«Das hat aus meiner Sicht überhaupt nichts mit Religion zu tun»

Ist da ein Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und kulturellem Hintergrund? Nein, sagt Gerda Hauck.

Die Bewährungshilfe Bern will gewalttätigen Männern helfen. Ob ein Kurs dem verurteilten Iraker genützt hätte?

Die Bewährungshilfe Bern will gewalttätigen Männern helfen. Ob ein Kurs dem verurteilten Iraker genützt hätte? Bild: Adrian Moser

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Frau Hauck, letzte Woche wurde ein 50-jähriger Mann aus dem Irak zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er hatte in Bern-Bümpliz jahrelang seine Familie terrorisiert und seine Frau wiederholt vergewaltigt. Wie konnte das geschehen?
Häusliche Gewalt hat immer mehrere Ursachen. Persönliche Gründe spielen dabei eine Rolle, ebenso die spezifischen Dispositionen der Betroffenen. Jeder Fall ist einzigartig. Offenbar dauerte es sehr lange, bis eine Unterstützung stattfand. Da müsste man jetzt genauer hinschauen und Fragen stellen.

Haben die Behörden versagt?
Das kann ich so nicht sagen. Aber man müsste schon fragen: Warum hat niemand etwas gemerkt? Warum haben die Ärzte nicht reagiert? Gab es keine Gefährdungsmeldung?

Der Mann sah vor Gericht seine Ehre als Muslim bedroht, die Vergewaltigung war für ihn die Einforderung ehelicher Pflicht. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Religion und Gewalt in der Ehe?
Das hat aus meiner Sicht überhaupt nichts mit Religion zu tun. Er beruft sich vielleicht auf den Islam, aber das ist ein riesiges Missverständnis. Das wird Ihnen jeder islamische Theologe bestätigen.

Religiöse Erziehung hat Ihrer Meinung nach keinen Einfluss?
Das kann einen Einfluss haben, es gibt ja auch christliche Menschen, die Gewalt ausüben. Das Hauptproblem sind die patriarchalen Verhältnisse, und die finden sie überall.

Aber sind in religiösen Gemeinschaften nicht auch die patriarchalen Verhältnisse besonders ausgeprägt?
Ich bin überzeugt, dass es auch in nichtreligiösen Gesellschaften genauso patriarchale Verhältnisse gibt.

Lässt sich nicht sagen, dass Migrantinnen aus muslimischen Ländern überproportional von häuslicher Gewalt betroffen sind?
Das kann ich Ihnen ganz und gar nicht bestätigen. Gewalt in der Familie beschränkt sich nicht auf eine spezifische soziale Schicht und ebenso wenig auf eine bestimmte Religion. Es ist auch grundfalsch, solche Fälle auf kulturelle Herkunft zu reduzieren. Das ist ein Abwehrmechanismus. Damit will man sich der Verantwortung entziehen.

Was ist mit Menschen, welche aus Ländern kommen, in welchen häusliche Gewalt nicht strafbar ist?
Diese Menschen müssen in geeigneter Form und früh genug über ihre Rechte und Pflichten informiert werden. Hier kann noch viel getan werden. Es geht auch darum, ein positives Loyalitätsverhältnis zu unseren Behörden aufzubauen. Oft ist es so, dass Gewaltbetroffene, egal ob Mann oder Frau, schlicht nicht wissen, wo sie sich Hilfe holen können.

Was können die Behörden Ihrer Meinung nach konkret besser machen?
Man sollte schon bei der Visumserteilung beginnen, die künftigen Eheleute über die hiesigen Geschlechterverhältnisse zu informieren. Dazu braucht es den persönlichen Kontakt, wo nötig mit Dolmetschern, und nicht irgendwelche eng bedruckten Blätter, welche nur von Leuten gelesen werden, die mit dieser Verwaltungssprache vertraut sind. (Der Bund)

Erstellt: 21.04.2017, 07:15 Uhr

Gerda Hauck war von 2001 bis 2007 Integrationsbeauftragte der Stadt Bern; seit 2007 ist sie Präsidentin des Vereins «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen». (Bild: Adrian Moser (Archiv))

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Das Regionalgericht Bern-Mittelland verurteilte letzte Woche einen 50-jährigen Mann aus dem Irak zu zehneinhalb Jahren Freiheitsentzug. Der Mann, der seit 1999 in der Schweiz lebt, hatte ein wahres Schreckensregime errichtet und machte seiner 35-jährigen Frau aus dem Iran und den beiden Kindern das Leben zur Hölle.

Das Erzwingen des Geschlechtsverkehrs, verbunden mit Schmerzen, beurteilte das Gericht als mehrfache Vergewaltigung. Zudem trat der Mann seine am Boden liegende schwangere Frau, worauf eine Auskratzung vorgenommen werden musste. Mehrmals bedrohte er sie mit einem Messer. Wenn sie antönte, dass man sich friedlich trennen könnte, drohte er ihr und den Kindern mit dem Tod. Die Gerichtspräsidentin sagte bei der Urteilsbegründung, der Fall spiele sich vor dem Hintergrund einer ganz anderen Kultur ab. (ama)

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