«Das Auto sollte einen Ton und ordentlich PS haben»

Der 17-jährige Silvan Grüter absolviert eine Lehre als Lastwagenchauffeur. Er spart Geld, um sich ein eigenes Auto zu kaufen. Mit leisen Elektroautos kann er nicht viel anfangen.

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Wenn Silvan Grüter nicht gerade mit dem Lastwagen unterwegs ist, setzt er sich auf sein Töffli. Von seinem Wohnort in Heimiswil nach Burgdorf sind es rund 20 Minuten Fahrzeit. «Bei meinem Töffli habe ich den Auspuff ausgebohrt, damit es einen besseren Ton hat», sagt Silvan. In Burgdorf trifft er sich ab und an mit Freunden in der Bar B5 auf ein Bier. Aber ohne zu überborden: Alkohol trinkt er nur am Wochenende. Seine Lehre als Lastwagenchauffeur verträgt sich nicht mit Alkohol, hier gilt ein strikter 0,0-Promille-Grundsatz. Für Silvan kein Problem, denn seine Lehre bedeutet ihm viel.

Nach einem Abstecher ins B5 geht es nach Heimiswil. Dort wohnt Silvan mit seinen Eltern und seinem Bruder. Für das Video empfängt Silvan in seinem Zimmer. Ein kleiner Raum mit einem Bett und einem Boxsack. Einen Schreibtisch sucht man vergebens: «Hausaufgaben erledige ich am Küchentisch.»

Fokus auf die Lehre als Lastwagenchauffeur

Aktuell absolviert Silvan das zweite von drei Lehrjahren als Strassentransportfachmann EFZ. Mit 17 Jahren erhalten die Lernenden den Lernfahrausweis der Kategorie B, C und CE. Das heisst, dass Silvan bereits jetzt mit einem Lastwagen Transportaufträge ausführen kann. Bis zu seiner Volljährigkeit wird er von seinem Ausbilder auf den Fahrten begleitet. «Das Gefühl, so hoch oben die Situation überschauen zu können, ist super», sagt Silvan über seine erste Fahrt im Lastwagen im Rahmen eines Ferienpasses. Von da an wollte er Lastwagenchauffeur werden. «Ich hatte keinen Plan B.»

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Sich Ziele zu setzen und fokussiert darauf hinzuarbeiten, ist Silvan wichtig. Dies kritisiert er bei manch anderen Jugendlichen, die sich für ein Studium entscheiden, ohne zu wissen, wohin sie genau wollen. «Ich weiss, was ich will, und will dafür nicht von anderen diskriminiert werden», sagt Silvan. Um sein Ziel zu erreichen, nimmt Silvan auch einen Schultag pro Woche in Kauf. Obwohl er viel lieber mit seinem Lastwagen unterwegs zu Kunden sein möchte. Zum Glück gibt es da noch seine anderen Schulkameraden, mit denen er sich gut versteht. Den Weg zur Berufsschule in Lyss legt Silvan mit dem Zug zurück. «Ich bin gar kein Fan von den SBB. Die Billettpreise nehmen zu, und der Platz nimmt ab. Wenn ich mit meinem Gepäck unterwegs bin, ist es im Abteil viel zu eng», sagt der Lernende über die SBB. Sobald er volljährig ist, will er deshalb selbst diese Strecke mit dem Auto absolvieren.

Den Fokus auf seinen Beruf setzt Silvan auch in seiner Freizeit. In seinem Zimmer hängt ein Boxsack, er absolviert Liegestütze, Rumpfbeugen und hebt Gewichte mit dem Ziel, in seinem Job mehr Gewicht heben zu können. Dass die Suva sein Hebegewicht mit 19 Kilo einstuft – tiefer als das, was er in der Praxis stemmt –, kümmert ihn nicht. «Mich ärgert vor allem, dass ich zu leicht bin und daher bei Steigungen die Paletten nicht richtig ziehen kann.» Natürlich denkt Silvan in seiner Freizeit auch an andere Dinge als an seine Lehre. So trifft er sich gerne mit Freunden, wird in diesem Jahr an einem Skiwochenende teilnehmen, freut sich auf die Kornhausmesse in Burgdorf und fiebert dem Truckerfestival in Interlaken entgegen.

