Casa-Marcello-Wirt sagt nach 32 Jahren Adieu

Das Casa Marcello in Bern ist eine Beiz für Menschen, die sonst kaum irgendwo einkehren können. Nun hört Wirt Pesche Michel auf – die Nachfolge ist aber gesichert.

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«Sälu», «Tschou», «Hoi zäme». Wer das Casa Marcello durch die grüngestrichene Eingangstür betritt, grüsst laut Richtung Bar. Im vorderen Teil des Gast­raums mit dem Töggelikasten und den runden Stammtischen herrscht nicht viel Betrieb. Doch ganz hinten, im Fumoir, ist schon eine Stunde nach Eröffnung fast jeder Platz besetzt. Gegen die verschiedenen Durste werden Kaffee, Rotwein, selbstgebrautes Bier und hausgemachte Limonaden ausgeschenkt. Bald werden die ersten Gäste das Sonntagsmenü für einen Fünfliber bestellen, heute ist es Rahmcurry. Zubereitet vom Chef persönlich, wie jeden Sonntag.

«Eigentlich wollte ich ja gar nie Beizer werden», sagt der Chef, «dafür hatte ich eigentlich verdammt viel Glück mit dem Lokal.» Nach 32 Jahren an der Aarbergergasse hört Pesche Michel Ende Mai auf. «Es ist Zeit. Ich bin langsam ausgebrannt.» In der Nacht auf Sonntag stand er noch bis um halb drei an der Bar, servierte Fondue, zapfte Bier, räumte ­Tische ab. «Das braucht dich.»

Der letzte richtige Spunten

Am 1. Mai ist es genau 32 Jahre her, dass der gelernte Maschinenmechaniker und seine Frau Gisela das Casa Marcello eröffnet haben. Freunde brachten sie auf die Idee, das Restaurant España im Erdgeschoss als Schwulenlokal neu zu eröffnen. «Das ist ein Homolokal. Wenn es Ihnen nicht gefällt, beehren Sie uns bitte nicht wieder», war auf jedem Tisch gross ausgeschildert. Nach sechs Jahren «Rambazamba» öffnete Pesche Michel das Lokal für ein breiteres Publikum. Es sollten alle willkommen sein, die keinen Stunk machten. Neue Gäste kamen, andere verschwanden allmählich.

Heute ist das Publikum im Casa Marcello wieder homogener. Viele haben ein Drogenproblem oder einfach zu wenig Geld, um sich anderswo zu verköstigen. Die «normalen» Gäste, wie Pesche es formuliert, blieben je länger je mehr aus. Dahinter vermutet er zwei Gründe: Zum einen waren bis Mitte der Nuller-Jahre Randständige auch in anderen Lokalen noch willkommen, doch dann schlossen auch der Braune Mutz und die Traube. Seither ist das Casa Marcello allein auf weiter Flur, wo früher noch viele schummrige Spunten zu finden waren.

Zum anderen kritisiert Pesche Michel die Polizei. Manche Gäste seien durch exzessive Polizeikontrollen vergrault worden. «An manchen Tagen habe ich die Polizei zehn Mal im Haus.» Diese kontrolliere die Gäste, nehme ihnen ein paar Gramm Heroin ab und verschwinde dann wieder. «Man darf sich fragen, was das bringt. Für mich grenzt es an Schikane.» Im Lokal selbst toleriert Michel weder den Konsum noch den Handel mit Drogen. Zu Scherereien kommt es trotzdem, es geschieht ab und zu, dass er ein Hausverbot ausspricht. «Viele sind dann völlig aufgeschmissen. Sie verlieren quasi ihr Wohnzimmer.»

«Ich bin einer von ihnen»

Pesche Michel hört viele schlimme Geschichten, wenn er hinter der Bar steht: von verlorenen Familienmitgliedern, verlorenem Geld, verlorener Zuversicht. «Diese Geschichten nimmst du mit nach Hause», sagt er, «das werde ich wohl nicht vermissen.» Trotzdem erscheint es ihm im Rückblick logisch, dass das Casa Marcello zur Anlaufstelle für Randständige geworden ist. «Ich bin einer von ihnen.» Als Sohn einer abwesenden Mutter und eines namenlosen Vaters wuchs er bei seinen Grosseltern auf. Er war ein Aussenseiter. Anderen Kindern wurde der Umgang mit ihm verboten, «der Lehrer nannte mich einen Bastard». Etwas Gutes habe seine Vergangenheit aber, sagt Pesche Michel. Er und seine Familie, Gisela und die beiden Kinder Daniel und Diana, hielten zusammen wie Pech und Schwefel. «Ohne familiären Rückhalt bist du nicht 30 Jahre lang Wirt.» Tochter Diana schmeisst unter der Woche die Bar, und aus den Zapfhahnen fliessen die Biere von Sohn und Hobbybrauer Daniel. 4.50 kostet die Stange Blondes Lager.

Dass das Casa Marcello ist, wie es ist, sagt nicht allen zu. So ist die Beziehung zum Wirt des Restaurants Moléson schräg vis-à-vis frostig, weil dieser befürchtete, Michels Gäste schreckten seine Gäste ab. Michel nimmt das wenig ernst. «Mit meiner Beiz musste ich schon oft als Prügelknabe herhalten», sagt er. Er fühle sich aber nicht schuldig, wenn andere Lokale unter Einkommensschwankungen litten. «Beizen laufen wellenförmig. Das muss man aushalten können, finanziell und emotional.»

«Casa Marcello ist Kult»

Seinen Nachfolgern übergibt er aber nach eigenen Angaben ein gesundes Lokal, das Casa habe immer schwarze Zahlen geschrieben. «Wir machen 60 Prozent unseres Umsatzes mit Bier, das sind gute Margen.» Als sich herumsprach, dass Pesche Michel allmählich das Handtuch werfen wollte, kamen viele Anfragen. Als Besitzer der Liegenschaft überlegte er sich den nächsten Schritt gut. «Ich wollte kein Kebablokal und keine Pizzeria. Alles soll bleiben, wie es ist.»

Schliesslich fand er in Roland Staudenmann einen neuen Pächter. Dieser gründete einst die Wunderbar, dann die Taxibar und schliesslich den Jack Klub in der Schweizerhofpassage, ein Afterhour-Club, der bis in die Morgenstunden geöffnet hat. Ausserdem war er Vertreter der mittlerweile aufgelösten Bellone AG, Besitzerfirma der Liegenschaft des ehemaligen Bordells am Lagerweg in der Lorraine. Für ihn war klar: Das Lokal in der Aarbergergasse muss bleiben: «Das Casa Marcello ist Kult. Wir wollen nichts verändern», sagt Staudenmann. Gemeinsam mit drei Kompagnons will er ab Juni das Casa Marcello weiterführen – mit der Unterstützung der bisherigen Angestellten. Auch sonst bleibt vieles beim Alten: Es soll weiterhin 365 Tage im Jahr geöffnet sein, und auch das Fünfliber-Menü bleibt im Angebot.

(DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 17.01.2016, 23:02 Uhr)

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