübergehend Betriebsferien machte.

Waren es die Hunnen, die ihre Nachbarvölker überfielen, selbst aber nie Gefahr liefen, überfallen zu werden, wenn sie nicht «zu Hause» waren, weil die Nachbarn friedlich veranlagt waren? Pardon, das war jetzt ein Gedankensprung. Sicherlich gibt es in Bern Leute, die sich gerne einmal in der leeren Reitschule umgesehen hätten. Dabei hätten sie vielleicht das eine oder andere entdeckt. Doch weil der «Bullenstaat» sich an die Gesetze hält, sah er davon ab. Und wenn der Blitz in die Reitschule eingeschlagen hätte, wäre sogar die Feuerwehr gekommen, nun um so lieber, wenn sie einmal nicht mit Flaschen beworfen wird.

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler hält vieles in der heutigen Welt für kritikwürdig, doch hält er auch bei Kritikern eine gewisse Mindestqualität für unabdingbar. (Der Bund)

Erstellt: 12.07.2017, 07:12 Uhr

Artikel zum Thema

Auf zu neuen Ufern!

Kolumne «Poller»-Kolumnist Martin Erdmann erklärt, wieso nur der Kolonialismus Bern vor dem Zerfall retten kann. Mehr...

Göttliches Marketing

Kolumne «Poller»-Kolumnist Martin Erdmann stellt die Fähigkeiten der Werbeabteilung des Christentums infrage. Mehr...

Der Deitsch schwetzt

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler ist überrascht vom amerikanischen Schweizerdeutsch. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Loswerden

Mamablog Wie viel Nacktheit darf sein?

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Ein kleines Kunstwerk: Webervögel bauen ein Nest auf einem Bambusbaum in Lalitpur, Nepal.
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...