Zum 18. Geburtstag ein Auto

Da sich Silvan in den Ferien schnell langweilt, hilft er als sogenannter Accos bei der Kirchgemeinde Heimiswil jeweils mit, das Konfirmations- und Herbstlager zu organisieren. Für die Teilnahme am Lager nimmt er Ferien. «Das letzte Mal war ich für das Morgenfit zuständig, daran hatten nicht alle Freude», sagt Silvan und lacht. Insgesamt versucht Silvan in seiner Freizeit nicht zu viel Geld auszugeben. Lieber spart er für ein Auto, das er sich auf seinen 18. Geburtstag kaufen will. «Das Auto sollte einen Ton und ordentlich PS haben», sagt Silvan. Mit leisen Elektroautos kann er nicht viel anfangen.

Silvans Vater ist Zimmermann, seine Mutter Briefträgerin, sein jüngerer Bruder geht noch zur Schule und interessiert sich mehr für Kampfflugzeuge denn für Autos und Lastwagen. Gerne sitzt Silvan zu Hause am Küchentisch und diskutiert über die Lehre oder über schnelle Autos, ein Thema, für das sich die ganze Familie begeistern kann. Dass er das neue Auto einer Freundin seiner Mutter nicht fahren darf, will er nicht so recht verstehen. Doch seine Mutter hat ihr Machtwort gesprochen, da nützen sämtliche Lastwagenerfahrungen nichts.

Im Sommer 2017 schliesst Silvan seine Lehre als Strassenfachmann ab. Danach möchte er als Auslandfahrer einmal von der Schweiz nach Schweden und wieder zurückfahren. «Dieses Gefühl von Freiheit, von Kilometerherunterfahren möchte ich einmal erleben.» Und auch den Traum, in Australien einen Roadtrain zu lenken, will er sich unbedingt einmal erfüllen. Auf die Frage, was er in zehn Jahren machen wird, gibt es für Silvan nur eine Antwort: arbeiten als Lastwagenchauffeur. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.01.2016, 07:22 Uhr

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#blackboxjugend

Das mit der Jugend ist eine merkwürdige Sache. Früher oder später rutscht man hinein. Und wenn sie überstanden ist, gehört sie für immer der Vergangenheit an. Manche zeigen dann Schwierigkeiten, loszulassen, andere sind froh, die Adoleszenz-Phase endlich abgeschlossen zu haben.

Doch egal, wie die Jugendzeit verbracht wurde, eines bleibt: Erinnerungen. An diesen werden die nachrückenden Generationen unweigerlich gemessen und bewertet. Missverständnisse sind dabei unumgänglich. Egal, wie junggeblieben man sich fühlt, der Anschluss an die Jugend ist schnell verloren. Plötzlich versteht man nicht mehr so recht, über was die da reden, man wundert sich über Hobbys und Frisuren. Gleichzeitig geistern vielen noch die glorifizierten Bilder der eigenen Jugend im Kopf herum. Im Vergleich mit der heutigen Jugend tun sich da schnell Gräben und Unverständnis auf.

Um Dinge zu erklären, die vielleicht gar nicht verstanden werden können, wird gerne auf die Statistiken zurückgegriffen. So auch, wenn es um die Jugend geht. Das jährlich erscheinende Jugendbarometer soll zeigen, wie die Jugend so tickt. 2015 war hier beispielsweise zu entnehmen, dass die Jugend eher Nein zu Drogen sagt, Geld auf die Seite legt und Karriere machen will.

Doch wer sind die Menschen hinter den Zahlen? Wie leben sie? Was beschäftigt sie? Und fühlen sie sich überhaupt verstanden? Um einen Einblick in das Leben der heutigen Jugend zu gewinnen, haben wir einen Aufruf gestartet. Menschen zwischen 15 und 20 Jahren aus Bern und Umgebung haben sich gemeldet. Zehn davon haben wir getroffen und mit ihnen über ihren Alltag gesprochen.

Sie sind uns im Video Red und Antwort gestanden und haben uns einen Einblick in ihr Fotoalbum gewährt. Zehn Tage lang publizieren wir je ein Porträt, welches Sie vielleicht überrascht, womöglich den Kopf schütteln lässt oder ganz einfach nur um ein paar Jahre zurückversetzt.

Das Dossier: www.jugendserie.derbund.ch


Mitreden auf Twitter: #blackboxjugend

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